Auf der Höhe der Zeit? – mit dieser Frage eröffnete Professor Christian Hopmann, Leiter des Instituts für Kunststoffverarbeitung, das Kolloquium in Aachen und präsentierte die Antworten, die die Forschung und Lehre am IKV dazu geben kann. In seinem Vortrag wies Professor Hopmann ausdrücklich darauf hin, dass sich „Integrative Kunststofftechnik“ vom Exzellenzcluster „Integrative Produktionstechnik für Hochlohnländer“ ableitet, der einzige Exzellenzcluster, in dem die Kunststoffverarbeitung prominent vertreten ist. Der Exzellenzcluster untersucht, wie es Unternehmen gelingen kann, offensichtlich widersprüchliche Markterfordernisse miteinander zu verbinden und dem Wunsch des Kunden nach individuellen Produkten zu entsprechen.

Professor Hopmann zeigte Herausforderungen wie das Verkürzen von Anlaufprozessen durch verbesserte Prozess-Simulation, das verbesserte Vorhersagen von Produkteigenschaften durch integrative Simulation prozessgeprägter Werkstoffeigenschaften und die Verfahrenskombination und Werkstoffintegration auf und wies ausdrücklich auf die hohen Innovationspotenziale der integrativen Produktionstechnik hin. Den zweiten Tag des Kolloquiums eröffnete Dr. Carolin Vogt, IKB AG, Düsseldorf, mit dem Plenarvortrag „Das konjunkturelle Umfeld – Herausforderungen für die Gummi- und Kunststoffindustrie“. In ihrem Vortrag ging Dr. Vogt auf die Auswirkungen der Banken- und Staatsschuldenkrise und die damit einhergehenden Risiken für die Kunststoffbranche ein. Sie zeichnete ein positives Bild der deutschen Wirtschaft sowie der Weltwirtschaft insgesamt. Die USA werde als Lokomotive der Weltwirtschaft ausfallen, doch andere Märkte ziehen nach. So wie auch China inzwischen erkannt habe, dass ein maßvolles, dafür stetiges Wachstum nachhaltiger sei. Deutschland stehe als Kern des Euroraums besser da als die USA bezogen auf die Relation zwischen BIP und Verschuldung. Doch die USA würden von den Finanzmärkten nicht in der gleichen Weise zur Konsolidierung gezwungen.

Die Wachstumsprognosen für Deutschland seien besser als erwartet, weil hier im Gegensatz zu den USA nicht mit größeren strukturellen Problemen zu kämpfen ist. Für die kunstoffverarbeitende Industrie stellt die Expertin in ihrer Analyse fest, dass trotz gestiegener Rohstoffpreise das Risiko für Insolvenzen nicht erhöht sei. Vielmehr erhöhe die Schwäche des Euros die mögliche Zahl der Insolvenzen. Im Vergleich dazu sei die Gummiindustrie recht robust. Die Unternehmen seien liquide, häufig größer als die Mittelständler der Kunststoffindustrie und hätten bereits nach der vergangenen Krise eine Konsolidierung durchlaufen.

Vorträge über Forschungsthemen

Bei den Fachvorträgen zum Thema Spritzgießen stießen besonders die Entwicklungen von Kunststoffoptiken auf großes Interesse. Die nun zwölfjährige Forschungstätigkeit des IKV im Sonderforschungsbereich „Prozessketten zur Replikation komplexer Optikkomponenten“ hat dazu geführt, dass sich dickwandige und damit eigentlich nicht spritzgießgerechte Kunststofflinsen heute mit Abformgenauigkeiten im niedrigen zweistelligen Mikrometerbereich herstellen lassen. Auf dem Kolloquium wurde erstmals eine werkzeugtechnische Lösung gezeigt, mit der auch der Zentrierfehler der optischen Flächen zueinander eliminiert werden kann.

Bei Extrusion und Weiterverarbeitung wurde dem Fachpublikum unter anderem ein neues Verfahren zur Herstellung funktionsintegrierter Folien präsentiert. Die variotherme Prozessführung ermöglicht die Abformung von Mikrostrukturen in einem kombinierten Extrusions- und Prägeprozess zur Herstellung superhydrophober Oberflächen. Bei der Formteilauslegung und Werkstofftechnik stieß eine neuartige Prüfvorrichtung auf großes Interesse, mit der Kennwerte von Kunststoff-Metall-Hybridbauteilen unter definierten Lastfällen (zum Beispiel Zug, Schub) ermittelt werden. Auf dem Gebiet der faserverstärkten Kunststoffe stießen die numerischen Untersuchungen zur Auswirkung von Mikroschädigung auf die mechanischen Eigenschaften auf großes Interesse.

Workshop-Themen mit Weitblick

Ein beinahe überfüllter Raum im Leichtbau-Workshop machte deutlich, wie wichtig dieses Thema für über 200 Teilnehmern war. Beim Einsatz von Fasverbundwerkstoffen liegt die große Herausforderung insbesondere in der Entwicklung automatisierter serientauglicher Fertigungsverfahren, die ein hohes Maß an Funktionsintegration zulassen. Des Weiteren müssen die nächsten Fahrzeuggenerationen losgelöst von heutigen Konzepten betrachtet werden, um das Potenzial des Werkstoffs FVK zukünftig besser zu nutzen.

Ein weiterer Workshop widmete sich den „Standort- und Portfoliostrategien in der Kunststoffindustrie“. Dr. Willy Bert Hoven-Nievelstein, BASF, präsentierte die Strategie aus der Sicht eines Global Players. Bernd Reifenhäuser, Reifenhäuser Maschinenfabrik, erklärte, dass das Unternehmen durch Diversifikation nicht von einem Markt abhängig ist. Zwar mache das Maschinenbauunternehmen über 50 Prozent des Umsatzes im Ausland, das Know-how sei jedoch in Deutschland konzentriert. Für Matthias Kaufmann, RKW, sind mögliche Absatzmärkte und die sichere Versorgung mit Rohstoffen Hauptfaktoren der Standort- und Portfoliostrategie. Der Workshop „Leistungsfähige und hoch präzise Werkzeuge – nicht nur für die Medizintechnik“ fand großen Anklang bei Vertretern aller Branchenzweige. Die Medizintechnik stellt nach wie vor einen bedeutenden Innovationsmotor dar. Für Unternehmen, die die entsprechenden Fertigungsverfahren zur Herstellung hochspezialisierter Werkzeuge für die Kunststoffverarbeitung oder die Fertigung komplexer Bauteile mit einer kontinuierlichen Teilequalität beherrschen, bietet sich in der Medizintechnikbranche ein attraktives Tätigkeitsfeld. Die Referenten aus Unternehmen der Konstruktion und Fertigung sowie der Temperierung in der Medizintechnik gaben einen Einblick in die Herausforderungen, auch aus regulatorischer Sicht, und die Möglichkeiten innovativer Werkzeugtechnik. Antworten auf Fragen zur Vorhersage der Lebensdauer und Restlebensdauer von Kunststoffprodukten gab der gleichnamige Workshop. Die rege Teilnehmerzahl demonstrierte, dass dieses Thema hohe Aktualität besitzt.

Georg-Menges-Preis und Studienpreis Faserverstärkte Kunststoffe vergeben

Herbert Kraibühler, der seit 1996 Geschäftsführer Technik bei Arburg ist, erhielt den Georg-Menges-Preis 2012 für seine herausragenden Verdienste um die Umsetzung von Erkenntnissen aus Forschung und Entwicklung, sowie seinen Einsatz für eine kontinuierliche Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Die ausgezeichneten Leistungen Kraibühlers verdeutlichen auf besondere Art, dass nur über Forschung und konsequente Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse neue innovative Produkte entstehen können. In seiner Dankesrede betonte Kraibühler ausdrücklich, dass dieser Preis nicht ihm allein, sondern auch den Mitarbeitern von Arburg gebühre. Bereits zum dritten Mal wurde der „Studienpreis Faserverstärkte Kunststoffe“ mit einem Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro verliehen. Den Preis erhielt Arne Böttcher für seine Diplomarbeit mit dem Titel „Entwicklung akustisch optimierter Sandwich-Aufbauten für Flugzeug-Interieurbauteile“.

 

Autor

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert