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Materialtechnisch gesehen ist der „Hemp Chair“ des Berliner Designers Werner Aisslinger und der BASF keine echte Sensation, denn es gibt auch Beispiele wie ein Mobiltelefongehäuse von NEC, das aus Naturfasern und dem Biopolymer Polymilchsäure (PLA) hergestellt wurde und somit vollständig biologisch erzeugt und abbaubar ist. Oder der Parupu-Chair aus Papier und PLA. Dennoch darf dieser Stuhl als ein Signal gelten: Er steht in der Tradition von stapelbaren Monoblock-Stühlen (Monoblock = aus einem Stück), die bislang in großen Stückzahlen aus reinem Kunststoff (via Erdöl) hergestellt werden; der Hemp Chair kann dagegen mit einem überwiegenden Anteil an Naturfasern punkten. Eine Trendwende? Gut möglich, denn das industrielle Formpress-verfahren, mit dem dieser Stuhl hergestellt wurde, ermöglicht eine kostengünstige Serienproduktion von dreidimensionalen Objekten, die sehr robust und gleichzeitig leicht sind, heißt es bei der BASF. In der Automobilindustrie ist dieses Produktionsverfahren weit verbreitet. Naturfaserverbunde werden oft für Leichtbauteile wie Türinnenverkleidungen, Ablagen und andere Autoinnenteile genutzt.
Werner Aisslinger betrachtet die Entwicklung des Stuhls und seines Materials natürlich aus dem Blickwinkel des Designers: „Neue Technologien und innovative Materialien haben stets großen Einfluss auf die Geschichte des Designs gehabt. Sie waren immer der Startpunkt für neue Objekte und Typologien“, sagt er. Da darf man durchaus an den „Plastic Chair“ von Charles and Ray Eames aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts denken, der damit materialtechnisch eine ganz neue Bahn brach.
Wer sich daran stört, dass der Hemp Chair nicht ganz „bio“ ist, kann zumindest damit getröstet werden: Im Gegensatz zu klassischen Reaktivharzen werden bei der Vernetzung des wasserba-sierten Acrylharzes Acrodur, das für den Stuhl verwendet wird, keine organischen Stoffe wie Phenol oder Formaldehyd
freigesetzt. Einziges Nebenprodukt bei der Aushärtung ist Wasser, verlautet die BASF beziehungsweise Dr. Michael
Kalbe vom Technischen Marketing Dispersionen für Faserbindung bei dem Chemieunternehmen.

Der Designer
Werner Aisslinger, 1964 geboren in Nördlingen, lebt und arbeitet in Berlin. 1993 gründete er „studio aisslinger“ mit den Schwerpunkten Produktdesign, Konzeptdesign und Markenarchitektur. Als Designer interessiert er sich besonders für den Einsatz neuester Technologien und ungewöhnlicher Materialien, die er im Bereich Produktdesign anwendet. Seine Gel-Möbel waren die ersten ihrer Art. Aisslingers Juli Chair, das erste Möbel aus Polyurethanintegralschaum, war der erste deutsche Stuhl, der seit 1964 für die permanente Kollektion des Museum of Modern Art (MoMA) in New York ausgewählt wurde. Aisslinger erhielt für seine Neuentwicklungen zahlreiche Designpreise.
www.aisslinger.de

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Dieter Wirth