So sei das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2010 um 3,6 Prozent gestiegen, der höchste Zuwachs seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Dabei habe sich die alte Regel bestätigt, dass die Kunststoffverarbeitung überproportional zum Wachstum beitrage.

Nach Erkenntnissen des GKV (Daten des Statistischen Bundesamtes ergänzt um Schätzungen des Verbandes) seien die Umsätze 2010 um 14 Prozent auf 51,3 Milliarden Euro gewachsen (1), im Auslandsgeschäft mit 15,5 Prozent etwas stärker als im Inland (+13 Prozent). Allerdings war der vorangegangene Einbruch im Export auch heftiger als im Binnengeschäft. Damit habe die Kunststoffverarbeitung fast wieder das Vorkrisenniveau von 2008 erreicht, als ein Umsatz von 52,3 Milliarden Euro erzielt worden sei. Unseren Berechnungen nach beträgt der Umsatzrückstand lediglich 1,9 Prozent. Insofern muss man dem GKV in seiner Lageeinschätzung Recht geben.

Es zeigten sich aber auch die Nachwehen der Krise. Ende des Jahres 2010 gab es nach GKV-Hochrechnungen noch rund 2.650 Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigen, fünf Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Beschäftigten sei aber nur um ein Prozent auf rund 274.000 zurückgegangen. Der GKV erklärt das damit, dass „vorwiegend kleinere Betriebe die Segel streichen mussten“, sprich insolvent gegangen wären. Allerdings hätte es auch einige bekanntere Namen, vor allem aus dem Zulieferbereich getroffen, wobei manche Meldungen nicht überraschend gewesen wären, weil vorher schon Sanierungsbedarf bestand. Kleinere Unternehmen gerieten schneller als größere in Schwierigkeiten, weil sie häufiger über geringere Kapitaldecken verfügten. Wir möchten Zweifel anmelden, dass der Betriebsschwund vorwiegend auf Insolvenzen zurückzuführen sei. Zweifellos nahmen die Insolvenzen in der Krise zu, aber es hätten dann etwa 140 Betriebe dicht machen müssen, was wir so nicht glauben. Nach der im Vorjahr präsentierten Zahl der Bestandszahl (2.874 Betriebe) wären es sogar 224 oder 7,8 Prozent weniger gewesen. Wir vermuten eher, dass ein Großteil der „verschwundenen“ Betriebe einfach aus statistischen Gründen entfallen, sprich unter die 20-Beschäftigten-Grenze gerutscht ist. Teilweise gab es auch verstärkt Übernahmen und Produktionszusammenlegungen, was ebenfalls dazu führen kann, dass zwar weniger Betriebe gezählt werden, die Zahl der Beschäftigten aber nur unwesentlich berührt wird. Auch dürften einige Inhaber die Krise zum vorzeitigen Ruhestand und entsprechend früherer Betriebsaufgabe genutzt haben als geplant. Stabilisiert worden sei die Beschäftigung in der Krise durch die Kurzarbeitsregelungen, die sich als ein Segen erwiesen hätten und wofür der Regierung „Dank“ auszusprechen sei. 50 Prozent der Betriebe hatten nach einer Schätzung des GKV auf der letztjährigen Konferenz Kurzarbeit angemeldet. Seit 2008 sei Beschäftigung in der Kunststoffverarbeitung insgesamt aber um rund fünf Prozent gesunken, was eine Produktivitätssteigerung zur Folge habe.

Nach Berechnungen des GKV hat die Produktionsmenge wieder auf 12,2 Millionen Tonnen zugenommen. Damit habe man fast wieder den Stand von 12,8 Millionen Tonnen von 2008 erreicht. Doch das ist nicht ganz richtig. Während man beim Produktionswert nur knapp, nämlich um 1,9 Prozent unter dem Stand des Jahres 2008 liegt, fällt der Rückstand bei den Mengen deutlicher aus, nämlich 4,7 Prozent. Mengenmäßig kann also noch nicht davon gesprochen werden, dass man das alte Niveau schon wieder erreicht hat. Der Unterschied zwischen Mengen- und Umsatzentwicklung ist demnach vor allem auf die Preisentwicklung zurückzuführen. Im Zuge der stark anziehenden Roststoffkosten wurden die Preise für Kunststoffwaren nach oben angepasst. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob die Produktionsmengen nun tatsächlich niedriger sind, oder ob die fehlenden Mengen bei denjenigen Verarbeitern zu verorten sind, die aus statistischen Gründen (Absinken unter 20 Beschäftigten-Grenze) aus der Statistik herausgefallen sind.

Bild 2 zeigt uns deutlich, dass in allen Teilsegmenten vor allem die Produktionswerte sprunghaft angestiegen sind, die Mengen, die natürlich in Krise nicht so stark gesunken sind wie die Werte, überall hinterherhinken.

Teilmärkte

In der Kunststoffverpackungsindustrie, dem größten Fachzweig, sei der Umsatz um 14 Prozent auf 12,2 Mrd. Euro gestiegen, die Produktion konnte um 8 Prozent zulegen (2) und erreichte hier, als einziger Teilbereich, wieder den alten Mengenrekord. Vor allem die Verpackungsfolien hätten angezogen. Im Produktionswert läge man aber noch zwei Prozent unter dem alten Wert, was die schwierige Ertragssituation vieler Verarbeiter beleuchte.

Die Bauzulieferer waren in der Krise am glimpflichsten davon gekommen, konsequenterweise hätten sie 2010 auch das geringste Wachstum aufzuweisen. Mit 10,8 Milliarden Euro lägen sie immer noch zwei Prozent unter Vorkrisenniveau. Das Wachstum komme vor allem aus dem Inland, aus der Bausanierung, aber auch aus dem Mittel- und Osteuropageschäft, während viele andere Exportmärkte noch kränkelten, besonders Spanien.

Die Hersteller von Technischen Teilen (für die Auto-, Elektroindustrie und den Maschinenbau) konnten nach ihrem Absturz auf drei Viertel des Niveaus des Jahres 2008 wieder kräftig zulegen. Mit 22,7 Prozent Plus und 11,9 Milliarden Umsatz sei man wieder bei 95 Prozent des Ausgangsniveaus angelangt. Auguren hätten eine anhaltende Strukturkrise des Automobilbaus prophezeit, der zwei Drittel der Technischen Teile abnähme. Aber man habe einfach unterschätzt, dass Chinesen gerne deutsche Premiumautos führen.

Die Produzenten von Kunststoffwaren für Haushalt, Konsum und Freizeit- und Medizinprodukte konnten ihren Umsatz um 14,7 Prozent auf 16,4 Milliarden Euro steigern, womit sie als einzige den Wert des Jahres 2008 sogar übertroffen haben. Mengenmäßig liegen sie aber noch rund 6,5 Prozent zurück (2,9 gegenüber ehedem 3,1 Millionen Tonnen).

Aktuelle Lage und Erwartungen

Auch dieses Mal präsentierte der Verband Daten aus seiner alljährlichen Mitgliederbefragung, auf die in der Regel um die 150 Unternehmen antworten. Für 2010 meldeten 87 Prozent Umsatzsteigerungen (3), im Vorjahr waren es lediglich neun Prozent. Während damals vier von fünf Betrieben (81 Prozent) Umsatzrückgänge aufwiesen, waren jetzt nur noch fünf Prozent der Betriebe davon betroffen.

In der Rückschau waren die Betriebe für 2010 bezüglich der Umsatzerwartungen zwar überwiegend zuversichtlich (4), aber der Anteil der Skeptiker beziehungsweise der Pessimisten war viel zu hoch. Nicht 65 Prozent konnten ihre Umsätze steigern, sondern 87 Prozent profitierten von der anziehenden Konjunktur. Nur acht Prozent meldeten stagnierende Umsätze und lediglich fünf Prozent litten unter Umsatzrückgängen. Für 2011 hoffen immerhin 72 Prozent auf Zuwächse, ein Viertel, etwa genauso viel wie 2010, rechnet mit gleichbleibendem Geschäft, aber nur noch drei Prozent sind skeptisch. Es wird interessant sein, diese Erwartungen nächstes Jahr mit der tatsächlichen Entwicklung zu vergleichen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dass der Anteil der Betriebe mit gesunkenem Umsatz höher liegen wird als erwartet. Denn die Aufholjagd ist erst mal vorbei und wir treten in eine Phase normaleren Wachstums.

Hinsichtlich der Erträge (5) überwogen für 2010 noch Skepsis und Pessimismus. Nur 44 Prozent erwarteten steigende Erträge. 2011 ist man sogar noch zurückhaltender, nur noch 36 Prozent erhoffen mehr Ertrag, während fast die Hälfte (49 Prozent) mit unveränderten Erträgen rechnet und immerhin 15 Prozent sinkende Erträge einkalkulieren. Vor allem die Rohstoffpreissituation bereitet den Betrieben Kopfzerbrechen, denn obwohl der Ölpreis noch längst nicht wieder seine alte Höchstmarke von 150 USD erreicht hätte, so der GKV, durchbrächen Rohstoffpreis-indizes alle früheren Rekorde. Die Möglichkeit der Preisweitergabe seien begrenzt, weil häufig in Lieferverträgen nur quartalsweise oder halbjährliche Anpassungen vorgesehen seien.

35 Prozent der Betriebe planen für 2011 Personal aufzustocken (6), mehr als doppelt soviel wie zu Beginn des Vorjahres, als man noch nicht so richtig an die bevorstehende Aufholjagd glauben wollte. Man ist also recht optimistisch. Fast sechs von 10 Betrieben wollen ihren Personalbestand halten, lediglich sechs Prozent wollen Stellen abbauen.

Angesichts der positiven Grundstimmung ist es nicht weiter verwunderlich, dass Erweiterungsinvestitionen deutlich an Gewicht gewonnen haben (7). 28 Prozent der Investitionen werden aus diesem Grund getätigt. Ersatzinvestitionen, die häufig einen Produktivitätsschub bringen, stehen aber weiter an erster Stelle (32 Prozent). Demgegenüber haben reine Rationalisierungsinvestitionen mit 25 Prozent doch etwas an Bedeutung verloren. Auslandsinvestitionen fallen kaum ins Gewicht. Auch Umweltinvestitionen sind nicht so zahlreich. 85 Prozent der Investitionen fallen demnach weiterhin unter Erweiterung, Ersatzbedarf und Rationalisierung. Für die Maschinenhersteller die eigentlich interessante Aussage.

Angesichts einer Kapazitätsauslastung (8) von 83,4 Prozent, ein lange nicht gesehener Spitzenwert, verwundert es nicht, dass man erweitern möchte oder Ersatzbedarf anmeldet. Der Auftragsbestand reicht mit 9,3 Wochen so weit wie noch nie in jüngste Vergangenheit. 2009 und 2010 lag man bei nur 6,3 und 6,5 Wochen.

Kostensituation und Energiefrage

Die Kostensituation nahm breiten Raum ein. Nicht nur der Rohstoffpreise, sondern auch der Energiekosten wegen, die besonders durch die Verteuerungen im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zum Thema würden. In Frankreich seien die Preise für Industriestrom nur halb so hoch. Die Politik sei aufgefordert, hier nachzuarbeiten. Im Lichte der aktuellen Entwicklung in Fragen eines beschleunigten Ausstiegs aus der Kernenergie gewinnt dieses Thema im nachhinein neue Brisanz. Und man kann jetzt schon sagen, dass die diesbezüglichen Wünsche kaum in Erfüllung gehen werden, und die Industrie sich auf weiter steigende Energiepreise wird einstellen müssen. Trotz der schwierigen Wettbewerbsposition wolle man gerne am Standort Deutschland festhalten, wegen der gut ausgebildeten Mitarbeiter, den vielschichtig verflochtenen Knowhow-Netzwerken und den daraus resultierenden Innovationsimpulsen.

Ausblick

Global mache die Konjunktur derzeit einen robusten Eindruck. Man traue sich für 2011 durchaus ein Wachstum von zwei Prozent zu, um das Vorkrisenniveau endgültig wieder zu erreichen. Wahrscheinlich werde man Ende des Jahres aber über dem früheren Produktionsniveau liegen oder es sogar deutlich übertrumpfen. Dies alles galt vor der Japankrise. Angesichts zum Teil angekündigter Produktionseinschränkungen verschiedener Autohersteller aufgrund von Lieferengpässen bei Zulieferkomponenten aus Japan darf man bezweifeln, ob der GKV das heute noch ganz so optimistisch formulieren würde. Es ist noch zu früh, um über Konjunkturrisiken zu spekulieren, aber klar ist, dass die weltwirtschaftliche Lage viel empfindlicher ist, als man in der Euphorie eines kräftigen Aufschwungs vielleicht wahrhaben möchte.

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Winfried Pfenning