Plastverarbeiter: Einige europäische Maschinenhersteller stellen auf der NPE aus. Darunter auch Wittmann. Sie zeigen dort eine „komplette Spritzgießfabrik“: Wie ausgeprägt ist die Nachfrage nach Fertigungszellen aus einer Hand?

Wittmann: Der Vorteil von Gesamtpaketen ist, dass wir uns intern um sämtliche Schnittstellen kümmern und so eine zusätzliche Dienstleistung zur Verfügung stellen, die andernfalls beim Anwender anfällt. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass diese Schnittstellen optimiert werden können, um die Effizienz der Gesamtanlage zu erhöhen. Eine steigende Zahl unserer Abnehmer ist an Gesamtpaketen interessiert, unter anderem auch, weil sie so auf die Servicestruktur eines einzigen Anbieters zugreifen können.

Plastverarbeiter: Welche Bedeutung hat die NPE für Sie?

Wittmann: Der amerikanische Markt – und somit die NPE – hat für uns eine sehr große Bedeutung. Auf Grund der langjährigen und breiten Marktaufstellung von Wittmann und der eigenen Robotproduktion in unserem Werk in Torrington, CT, sind wir schon seit vielen Jahren Marktführer im Robotbereich. Diese Stellung streben wir auch bei den anderen Produkten an und hier speziell bei den Spritzgießmaschinen. Mit der Einführung der vollelektrischen Ecopower Maschinenreihe im Jahr 2009 und der Vorstellung der Großmaschinenbaureihe Macropower im darauffolgenden Jahr sind wir für den amerikanischen Markt gut gerüstet und haben deshalb auch entsprechend hohe Erwartungen an die diesjährige Messe.

Plastverarbeiter: Unterscheiden sich die Besucher in den USA von denjenigen europäischer Messen?

Wittmann: Die NPE ist eine hochkarätige Messe für die Anwender mit Fokus auf ausgereifter und sofort einsatzfähiger Technologie speziell für amerikanische Gegebenheiten und Anforderungen. Amerikanische Kunden reagieren oftmals sehr viel impulsiver und spontaner auf neue Technologien als Europäer. Einige Technologien, die sich in Europa erst relativ langsam durchzusetzen beginnen – wie beispielsweise elektrische Spritzgießmaschinen im kleineren Schließkraftbereich – sind im Produktportfolio in den USA unverzichtbar. Ebenso war bei den Robotern viel früher eine Präferenz für Servoantriebe erkennbar.

Plastverarbeiter: Welche wichtigen Innovationen oder Informationen erwarten Sie von der NPE?

Wittmann: Der diesjährige Trend auf der NPE-Messe dürfte neben dem nunmehr schon altbekannten Thema „Energieeffizienz“, in Richtung „Connectivity“ gehen. „Connectivity“ im Sinne von Zugang zu den Betriebsmitteln über das firmeneigene Intranet oder extern über das Internet.
Der Zugang selbst sollte möglichst frei wählbar sein und kann vom Produktionsbüro erfolgen oder von einem PC irgendwo in der Welt, als auch über ein SmartPhone oder iPad. Wir erlauben viele unterschiedliche Zugriffsmöglichkeiten via WebService zu unserer B6-Steuerung oder VNC zu den Robotern und Peripheriegeräten. Somit stellen wir nicht nur eine „komplette Spritzgießfabrik“ aus, sondern auch eine „komplett zugängliche Spritzgießfabrik“.

Plastverarbeiter: Auch auf der Chinaplas ist Wittmann vertreten. Welche Bedeutung hat diese Messe für Sie und was ist das Ziel Ihrer dortigen Präsenz?

Wittmann: Der Wachstumsmarkt China ist auch innerhalb der Wittmann Gruppe der am schnellsten wachsende Markt und repräsentiert heute schon über 15 Prozent des Gesamtumsatzes unserer Gruppe. Ebenso wie das Roboter-Werk in Torrington, war uns in China bei dieser Entwicklung ein lokales Produktionswerk in Kunshan behilflich, mit dem wir schnell und zielgerichtet auf die Erfordernisse des Marktes reagieren können. Bezeichnend für den raschen Aufstieg in den letzten beiden Jahren war, dass die lokalen Erfordernisse in China die Produktionskapazitäten mehrmals überschritten hatten und wir mit unseren europäischen Werken aushelfen mussten. Wir möchten die Chinaplas nutzen, uns als regionaler Hersteller zu präsentieren und so wird der Schwerpunkt der Exponate auf den lokal produzierten Produkten liegen, wobei selbstverständlich auch die anderen Produkte – beispielsweise unsere elektrischen Spritzgießmaschinen und die Verfahrenstechnologie – nicht zu kurz kommen werden.

Plastverarbeiter: Welche wichtigen Innovationen oder Informationen erwarten Sie auf der Chinaplas?

Wittmann: Durch die stark steigenden Lohnkosten in China wird die Automatisierung für die lokalen Spritzgießverarbeiter zunehmend wichtig. Das größere Marktvolumen für Roboter und Automatisierungen wird von uns und den internationalen Mitbewerbern bedient.
Es entstehen aber auch immer mehr lokale Hersteller, die ihren Anteil am rasch wachsenden Markt ausbauen wollen. Die Chinaplas ist daher eine wichtige Leistungsshow, die auch uns europäischen Herstellern die Möglichkeit zur Marktbeobachtung gibt.

Plastverarbeiter: Nicht in allen Ländern ist die Fertigung auf einem so hoch entwickelten technischen Niveau wie in Europa. Oftmals sind die neuesten Entwicklungen nicht unbedingt gefragt. Wittmann agiert weltweit. Gibt es technologische Unterschiede bei den Messe-Präsentationen und den Produkten – von der Peripherie über die Spritzgießmaschine bis hin zur Automation?

Wittmann: Selbstverständlich passen wir die Auswahl der Messeexponate an die jeweiligen Marktbedürfnisse und Gegebenheiten an. Es ist jedoch unverkennbar, dass sich die Markterfordernisse in den jeweiligen Ländern durch die fortschreitende Globalisierung der Produktion vereinheitlichen. Bei unseren Produkten gibt es weltweit einen einzigen technischen Standard. Dieser muss von allen unseren Produktionswerken eingehalten werden. Wir als Firma Wittmann und Wittmann Battenfeld können keine zwei Standards akzeptieren. Unsere Produkte müssen überall einwandfrei sein und an dieser Stelle gehen wir keine Kompromisse ein.

Plastverarbeiter: Wo aber liegen die Unterschiede?

Wittmann: Der größte Unterschied bei den Produkten einer Spritzgießmaschinenzelle zwischen den einzelnen Regionen ist möglicherweise bei der Komplexität der Automatisierung zu erkennen. Während in Niedriglohnländern einfache „Pick-and-Place“ Anwendungen vorherrschen, sind es in den Hochlohnländern teilweise sehr komplexe Automatisierungen, um die Beeinflussung der Produktionskosten durch Personal zu minimieren.

Plastverarbeiter: Gibt es aus der Automobilbranche besondere Anforderungen an die Automation einer Fertigungszelle?

Wittmann: Die Automobilindustrie ist für unser Unternehmen der wichtigste Einzelbereich und repräsentiert über 40 Prozent unseres Gesamtumsatzes. Das erklärt auch, dass praktisch alle Robotmodelle beginnend mit dem W801 mit 3 kg an Traggewicht bis zum W873 mit 125 kg an Traggewicht und in allen denkbaren Ausführungen mit zusätzlichen Servorotationsachsen, High Speed Ausführungen und komplexen nachgeschalteten Automatisierungen in automotiven Anwendungen zum Einsatz kommen. Aber die Produktion von Automobilteilen unterscheidet sich prinzipiell nicht grundlegend von anderen Anwendungen. Der einzige Unterschied zu anderen Branchen ist möglicherweise der relativ kurze Investitionszyklus im Automobilbereich. Somit müssen auch in der Produktion die jeweils modernsten Roboter verfügbar sein. Das hilft selbstverständlich die Effizienz der einzelnen Anlagen auf höchstem technischen Niveau zu halten.

Plastverarbeiter: Welche Bedeutung hat der Leichtbau für ihre eigenen Produkte?

Wittmann: Leichtbau ist bei Robotern immer schon ein Thema gewesen. Da alle bewegten Achsen für einen Robotablauf unentwegt beschleunigt und abgebremst werden müssen, wirkt sich eine Gewichtsreduzierung nicht nur positiv auf den Energieverbrauch, sondern auch schonend auf die Mechanik aus und ermöglicht intelligentere Konstruktionen. Gleichzeitig muss natürlich die Steifigkeit der Achsen berücksichtigt werden, um ein ungünstiges Schwingungsverhalten zu verhindern. In jede Roboterkonstruktion fließt die Finite-Elemente-Berechnung zur Optimierung des Gewichts und Steifigkeit und zur Minimierung des Schwingungsverhaltens ein.
Anfang der 90-er Jahre war Wittmann der erste Roboterhersteller in der Kunststoffbranche, der Roboter in Carbonbauweise herstellte. Diese wurden speziell für High-Speed Anwendungen eingesetzt und konnten sich sehr gut behaupten. Aus zwei Gründen sind wir letztendlich dennoch davon abgekommen: erstens, aus Kostengründen und zweitens, weil in vielen Anwendungen herkömmliche Greiferkonstruktionen zum Einsatz kamen, die den Gewichtsvorteil wieder zunichte machten.

Plastverarbeiter: Welches ist nach Ihrem Ermessen der derzeit wichtigste Zukunftstrend in der Robotik?

Wittmann: Der wichtigste Zukunftstrend liegt in einem noch einfacheren und intuitiven Zugang des Bedieners zu den Funktionen des Roboters. Da sich die Anwendungen von Robotern in der Kunststoffbranche weltweit weiter durchsetzen werden, kommen vermehrt neue Bedienergruppen damit in Kontakt, die bislang möglicherweise noch nie Kontakt mit Automatisierung hatten. Deshalb haben wir uns für unsere Robotsteuerung R8.2 das Ziel gesetzt, mit Hilfe der neuen Bedienumgebung Quickedit einen praktisch selbsterklärenden Einstieg in die Verwendung von Standardabläufen zu ermöglichen.
Des Weiteren erlaubt unsere Robot-Steuerung die Verwendung von Echtzeitfunktionen, wie Smartremoval, Quickstart, Ecomode oder Softtorque, die dem Bediener viele Aspekte der Interaktion mit der Maschine abnimmt und die Realisierung von komplexen Funktionalitäten automatisiert.

 

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Christine Koblmiller