Russland hat derzeit 141 Mio. Einwohner, ein viel versprechender Markt, möchte man meinen. Als Abnehmer deutscher Kunststoffmaschinen zum Beispiel rangierte Russland 2009 mit einem Anteil von 5,9 Prozent auf dem dritten Rang nach China und den USA. Ohne Zweifel befindet sich die Kunststoffverarbeitung dort im Aufwind. Und doch ist die russische Kunststoffindustrie insgesamt noch sehr unterentwickelt. Nach Expertenschätzungen lag der Kunststoffverbrauch in Russland 2007 – neuere Daten liegen uns nicht vor – bei lediglich 20,9 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung (1). Im Konzert der ehemaligen Staaten des Warschauerpakts ist Russland mit 2,9 Millionen Tonnen Kunststoffverbrauch zwar absolut führend, vergleicht man aber den Pro-Kopf-Verbrauch beispielsweise mit Polen oder der Tschechischen Republik, wird deutlich, wie gering der Kunststoffeinsatz wirklich ist. In Tschechien liegt der Verbrauch mit 87,2 Kilo pro Kopf mehr als viermal, in Polen mit 54,5 Kilo immerhin mehr als zweieinhalb mal so hoch. Ganz zu schweigen von Deutschland, wo der Verbrauch mehr als neun mal höher ist.

Nachholebedarf bietet großes
Potenzial für Wachstum

Der große Rückstand Russlands im Kunststoffverbrauch hat mehrere Gründe: Das Land ist vorwiegend ein Exporteur von Rohstoffen, vor allem Öl- und Gas. Investitions- und Konsumgüter werden nur in geringem Maße produziert und noch viel seltener exportiert. Historisch unter anderem bedingt durch die Konzentration auf Schwerindustrien und die Vernachlässigung des Konsumgüterbedarfs. Die Einkommen sind niedrig, ein großer Teil der Bevölkerung lebt mit geringer Kaufkraft am Existenzminimum, vor allem die Rentner. Der Nachholbedarf ist immens, und bietet viel Platz für Wachstum, auch in der Kunststoffindustrie. Und das macht das Land interessant. Immer mehr Firmen aus der EU, die bisher Produkte nach Russland exportiert haben, gründen Produktionsstätten im Lande selbst. So hat beispielsweise die niederländische Schoeller Arca Systems in Zentralrussland mehr als 5 Millionen Euro in ein neues Werk zur Herstellung von Kunststoffpaletten investiert, nachdem man bereits eine Fabrik für Kunststoffcontainer bei St. Petersburg betreibt.
Der russische Markt für Kunststoffmaschinen braucht Wachstum
Langfristig expandiert dieser Markt zwar, allerdings wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Nach Jahren des Wachstums gab es in letzter Zeit Rückschläge. 2008 sank der Import von Kunststoff- und Gummimaschinen mit der heraufziehenden Wirtschaftskrise etwas, bevor er dann 2009 heftig einbrach (2). Wurden 2008 noch Maschinen im Wert von 613 Millionen Euro bezogen, waren es 2009 nur noch Importe in Höhe von 308 Millionen Euro. Der Absatz hat sich also fast halbiert. Nach Aussagen des VDMA gab es 2010 keine Markterholung, die Exporte der deutschen Anbieter sind sogar weiter leicht rückläufig, und man wartet auf Aufschwungsignale aus Russland. Trotz Krise konnten die deutschen Maschinenhersteller ihren Marktanteil 2009 aber auf über 41 Prozent ausweiten. Die russischen Maschinenexporte sind übrigens mit 16 Millionen Euro im Jahr 2009 vernachlässigbar.
Der Markt für Kunststoffe – Exporte ziehen wieder an
Als Erdölland hätte Russland gute Voraussetzungen alle Stufen der Wertschöpfungskette bei Kunststoffen zu besetzen und könnte sogar Nettoexporteur werden. Aber dem ist nicht so. Russland importiert einen Großteil der im Lande verbrauchten Kunststoffe (3). Der Export von Kunststoffen weist leicht steigende Tendenz auf, und lag 2009 bei 605 Millionen Euro. Das liegt daran, dass zunehmend ausländische Investoren Produktionen aufbauen oder Joint Ventures eingehen. Der Import von Kunststoffen war 2008 noch um 14,6 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro gestiegen. In der Krise 2009 sank er um ein Drittel auf nur noch 1,7 Milliarden Euro. Das Außenhandelsdefizit bei Kunststoffen, das 2009 noch bei über zwei Milliarden Euro gelegen hatte, halbierte sich in der Folge beinahe auf 1,1 Milliarden Euro. Bei wieder anziehender Konjunktur dürfte es erneut stark ansteigen, wobei vermehrte Exporte den Anstieg des Defizits etwas mindern könnten. Es werden nach und nach immer mehr Produktionskapazitäten aufgebaut, die den Anstieg der Importe begrenzen könnten und gleichzeitig zu mehr Exporten führen dürften.
Der Markt für Kunststoffwaren kann nur ungenau beziffert werden
Angaben über die Kunststoffverarbeitung sind schwierig zu erhalten. Schon die Schätzungen der Zahl der kunststoffverarbeitenden Betriebe gehen stark auseinander. Manche Quellen sprechen von nur 2?000 Betrieben, Recherchen in verschiedenen Datenbanken lieferten Zahlen von bis zu 4?500 Verarbeitern. An dieser Stelle möchten wir uns deshalb einer eigenen Schätzung enthalten, wir vermuten aber, dass die Zahl irgendwo zwischen den Extremen liegen dürfte. Marktbeobachter verbreiten, dass ein Großteil der Kunststoffe mit etwa 40 Prozent in den Verpackungs- beziehungsweise den Baubereich (etwa 20 Prozent) geht. Hingegen seien Technische Teile- und Konsumgüterproduktion eher unterdimensioniert. Wir halten das einstweilen für Kaffeesatzleserei, aber die Grundtendenz dürfte stimmen. Denn Russland exportiert kaum technische Güter und Konsumwaren und importiert einen wesentlichen Teil seines Investitionsbedarfs und der nachgefragten Konsumgüter. Folglich ist der Bedarf für Technische Teile eher gering einzuschätzen. Ebenso der von Zulieferteilen für Konsumgüter.
Auch bei Kunststoffwaren ist Russland, wie aufgrund des geringen Pro-Kopf-Verbrauchs an Kunststoffen zu erwarten, Nettoimporteur (4). Die Exporte beliefen sich 2008 gerade mal auf 385 Millionen Euro, 2009 fielen sie auf 313 Millionen Euro. Die Importe hingegen nahmen 2008 massiv um 20 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro zu. Der Importwert war damit über acht mal so hoch wie der Export. Das Handelsdefizit bezifferte sich folglich auf 2,8 Milliarden Euro. Im Krisenjahr 2009 fielen die Exporte um beinahe ein Viertel, noch unter den Wert des Jahres 2007. Die Handelsbilanz war aber noch immer mit über zwei Milliarden Euro im Defizit.
2009 wurden Waren im Gesamtwert von 2,4 Milliarden Euro importiert. 37 Prozent des Importwertes entfielen auf Folien (5), 11 Prozent auf Verpackungsbehälter. Vernachlässigt man mal die in den Folien auch enthaltenen Baufolien, dann würden 48 Prozent (oder fast die Hälfte) der Importe auf den Verpackungssektor entfallen. Baubedarf, Sanitärwaren, Bodenbeläge und Rohre zusammengenommen würden 26 Prozent oder mehr als ein Viertel im weitesten Sinne dem Baubedarf zuzuordnen sein. Haushaltswaren und andere Produkte zusammen sind demnach nur für 22 Prozent oder etwas über ein Fünftel des Importwertes verantwortlich. Eine solche Verteilung ist ein Indiz für eine wenig entwickelte Industrie und entspricht wohl eher dem Nachfragemuster eines Entwicklungslandes denn dem eines fortgeschrittenen Industrielandes. Rohre sind deshalb wichtig, weil es in einem Öl- und Gasland viel zu fördern gibt, und weil die Infrastruktur des Landes (Städtebau) starken Nachholbedarf hat. Genauso wie die Modernisierung des Wohnungsbestandes. Angesichts des extremen Importüberschusses wäre Russland ein geeigneter Standort für wagemutige Investoren, denn der Bedarf ist da und ließe sich zu geringeren Kosten durch Produktion vor Ort decken. Aber die Investitionsrisiken in Russland sind bekannt, allen voran die Bürokratie und die weit verbreitete Korruption, weshalb mancher Interessent eher davor zurückschrecken dürfte.

Russlands Kunststoffverarbeitung –
Export ist geringer als Import

Russland ist im gesamten Bereich der Wertschöpfungskette der Kunststoffverarbeitung ein Importland. Besonders im Maschinenbau, der so gut wie nichts exportiert. Hier ist auf mittlere Sicht keine wesentliche Änderung abzusehen. Auch am Ende des Prozesses, bei der Kunststoffverarbeitung ist das Handelsdefizit enorm. Durch ausländische Investitionen, sprich durch Produktionsaufbau in Russland selbst seitens von ausländischen Exporteuren nach Russland, könnte sich hier künftig die Lücke etwas schließen. Russland unternimmt derzeit verstärkte Bemühungen, das Land und die Infrastruktur und seine Industrie zu modernisieren. Über die Erfolgsaussichten kann man geteilter
Meinung sein, denn in Russland und der früheren Sowjetunion sind schon viele Pläne einfach versandet. Wenn es hier zu Fortschritten kommt, wird auch das Wohlstandsniveau und damit die Nachfrage nach Kunststoffwaren wachsen und die Notwendigkeit der Produktion vor Ort. Am besten sieht die Bilanz bei Kunststoffen aus, aber auch hier ist das Handelsdefizit im Regelfall enorm, und das, obwohl Russland als ölproduzierendes Land ein geborener Kunststoffproduzent wäre.

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Winfried Pfenning