Inzwischen liegen die Zahlen für die Produktion von Kunststoffwaren für das Jahr 2010 vor. Das erlaubt uns die Entwicklung nachzuzeichnen und die Frage anzusprechen, wie es 2011 wohl weiter gehen könnte. Zuerst zur Bilanz 2010. Die Produktion stieg im vergangenen Jahr um 15,4 Prozent auf 46,5 Milliarden Euro (1). Das ist fast exakt der Prozentsatz, um den sie im Jahr 2009 eingebrochen war. Wegen der niedrigeren Ausgangsbasis für 2010 wurde der alte Spitzenwert von 2008 nicht ganz erreicht. Jeweils ein Drittel entfallen auf technische Teile und Konsumwaren sowie Halbzeuge (Folien, Platten, Profile, Rohre), 16 Prozent auf Verpackungsartikel (Behälter, Fässer, Flaschen) und 11 Prozent auf Baubedarfsartikel. Bemerkenswert ist die weiter gestiegene Bedeutung von Dienstleistungen (Montagen, Veredlungsarbeiten).

Kaum noch Rückstand

2008 hatte es nur deshalb noch ein minimales Plus gegeben, weil die Preise aufgrund gestiegener Rohstoffkosten angehoben worden waren, die Mengen gingen auch damals schon um etwa ein Prozent zurück (2). Im Zuge der Rezession fielen 2009 auch die Kunststoffpreise, der Mengenrückgang war deshalb etwas geringer als der Einbruch bei den Produktionswerten. 2010 schließlich fiel der Sprung bei den Produktionswerten aufgrund steigender Preise etwas stärker aus
als das Mengenplus. Allerdings, so die Klagen aus dem Verarbeiterlager (PV, 62 (2011), 4, S. 10 ff.) reichen die erzielbaren Preisanhebungen bei weitem nicht aus, um die sprunghaft gestiegenen Rohstoffkosten auszugleichen. Wertmäßig lag die Produktion 2010 nur noch wenig unter dem historischen Rekord von 2008, und ist das drittbeste je erzielte Ergebnis.  Die Produktion ist in allen Teilbereichen stark gestiegen (3). Am meisten bei den Technischen Teilen und Konsumwaren, die allerdings vorher auch den heftigsten Einbruch zu verzeichnen hatten. Trotz steigender Kunststoffpreise fällt dort der nominale Anstieg nur geringfügig höher aus als der Mengenzuwachs. Langlaufende Preisvereinbarungen und der Druck von Großabnehmern verhindern hier schnellere Preisanhebungen. Der Halbzeugbereich und die Verpackungsmittel sind ebenfalls zweistellig gewachsen. Der Bausektor, der 2009 nur einem kleinen Rückgang ausgesetzt war, wuchs nur einstellig, aber über das frühere Rekordniveau hinaus. Sprunghaft legten die Dienstleistungen zu, auf eine neues Allzeithoch. Mengenmäßig ging es bereits wieder im letzten Quartal 2009 aufwärts (4), wertmäßig zog die Produktion im ersten Quartal 2010 an, dann aber sprunghaft, angesichts des Einbruchs im Vorjahresquartal nicht wirklich überraschend. Das Wachstum, in weiten Teilen ja ein Aufholen des vorhergegangenen Einbruchs, blieb das ganze Jahr auf hohem Niveau, mit dem Ergebnis, dass in den letzten drei Monaten 2010 ein neuer Produktionsrekord für ein viertes Quartal erzielt wurde. Mit anderen Worten: Im letzten Quartal war die Aufholjagd beendet, die Produktion wächst zu neuen Ufern, das Katastrophenjahr ist Vergangenheit und bewältigt.

Entwicklung der Teilsegmente

Bei Halbzeugen (5) ist man nicht ganz so weit. Im vierten Quartal 2010 betrug der Rückstand der Produktionswerte gegenüber dem früheren Höchstwert im vierten Quartal 2006 immerhin noch 1,9 Prozent, und natürlich liegen die Ergebnisse der restlichen Quartale 2010 ebenfalls unter den früheren Rekorden. Dieser Abstand hat sich 2010 von Quartal zu Quartal verringert, ob man es in den ersten drei Monaten 2011 bereits wieder auf Rekordniveau geschafft hat, ist nicht sicher, denn dazu hätte es weiterer zweistelliger Zuwächse bedurft. Normales Wachstum vorausgesetzt, sollte der Fall aber spätestens in der zweiten Jahreshälfte eintreten. In der Bilanz für 2011 könnte dann hier ebenfalls ein neuer Produktionsrekord stehen. Die Verpackungen (6) sind im vierten Quartal fast doppelt so stark gewachsen wie sie im Vorjahresquartal abgestützt sind. Gegenüber dem früheren Rekord aus den letzten drei Monaten 2007 liegt die Produktion nominal inzwischen um 3,7 Prozent höher. In den ersten drei Quartalen war man trotz kräftigen Wachstums noch deutlich von den früheren Rekordwerten aus den Vergleichsquartalen des Jahres 2008 entfernt. Um im Jahr 2011 insgesamt wieder das alte Niveau zu erreichen, sind vor allem in der ersten Jahreshälfte kräftige Zuwächse nötig. In der zweiten Jahreshälfte genügt dann leichtes Wachstum.
Die Bauelementeproduktion (7), Anfang des Jahres 2010 noch unter dem Niveau des ersten Quartals 2009, hat sich seitdem zu immer neuen Quartalsrekorden aufgeschwungen. Zwar lag man in den letzten drei Monaten 2010 wieder minimal unter dem alten Höchstwert aus dem vierten Quartal 2006, aber im zweiten und dritten Vierteljahr 2010 wurden jeweils quartalsbetrachtet neue Bestmarken aufgestellt. Dass dies am Jahresende nicht gelang, ist vermutlich dem früh einsetzenden harten Winter geschuldet. Der wetterbedingte Stillstand der Bautätigkeit dürfte sich auch Bauelementeproduktion in den ersten drei Monaten 2011 niedergeschlagen haben. Ansonsten erscheint dieser Sektor sehr robust und vielversprechend für 2011, was vor allem an der energetischen Sanierung von Gebäudebeständen liegt. Zweifellos werden wir neue Produktionsrekorde sehen. Ganz anders die Situation bei Technischen Teilen und Konsumwaren (8). Trotz kräftigen Wachstums liegt man hier noch deutlich unter den früheren Rekordständen aus dem Jahr 2007, im letzten Quartal 2010 waren es immerhin noch 3 Prozent. Der vorherige Einbruch war so stark und damit die Ausgangsbasis so niedrig, dass es schon Wachstumsraten von 30 Prozent und mehr bedurft hätte, um das alte Niveau zu erreichen. Stattdessen lagen die Zuwächse prozentual betrachtet immer unter den Rückgängen aus den Vorjahresquartalen. Sollte die gute Konjunktur hier anhalten, dann dürften wir auch in diesem Segment im laufenden Jahr neue Rekordmarken sehen.
Betrachtet man Technische Teile und Konsumwaren getrennt, wird deutlich, dass die Erholung wesentlich dem Aufschwung bei Technischen Teilen zu verdanken ist (9), deren Produktion neue Rekordmarken erreicht. Hier gab es schon im letzten Quartal 2009 eine markante Trendwende. Hintergrund ist der boomende Export und damit auch die Nachfrage nach Gütern, die Technische Teile enthalten, vor allem Autos und Maschinen. Der Konsum kommt viel langsamer in Schwung, sollte aber im neuen Jahr weiter zulegen, denn die stabile Konjunktur hält die Verbraucher bei Laune. Konsumwaren haben im Abschwung mit Verzögerung reagiert und laufen auch im Aufschwung der Erholung hinterher.

Weiter gute Aussichten

Ein Blick auf die neuesten Produktionsdaten (10) für die Kunststoffverarbeiterbranche zeigt uns mehr als stabiles Wachstum. Im Januar und Februar 2011 wurde im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Plus von 12,2 Prozent erzielt. Diese Daten beziehen sich allerdings nur auf Betriebe ab 50 Beschäftigte und deren Gesamtproduktion, also nicht nur auf deren Produktion von Kunststoffwaren. Andererseits berücksichtigen sie auch nicht die Produktion von Kunststoffwaren von Betrieben, die schwerpunktmäßig einer anderer Branche zugerechnet werden. Aber sie sind ein geeigneter Indikator für die aktuelle Lage und unterstützen unsere Vermutung, dass die gute Konjunktur in der Verarbeiterbranche anhält. Es ist noch zu früh, sichere Aussagen zur voraussichtlichen weiteren Entwicklung zu machen, aber mit einem so deutlichen Wachstum war nicht unbedingt zu rechnen. In unserer Jahresprognose 2011 (PV 62 (2011), 1, S. 10 ff.) gingen wir von mindestens drei Prozent Produktionsplus für 2011 aus, hielten aber auch fünf Prozent durchaus für möglich. Der jetzige perfekte Start ins neue Jahr berechtigt zu allem Optimismus. Für eine Aktualisierung der Prognose ist es zwar noch zu früh, allerdings deutet derzeit alles darauf hin, dass eher der obere Prognosewert ins Auge gefasst werden sollte. Wir wissen noch nicht, wie sich Produktionseinschränkungen durch Zulieferprobleme in Folge der japanischen Erdbebenkrise ausgewirkt haben. Bisher wohl eher begrenzt. Diese Unsicherheit lässt uns vorerst an unserer Vorhersage eines Wachstums zwischen drei und fünf Prozent festhalten und keine Revision nach oben ins Auge zu fassen.

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Winfried Pfenning