Es sind die medial eng begleiteten, über uns hereinbrechenden Ereignisse wie der Supergau in Fukushima, die Menschen sehr schnell zum Umdenken bewegen. Das Wahlergebnis in Baden-Württemberg und das eindeutige Ja zum Atomausstieg für Deutschland sind konkrete Ergebnisse. Was aber, wenn die Veränderungen schleichend sind? Wir wissen, dass unser Lebensraum gefährdet ist, unsere Energiereserven zur Neige gehen. Deshalb hat unsere Branche seit langem im Blick, dass Erdölvorkommen endlich, und gebrauchte Kunststoffe daher als Wertstoffe zu behandeln sind. Doch die Herausforderung ist komplexer als die Energiewende, denn ein Ausstieg aus dem Kunststoffzeitalter ist nicht denkbar. Zu sehr ist dieses Material heute mit unserem Leben und Arbeiten verwoben.
So sind zwei unterschiedliche Handlungsstränge in der Kunststoffindustrie zu beobachten. Beide Zukunftsthemen begleitet der Plastverarbeiter als Branchenmedium sehr aufmerksam: zum einen die Entwicklung von Kunststoffen auf Basis nachwachsender Rohstoffe, zum anderen die Verwertung der Kunststoffprodukte am Ende ihres Lebenszyklus, sei es durch Recycling oder durch biologischen Abbau.
Dem erstgenannten Thema, biobasierten Kunststoffen hier im Speziellen mit Naturfaserverstärkung, widmen wir uns in dieser Ausgabe in der Titelstory ab Seite 18. Die prognostizierten Produktionskapazitäten sind stark steigend, möglicherweise entwickelt sich hier eine wichtige Werkstoffklasse der Zukunft. Ein weiterer Artikel zum Thema Bio-Polyamide wird im August erscheinen. Viele andere bereits erschienene Beiträge zu diesen Themen – und zum Thema Recycling – finden Sie unter „Weitere Infos“ als Links unter dem Editorial auf www.plastverarbeiter.de, Stichwortsuche PV1107Edi.
Übrigens: Nicht notwendigerweise sind Bio-Kunststoffe auch biologisch abbaubar. So gibt es biologisch abbaubare Kunststoffe aus petrochemischen Rohstoffen. Aber auch biobasierte Kunststoffe, die dem mechanischen Recycling oder der thermischen Verwertung zugeführt werden müssen. Genaues Hinsehen ist wichtig. Das Recycling selbst wird durch die vielen unterschiedlichen Farb- und Füllstoffe, Faserverstärkungen und funktionale Additive erschwert. Oftmals wandern daher wertvolle Kunststoffprodukte in die Verbrennungsanlagen – energetischer wie wirtschaftlicher Nonsens, denn gleichzeitig steigen die Rohstoffpreise in einem bisher nicht gekannten Maß. Selbst in den kleinsten Produkten finden sich daher mittlerweile auch Anteile recycelten Kunststoffs wieder, wie eine der Entwicklungen aus dem Hause Tesa (Seite 66) zeigt.
Denn eines ist sicher: Hat die mediale Aufbereitung des Themas Nachhaltigkeit ersteinmal in der Breite gegriffen, dann sind „Öko“ oder „Bio“ als Verkaufsargument unschlagbar. Gut so, denn genau dies ist der Umdenkprozess, der für uns Menschen auf lange Sicht unverzichtbar sein wird.

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Christine Koblmiller