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Die Frage „Sind wir hier bei Wünsch-dir-was?“ kann der Produktkünstler Dr. Lionel Dean getrost mit einem „Ja“ beantworten. Denn er gehört zu einem, zur Zeit noch kleinen, Kreis von Menschen, die Zugriff auf eine Rapid-Manufacturing-Anlage haben. Mit dieser Technologie können kreativen Köpfe, sozusagen per Knopfdruck, jede digitale Wunschvorstellung in feste Materie verwandeln – und das unabhängig von der Komplexität des Produktes. Dies brachte Dean, der zuvor unter anderem bei der Design-Schmiede Pininfarina tätig war, auf das Konzept der Massen-Individualismus-Produktion. Die von ihm entwickelten Alltags-Gegenstände basieren auf per CAD erstellten Computermodellen. Diese werden vor jedem „Druck“ verändert, sodass sich zwei Objekte der gleichen Baureihe zwar immer ähnlich sehen, niemals aber identisch sind. Durch diesen Prozess entstehen – mit geringem Aufwand – Einzelstücke zum erschwinglichen Preis. Die Idee des Künstlers nahmen Fachwelt und Publikum innerhalb kurzer Zeit begeistert auf. Und so stehen seine Exponate heute unter anderem im renomierten Museum of Modern Arts in New York. Wer nicht unbedingt gleich den Atlantik überqueren, aber dennoch einige Werke Deans live erleben möchte, der kann dies zwischen dem 29. November und 02. Dezember auf der diesjährigen Euromold in Frankfurt am Main tun. Dort können Besucher in Halle 11 einen Blick auf die Exponate des Kunstschöpfenden werfen, beispielsweise einen Schalthebel aus Titan oder die moderne Interpretation eines Fabergé-Eies.

Nachgehakt
Technische Spielerei oder zukunftsweisende Technik?

Plastverarbeiter:  Dr. Dean, wie wurden Sie auf Rapid Manufacturing aufmerksam?
Dean:
Von Rapid Manufacturing hörte ich erstmalig Ende der Neunziger. Die Design-Presse war voll davon und Freunde, die in der Consumer-electronics-Industrie tätig waren, begannen die Technologie zu verwenden. Selbst einsetzen konnte ich die Technik, als ich in das Auswahlverfahren eines EU-Design-Wettbewerbs zum Thema energiesparende Beleuchtung kam. Mein Entwurf beinhaltete ein großes transparentes Formstück, das unmöglich mit regulären Verfahren herzustellen war und ich daher auf Stereo-Lithography ausweichen musste. Ich schickte die Daten via Email an das Unternehmen, und schon wenige Tage später kam mein Design per Post bei mir an. An dieser Stelle realisierte ich: Das ist die Zukunft.

Plastverarbeiter: Nachdem das Meta-Design eines Objektes wie dem Holy-ghost-chair fertig ist, wie erzielen Sie den individuellen Touch eines jeden Produktes?
Dean:
Im Falle des Holy-ghost-chairs verwenden wir Computer-Skripte. Diese erstellen auf Grundlage vorgegebener Elemente das Rückenteil des Stuhls. Es ist zwar auch weiterhin nötig hier noch einmal selbst Hand anzulegen, aber die Kernform entsteht automatisch. Prinzipiell wäre auch eine komplett computergenerierte Version denkbar, doch würde sich der Programmieraufwand bei einer Kleinserie nicht rechnen.

Plastverarbeiter:  Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen: Wird Massenproduktion, wie wir sie heute kennen, in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein und jeder Haushalt seinen eigenen 3D-Drucker besitzen?
Dean:
Dass die Massenherstellung komplett verschwindet glaube ich nicht. Rapid Manufacturing wird günstiger werden, doch die Produktion identischer Gegenstände wird auch weiterhin über Spritzgießverfahren stattfinden. Dass 3D-Drucker im privaten Bereich Einzug halten, halte ich dagegen für wahrscheinlich. Die Frage ist nur: Was werden wir mit ihnen tun? Vorstellbar wäre, dass die Leute untereinander Designs austauschen und ihren Alltagsgegenständen einen individuellen Touch verpassen.

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Philip Bittermann