Plastverarbeiter: Welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit für Lego?
Stecher:
Nachhaltigkeit bedeutet für uns, dass wir den Einfluss, den wir auf die Gesellschaft haben, bei unserem unternehmerischen Handeln und unseren Entscheidungen berücksichtigen. Und dies nicht nur kurz-, sondern auch langfristig. Als Lego-Gruppe liegt uns die Umwelt, aber auch eine bessere Zukunft für unsere Kinder am Herzen. Diese Verantwortung als unternehmerische Aufgabe zu begreifen ist die Voraussetzung für nachhaltiges Handeln in jeglicher Hinsicht: finanziell, gesellschaftlich oder ökologisch.

Plastverarbeiter: Welche Ziele hat sich die Lego-Gruppe in
puncto Nachhaltigkeit gesetzt?
Stecher:
Wenn Sie hier umweltschonendes Handeln ansprechen, dann haben wir uns gleichzeitig spezifische aber auch ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 2020 will die Lego-Gruppe ihren gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Energien decken können. Und bereits 2015 müssen wir daher deutlich messbare Fortschritte gemacht haben. Dabei hilft es uns natürlich, dass wir unseren Gesamtenergieverbrauch in der Wertschöpfungskette deutlich reduzieren wollen: genauer um fünf Prozent pro Jahr. Betrachtet man 2011 allein, so haben wir dieses Ziel gerade so erreicht, doch nimmt man die Jahre ab 2007 hinzu, dann haben wir dieses Ziel schon übertroffen.
Plastverarbeiter: Welche Maßnahmen hat Ihr Unternehmen bisher diesbezüglich getroffen?
Stecher: Wir dürfen uns derzeit über zweistellige Wachstumsraten freuen. Wir investieren aus diesem Grund momentan in viele neue Produktionsanlagen mit der entsprechenden Ausrüstung. Da es am sinnvollsten ist, ein effektives Energie- und Abfallmanagement gleich zu Beginn in das Prozessdesign zu integrieren, ist dies derzeit einer der Schlüssel zum Erfolg unserer Nachhaltigkeitsbemühungen. Beispielsweise setzen wir Spritzgießmaschinen ein, die den „Abfall“ direkt wieder dem Prozess zuführen. Und wenn wir an neuen Spritzgieß-Technologien arbeiten, dann ist beispielsweise die Energie-Effizienz als eine Anforderung bereits in das Prozess- und Produktdesign integriert.

Plastverarbeiter: Sind diese Maßnahmen vor allem mit Kosten verbunden oder geht das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit mit einer Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit, einer Senkung der Produktionskosten einher?
Stecher: Beides. Indem wir die Abfallmengen reduzieren, die anfallenden Stoffe direkt wieder recyclen und unseren Energieverbrauch reduzieren, senken wir selbstredend unsere Kosten. Wir erreichen so unser Ziel einer langfristigen Nachhaltigkeit in Bezug auf Umwelt und Finanzen gleichermaßen. Aber es ist ein lange andauernder Verbesserungsprozess. Kurzfristig ist dies allerdings mit zusätzlichen Investitionen und Anstrengungen verbunden, doch langfristig wird uns das Erreichen unserer Ziele sowohl wettbewerbsfähiger als auch nachhaltiger machen.

Plastverarbeiter: Könnten Sie sich Legosteine aus kompostierbaren Kunststoffen vorstellen? Warum?
Stecher:
Unser erklärtes Ziel ist es, allen Kinder die besten und sichersten, spielerischen Lernerfahrungen im Konstruieren zu ermöglichen. Kunststoff hat hierfür einige fantastische Eigenschaften: Er ermöglicht die festen Klick-Verbindungen und ist sehr strapazier- und widerständsfähig. Und natürlich sind wir nicht nur offen für neue – insbesondere nachhaltige – Materialentwicklungen, sondern fördern sie auch. Doch wenn wir ehrlich sind, so gibt es derzeit keine wirkliche Alternative zum dem Material, das wir heute zum Herstellen der Lego-Steine benutzen.

Plastverarbeiter: Wie geht der GKV mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Dr. Möllenstädt:
Wir sind der Spitzenverband eines mittelständisch geprägten Industriezweigs in Deutschland. Viele Unternehmen werden von den Gesellschafterfamilien selbst geführt. Diese haben ein originäres Interesse daran, dass Geschäftsmodelle, Werkstoffe und Produktionsverfahren auch nachfolgenden Generationen dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Einkommen und Wohlstand bieten können.
Auch können viele Kunststoffanwendungen unmittelbar zum nachhaltigen Wirtschaften beitragen. Wir unterstützen die Mitgliedsunternehmen darin, die ökonomischen, ökologischen und sozialen Weichen für eine nachhaltige Produktionsweise in den Betrieben richtig zu stellen. Gleichzeitig setzen wir uns gegenüber politischen Entscheidungsträgern in Regierungen und Parlamenten dafür ein, dass geeignete Rahmenbedingungen hierfür gesetzt werden.
Plastverarbeiter: Wie sieht dieses Engagement in der Praxis aus?
Dr. Möllenstädt: Eine unserer Aufgaben ist es, Geschäftsführer, Kaufleute und Techniker aus den Unternehmen im Rahmen von Bildungsangeboten und Informationsmedien etwa über Energieeffizienz und Chemikaliensicherheit zu informieren. Außerdem sprechen wir mit Gewerkschaftsseite darüber, wie Arbeitnehmer und Unternehmer gemeinsam mit dem Ziel einer nachhaltigen Kunststoffindustrie an einem Strang ziehen können. So haben wir vor wenigen Wochen einen Verhaltenskodex für Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie vorgelegt, dem bereits mehr als 60 Unternehmen beigetreten sind. Der Kodex beinhaltet auch Elemente der Corporate Social Responsibility, einem betriebswirtschaftlichen Nachhaltigkeitskonzept. Auf diese Weise verpflichten sich Unternehmen etwa zur Einhaltung von Arbeitsschutzbestimmungen und Sozialstandards. Wir engagieren uns international für eine Verbesserung des Kunststoffrecyclings und eine Verminderung des Abfallproblems, zum Beispiel durch Projekte zum Technologietransfer mit Schwellenländern.

Plastverarbeiter: Welche Auswirkungen haben die europäischen Leitlinien und Gesetzgebungen im globalen Wettbewerb?
Dr. Möllenstädt:
Einerseits profitieren die Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie in Deutschland von der Harmonisierung der rechtlichen Rahmenbedingungen im Europäischen Binnenmarkt. Andererseits muss Europa stets im Blick haben, dass viele Industrieunternehmen auch im globalen Wettbewerb stehen. Ein klares Bekenntnis zur Industrie, als wichtigem Teil der Realwirtschaft klang vor wenigen Jahren noch furchtbar altmodisch. Inzwischen ist klar geworden: Europas ökonomische Zukunft hängt ganz entscheidend davon ab, ob es gelingt, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Industriearbeitsplätze in Europa zu erhalten. Gerade deshalb ist es nicht hinzunehmen, dass Unternehmen teilweise das Gefühl haben, mit der Flut europäischer Leitlinien überfordert zu sein. Die Umsetzung der Chemikalienrichtlinie REACh und die Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten durch die RoHS-Richtlinie sind mit umfangreichen Nachweis- und Dokumentationspflichten für die Unternehmen verbunden.

Plastverarbeiter: Welche Grundüberlegungen sollte ein Kunststoffverarbeiter anstellen, bevor er sich mit den Themen Ressourcen-, Material- und Energieeffizienz auseinander setzt?
Dr. Möllenstädt:
Die Aktivitäten zur Verminderung des Ressourcenverbrauchs werden sich in der Regel daran orientieren, durch welche Maßnahmen sich die größten Potenziale zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens mit dem geringsten Mitteleinsatz realisieren lassen. Dies können organisatorische oder gebäudebezogene Maßnahmen sein, wie die Steuerung der Beleuchtung in nicht ständig genutzten Betriebsräumen oder die Verbesserung der Wärmedämmung. Die Aktivitäten können aber auch in die Investition ressourcenschonender Produktionsverfahren und neuer Verarbeitungsmaschinen mit verbesserter Energienutzung münden. Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen verstehen, dass sich dadurch gleichzeitig ein unmittelbarer Beitrag zur Verbesserung des Betriebsergebnisses und zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens erreichen lässt. Förderprogramme des Staates können die Hürde ein wenig senken und dazu beitragen, dass Maßnahmen zur Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz rechtzeitig eingeleitet werden.

Plastverarbeiter: Welche Bedeutung haben heute schon biobasierte Kunststoffe für die Verarbeiter?
Dr. Möllenstädt:
Der Einsatz von Biokunststoffen kann unter bestimmten Voraussetzungen zur Ressourcenschonung beitragen. Nicht alle Erwartungen, die mit dem Label „Bio“ geweckt werden, können jedoch tatsächlich erfüllt werden. Ich plädiere für einen sorgfältigen Vergleich der Umweltinanspruchnahme erdölbasierter Kunststoffprodukte mit solchen auf der Basis nachwachsender Rohstoffe im Einzelfall auf der Grundlage der Ökobilanz. Überdies steht die Erzeugung von Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen mit Blick auf die landwirtschaftlichen Anbauflächen in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung, was vor dem Hintergrund der immer noch defizitären Ernährungssituation in vielen Regionen der Welt problematisch ist.

Plastverarbeiter: Wie konnte ihr Unternehmen bisher mit Nachhaltigkeit Besonderes leisten?
Erbstößer:
Mit unseren Kautschuk-Innovationen für „grüne Reifen“ ermöglichen wir den Reifenherstellern, die Anforderungen in den oberen Klassen des EU-Reifenlabels, das ab November 2012 in Kraft tritt, umzusetzen. Unsere hoch elastischen NdPBR-Kautschuke senken den Rollwiderstand von Reifen und reduzieren damit den Kraftstoffverbrauch und den CO2-Ausstoß.
Ein weiterer Produktbereich sind die technischen Kunststoffe, mit denen Leichtbaulösungen im Automobil umgesetzt werden können. Als reine Kunststoffteile oder in Kunststoff-Metall-Verbundtechnologie ausgeführt ersetzen sie metallische Werkstoffe und reduzieren damit das Gewicht. Bei herkömmlichen Fahrzeugen senkt das die CO2-Emissionen, bei Elektro-Fahrzeugen wird die Reichweite erhöht.
Außerdem werden wir ab diesem Jahr phthalatfreie Weichmacher aus Bernsteinsäure herstellen, die von dem US-amerikanischen Unternehmen BioAmber aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt wird. Das Verfahren erfordert weniger Energie und ist kostengünstiger. Außerdem kann es eine bessere CO2-Bilanz aufweisen als mit fossilen Rohstoffen hergestellte Bernsteinsäure.

Plastverarbeiter: Ihr Unternehmen hat die Nachhaltigkeit in der letzten Zeit stärker betont. Steckt hier eine Marketingstrategie dahinter oder geht es um Anwendungen?
Erbstößer:
Für uns ist Nachhaltigkeit ein integraler Bestandteil der Konzernstrategie. Als Spezialchemie-Konzern bekennen wir uns zu unserer Verantwortung und investieren in nachhaltige Lösungen. Das gilt nicht nur für Prozesse und Produktionsverfahren, bei denen wir laufend weiteres Einsparpotenzial identifizieren, sondern auch für die Produkte selbst, die in nachhaltigen Anwendungen zum Einsatz kommen. Dabei versuchen wir natürliche Ressourcen zu schonen und – wo möglich – erneuerbare Energien zu nutzen.
So haben wir beispielsweise das Klimaschutzziel für Deutschland bereits 2009 erreicht: 80 Prozent der Emissionen bis zum Jahr 2012 im Vergleich zu 2007 zu reduzieren. Nun geht der Konzern einen Schritt weiter. Bis 2015 sollen sowohl die spezifischen CO2-Emissionen als auch der spezifische Energieverbrauch pro Geschäftssegment um 10 Prozent reduziert werden. Darüber hinaus sollen die Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen (VOC) bis 2015 weltweit um 30 Prozent reduziert werden.
Doch genauso wichtig ist es, unseren Kunden Produkte und Lösungen anzubieten, die helfen, CO2-Emissionen zu senken. Alle Aktivitäten in Sachen Nachhaltigkeit haben einen direkten Bezug zum Kerngeschäft nach dem Motto: „Was gut für das Geschäft ist, ist gut für die Gesellschaft.“ Dahinter steht der Anspruch, bei allen geschäftlichen Aktivitäten die Erfordernisse von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft miteinander zu verbinden.

Plastverarbeiter: Welche Maßnahmen haben sie bei Lanxess selbst getroffen, um diese Ziele zu erreichen?
Im brasilianischen Porto Feliz betreiben wir eine hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die mit faserigen Zuckerrohrabfällen befeuert wird, so dass die Energie CO2-neutral erzeugt wird.
Bei der Herstellung von Ionenaustauscherharzen in Jhagadia, Indien, beziehen wir die nötige Energie aus einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die mit Erdgas betrieben wird.
Im französischen Port Jérôme sorgt eine Regenerative Thermische Oxidationsanlage (RTO) für saubere Luft. Dort senkt ein innovatives Verfahren die CO2-Emission bei der Verbrennung von Kohlenwasserstoffen um rund 50 Prozent gegenüber herkömmlichen Methoden. Und im belgischen Zwijndrecht sparen wir mit einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage jährlich ungefähr 400 GWh Erdgas ein, was einer Senkung der CO2-Emissionen um 80.000 Tonnen pro Jahr im Vergleich zur bisherigen Energieerzeugung entspricht.

Plastverarbeiter: Wie manifestiert sich die Nachhaltigkeit in den Rohstoffentwicklungen?
Erbstößer:
Bei der Herstellung von synthetischem Hochleistungs-Kautschuk setzen wir auch auf nachwachsende Rohstoffe. Seit November 2011 stellen wir den weltweit ersten EPDM-Kautschuk aus bio-basiertem Ethylen im industriellen Maßstab her. Die brasilianische Braskem liefert dazu Ethylen, das aus Zuckerrohr gewonnen wird. Vermarktet wird das Produkt unter dem Namen Keltan Eco. Innovationen rund um die Produktreihen Durethan und Pocan helfen den Verarbeitern, Kosten und Bauteilgewicht einzusparen und somit wettbewerbsfähigere Produkte zu fertigen. Die höhere Energieeffizienz der Anwendungen trägt zum Schutz des Klimas bei, da durch die Gewichtsreduzierung Kraftstoff eingespart werden kann.

Plastverarbeiter: Bio-Kunststoffe sind in der Regel etwas teurer. Ist dies ein Kostentreiber für die Kunststoffverarbeiter? Oder ergeben sich Wettbewerbsvorteile?
Erbstößer:
In gewissen Grenzen mag es zutreffen, dass Polymere auf biologischer Basis heute noch teurer sind als die petrochemischen Pendants. Das könnte sich aber schon bald ändern, wenn der Ölpreis weiter steigt. Dann sind biobasierte Kunststoffe und Kautschuke preislich absolut wettbewerbsfähig. Außerdem ist der Preis auch eine Frage der großtechnischen Produktion und letztlich auch des Wertes, den Kunden einem Bio-Produkt beimessen. Ein aktuelles Beispiel: Bei unserem EPDM-Kautschuk Keltan werden wir mittelfristig jährlich rund 10.000 Tonnen bio-basierten Kautschuk herstellen. Wir entsprechen damit dem Wunsch der Industrie: den „Grün-Anteil“ im Kautschuk zu erhöhen, nicht nur in der Automobil-Industrie, sondern auch für Anwendungen in der kunststoffverarbeitenden Industrie, bei Kabelproduzenten und in der Bauindustrie. Mit der Eco-Variante wird der „grüne“ Fußabdruck deutlich verbreitert. Das ist ein handfester Vorteil für die Kommunikation mit dem Endkunden. Und die Erfahrungen aus anderen Märkten zeigen: Nicht nur unsere, sondern auch die Verbraucher sind bereit, für ihr „grünes“ Produkt ein wenig mehr zu bezahlen.

 

Autor

Über den Autor

Christine Koblmiller