Wie im letzten Heft (PV, 62, (2011), 7, S. 14) berichtet, steht die Kunststoffverarbeitung unter Dampf. Die Krise ist überwunden und die Rückstände sind überwiegend aufgeholt. Bisher lagen für 2011 nur Branchendaten für Betriebe ab 50 Beschäftigten vor. Jetzt wurden erste Zahlen zur Produktion von Kunststoffwaren (in Betrieben ab 20 Beschäftigen) verfügbar.
Damit lässt sich unsere Betrachtung auf eine breitere Grundlage stellen. Und um es vorweg zu nehmen: Die Kunststoffverarbeitung kann neue Bestmarken ins Visier nehmen. Derzeit, und das soll ausdrücklich betont werden, geht es kräftig aufwärts und die Rückstände wurden (fast überall) restlos aufgeholt. Eine Entwicklung, die, das kann nicht oft genug wiederholt werden, niemand auf dem Höhepunkt der Krise bis Mitte 2009 für möglich gehalten hätte.
In den ersten drei Monaten dieses Jahres stieg die Produktion an Kunststoffwaren nominal um 17 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro (1). Dies ist der zweithöchste jemals erzielte Wert, nur im zweiten Quartal 2008 lag man noch etwas darüber. Im Vergleich zum ersten Vierteljahr 2008, vor der Krise, stieg die Produktion um 416 Millionen Euro oder um 3,5 Prozent. Gegenüber dem Tiefpunkt im ersten Quartal 2009 hat sie sich um 3,1 Milliarden Euro erholt. Der Start ins Jahr 2011 war also perfekt, die Kunststoffverarbeitung hat nicht nur die Krise hinter sich gelassen, sondern sie ist wieder auf ihren alten langfristigen Wachstumspfad zurückgekehrt und stößt in neue Dimensionen vor. Die Wachstumsrate in den ersten drei Monaten ist die zweithöchste nach dem Aufholrekord des zweiten Quartals 2010. Seither waren die Zuwachsraten zurückgegangen, dass sie wieder anziehen würden, damit war nicht unbedingt zu rechnen.
Die realen Zuwächse fallen etwas geringer aus als die nominalen, d.h. die Verkaufspreise steigen. Im Abschwung waren allerdings auch die realen Produktionsrückgänge niedriger als die Einbußen an Produktionswert. Man hatte es damals mit Preisverfall zu tun, der aber durch stark sinkende Rohstoffpreise zum Teil kompensiert werden konnte. So fielen die Erzeugerpreise bei Kunststoffen aus heimischer Produktion (2) kurz nach Beginn der Krise ab dem letzten Viertel 2008 sehr rasch um fast zehn Prozentpunkte. Sie begannen allerdings schon im dritten Quartal 2009 wieder zu steigen und erreichten schnell wieder das alte Niveau. Bereits im dritten Quartal 2010 war dieses Preisniveau dann überschritten und inzwischen sind die Preise für Kunststoffe buchstäblich durch die Decke gegangen. Aktuell, im zweiten Quartal 2011, liegen sie knapp neun Prozentpunkte über dem Tief.
Für die Kunststoffverarbeiter heißt dies, dass zwar die Produktionskapazitäten wieder ausgelastet werden, die Rohstoffpreisentwicklung aber auf die Margen drückt. Ausrüster der Kunststoffverarbeitung, nicht zuletzt die Maschinenbauer, dürften davon profitieren. Produktivitätssteigerung ist angesagt, um mit der Kostenentwicklung Schritt zu halten.

Marktsegmente im Einzelnen

Bei Halbzeugen (3) brachen die Produktionswerte ähnlich stark ein wie bei Kunststoffwaren insgesamt, der Preisverfall war aber deutlich stärker, der reale Rückgang folglich deutlich geringer. Einiges deutet darauf hin, dass in diesem Marktsegment die Preisbewegungen nach unten bei den spezifischen Rohstoffen ausgeprägter waren, so dass die Verkaufspreise für Halbzeuge deshalb stärker nachgaben und auch nachgeben konnten. Anders als für die Branche insgesamt, entfiel hier der höchste Produktionswert in einem ersten Quartal schon auf das Jahr 2007. Seither ging es eher seitwärts denn nach oben. In den ersten drei Monaten 2001 wurde dieser Höchststand erstmals wieder überschritten, um 150 Millionen Euro. Gegenüber dem Tiefstand der Produktion im ersten Quartal 2009 konnte man um 1,1 Milliarden Euro auf über 4,3 Milliarden Euro zulegen. Dies ist aber nicht der höchste bisher gemessene Wert. Im zweiten Quartal 2008 waren es schon einmal fast 4,6 Milliarden Euro, allerdings ist das Zweite traditionell auch das Stärkere. Das Wachstum hat im ersten Quartal 2011 wieder deutlich angezogen, und zwar nominal wie real. Es ist jeweils sogar ein Wachstumsrekord zu verzeichnen. Man darf aber gespannt sein, ob die absoluten Rekordstände aus dem zweiten bzw. dritten Quartal 2008 in diesem Jahr erreicht bzw. sogar übertroffen werden können.
Bei den Verpackungen (4) begann der Einbruch viel gemäßigter und später, und die Erholung setzte dann auch verzögert ein. Auch war der Einbruch durchweg etwas geringer, folglich bestand geringeres Erholungspotenzial, weshalb der nachfolgende Aufschwung weniger spektakulär verlief. Noch im letzten Quartal 2009 fielen Produktionswert und -menge und erst Anfang 2010 ging es wieder bergauf. Das Plus im ersten Quartal 2011 gegenüber dem früheren Hoch im Vergleichsquartal 2008 beträgt 58 Millionen Euro, gegenüber dem Produktionstiefpunkt im zweiten Quartal 2009 sind es immerhin 369 Millionen Euro mehr. Die Produktion liegt aktuell bei knapp zwei Milliarden Euro und ist ein bisher nie erreichter Wert. Die Wachstumsraten bei Kunststoffverpackungen sinken allerdings, liegen aber immer noch im Rekordbereich. Zumindest was die nominale Entwicklung angeht. Real gab es früher schon ähnliche Wachstumsraten.
Die Produktion von Baubedarfsartikeln kam in der Krise relativ glimpflich davon (5). Sie hatte in der jüngsten Vergangenheit schon größere Einbrüche gesehen, allerdings nach vorhergehenden kräftigen Aufschwüngen. So müssen wir bis ins erste Quartal 2005 zurückgehen, um den Tiefpunkt der Produktion in der jüngsten Vergangenheit zu bestimmen. Der Produktionswert in den ersten drei Monaten 2011 lag im Vergleich dazu um 260 Millionen Euro darüber, gegenüber dem früheren Höchstwert. Im ersten Quartal des Jahres 2007 beträgt der Vorsprung immerhin 88 Millionen Euro. Insgesamt belief sich die Produktion im ersten Vierteljahr 2001 auf etwas unter 1,2 Milliarden Euro, sehr vielversprechend für das erste Quartal, welches traditionell das schwächste im Jahresverlauf ist. Entscheidend für das Jahresergebnis sind aber das zweite und das dritte Quartal, in denen die Produktion gewöhnlich deutlich höher liegt. Aber der Start ist gelungen. Interessant ist der Vergleich zwischen Real- und Nominalentwicklung. Auch in der Krise ist der Produktionswert langsamer zurückgegangen als die reale Produktion, oder mit anderen Worten: Selbst in der Krise sind die Preise gestiegen. Und im Aufschwung stieg der Produktionswert schneller als die Produktion, auch hier also steigende Preise. Zu Jahresanfang 2011 hat sich das Wachstum im Übrigen sehr beschleunigt, auf 18 Prozent nominal und fast 16 Prozent real. Nur im vierten Quartal 2006 haben wir zuletzt Ähnliches gesehen.
Der Abschwung bei Technischen Teilen und Konsumwaren übertraf die Einbrüche in den anderen Segmenten mehr als deutlich (6). Im vierten Quartal 2009 kam die Wende und im ersten Halbjahr 2010 ging es kräftig aufwärts. Seither haben sich die Zuwächse etwas verringert, sind aber noch immer beachtlich. Das reicht aber nicht aus, früheres Niveau zu erreichen. Im ersten Quartal 2011 liegt die Produktion noch immer um 28 Millionen Euro unter dem Vergleichswert aus den ersten drei Monaten 2008. Gegenüber dem Tief von Anfang 2009 ist die Produktion allerdings um 1,3 Milliarden gewachsen und beläuft sich nun auf noch deutlich unter 4,5 Milliarden Euro. Es bleibt abzuwarten, ob man im zweiten Quartal 2011 den Höchstwert aus dem Vergleichsquartal 2008 übertreffen kann.
Betrachtet man Technische Teile und Konsumwaren getrennt (7), zeigt sich, dass das Wachstum derzeit vor allem von den Technischen Teilen getragen wird. Hier liegen die Zuwächse deutlich über denen bei Konsumwaren, bei denen in der Summe die Produktionsrückgänge ähnlich stark waren wie bei Technischen Teilen. Verbraucher und Industrie haben aber unterschiedlich schnell auf die Krise reagiert. Zuerst brach die Investitionsgüternachfrage ein, weshalb die Produktion von Technischen Teilen stark schrumpfte. Konsumwaren folgten dann mit Verzögerung. Technische Teile schafften auch früher die Wende, Konsumgüter brauchten länger und holen langsamer auf.
Technische Teile weisen auf jeden Fall gegenüber dem Vergleichsquartal 2008 ein deutliches Plus (8) aus, während Konsumwaren, obwohl sie nur 60 Prozent des Produktionswertes der Technischen Teile erreichen, ein noch größeres Minus beisteuern. Dass das Marktsegment der Technischen Teile und Konsumwaren insgesamt im Rückstand liegt, ist also vollständig auf die Konsumwaren zurückzuführen. Das verwundert etwas, ist doch die Binnenkonjunktur ein wichtiger Impulsgeber für den aktuellen Höhenflug der Kunststoffverarbeitung.

Weiter Aufschwung, aber…

Für das zweite Quartal, welches nun auch schon hinter uns liegt, dürfen wir weiterhin kräftiges Wachstum annehmen. Branchendaten für Betriebe ab 50 Beschäftigen signalisieren uns für den April und Mai ein anhaltend hohes Produktionsniveau, vor allem im Halbzeugsegment und beim Baubedarf. Bei Verpackungsherstellern und Produzenten von Technischen Teilen bzw. Kon-sumwaren hat sich die Kurve etwas abgeflacht. Dort könnte es sein, dass man gegenüber dem ersten Quartal keine Zuwächse verzeichnen kann. Da noch keine Daten für Juni verliegen, ist es noch zu früh für eine endgültige Aussage. Und vermutlich erst zur Fakuma wird man wissen, wie die Produktion im zweiten Quartal ausgegangen ist. Technisch bedingt, dürften die Zuwächse künftig wieder kleiner ausfallen, weil in der zweiten Jahreshälfte 2010 bereits ein großer Teil des vergangenen Konjunktureinbuchs aufgeholt war. Zudem beginnt sich die Weltkonjunktur abzuschwächen bzw. sie richtet sich auf gemäßigteres Wachstum ein. Für 2011 dürfte aber ein dickes Plus für die Kunststoffverarbeiter resultieren. Wie deutlich es am Ende ausfallen wird, steht aber mehr denn je in den Sternen. Einstellig, und nicht zweistellig, wie vielleicht die derzeitigen Wachstumsraten suggerieren, wird es auf jeden Fall.

 

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Winfried Pfenning