Plastverarbeiter: Alle Spritzgießer arbeiten daran, ihre Qualität und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Da müsste es doch – auch wegen des hohen Kostendrucks auf die Unternehmen – um diese Sache gut bestellt sein?
Behrens: Auf dem Papier vielleicht. Tatsächlich ist die mögliche Qualität gemessen am Niveau der Betriebsmittel immer noch beklagenswert schwach. Die einen bügeln das Potenzial schlicht weg, indem sie sagen, dass die Null-Fehler-Philosophie unmöglich ist, die anderen fühlen ihre ppm-Rate im grünen Bereich. Deshalb bleiben zentrale Punkte wie die Produktionsphilosophie und die Ausbildung auf der Strecke – trotz zahlreicher Aktivitäten.

Plastverarbeiter: Was ist an der Ausbildung auszusetzen? Industrie und Institute arbeiten doch gerade daran. Zudem wurde das Berufsbild des „Verfahrensmechaniker/in für Kunststoff- und Kautschuktechnik“ erst 2002 grundlegend reformiert.
Behrens: Sicher, die Grundlagen werden vermittelt. Aber die Anforderungen sind deutlich komplexer in der Produktion. Der Bedarf an Prozesswissen ist weit tiefgründiger und anspruchsvoller, als es die Ausbildung vermittelt. Unsere Qualitätssicherungsmethoden sind zu aufwändig, aber die Produktion bleibt im Streben nach Sicherheit mit hohem Mess- und Kontrollaufwand, ohne den Blick auf das Wesentliche, nämlich die aktive Prozessgestaltung und -beherrschung. Die Fragen lauten doch: Wie erzeuge ich qualitative Wiederholgenauigkeit am Teil? Was muss ich ändern in der Fertigungszelle? Welches Hintergrundwissen braucht der Mitarbeiter dazu? Welche Investitionen sind sinnvoll und steigern nachhaltig die Qualität? Zu oft glaubt man, dass teure Hochtechnologie per se weiterhilft. Leider stelle ich immer wieder fest, dass daraus viel zu wenig Wertschöpfung entsteht.

Plastverarbeiter: Warum ist das nun ein Mangel der Ausbildung?
Behrens: Wir müssen unterscheiden zwischen der Grundlagenausbildung in der Berufsschule und der betrieblichen On-the-job-Ausbildung. In den Berufsschulen fehlen die großen Zusammenhänge, weil hier die Theorie dominiert und nicht praktische Erfahrungen. In der betrieblichen Ausbildung gibt es auch zahlreiche Schwachstellen. Das beginnt bei einfachen Zeitnöten, bei Budgetfragen für Ausbildungsmaßnahmen und bei Angelernten als Ausbilder, die mit einer Basisschulung auf die Produktion losgelassen werden. Leider sind auch viele Schulungen nicht zielführend, weil sie nicht von erfahrenen Spritzgießern gehalten werden.

Plastverarbeiter: Ist das Ihr Thema, die Produktionsphilosophie?
Behrens: Zum großen Teil. Wer versteht wirklich etwas davon, was sich beim Einspritzen bis zur Formteilentformung abspielt? Da wird viel improvisiert und wer damit Erfolg hat, ist dann der König in der Spritzerei; das ist schädlich für das benötigte Zusammenspiel in der gesamten Prozesskette. Es geht um eine einheitliche Prozessphilosophie, geregelte Prozesse, sinnvolle Produktionsmittel, die so anzuwenden sind, dass es keinen König braucht, um eine Produktion effizient zu fahren. Erst wenn Prozessgestaltung und -beherrschung schlüssig, beispielsweise mit Werkzeugsensorik, erfolgt, und sich daraus ein selbst regelnder Prozess ergibt, dann ist die ppm-Rate kein Thema mehr. So richtig es ist, in neue Betriebsmittel zu investieren, muss man genauso in die Qualifikation der Produktionsmitarbeiter investieren. Ich erlebe bei Potenzialanalysen immer wieder, dass schon ohne Investitionen, also nur durch Änderung der Arbeitsweisen, mindestens zehn Prozent mehr Effizienz möglich sind, meist sogar mehr.

Plastverarbeiter: Drängt nicht die Automobilindustrie zu noch mehr Anstrengungen die ppm-Raten zu senken?
Behrens: In der Tat ist das so. Aber ist das angesichts der heutigen Ausbildung überhaupt möglich? Ich behaupte nein. Die Auszubildenden werden heute mit viel Wissensvermittlung über den Werkstoff Kunststoff gequält, aber wenn sie dann in der Produktion die Alltagsprobleme an den Spritzgussmaschinen lösen sollen, hilft ihnen das wenig. Wo bleiben die elementar wichtigen Themen wie Werkzeugtechnik, Kühltechnologie, Thermografie, Wechselspiel von Kälte und Wärme, Granulat-Trocknung, Viskositäten? Das sind elementare Wissensgrundlagen, die vermittelt werden müssen. Es geht um Zusammenhänge und Abhängigkeiten.

Plastverarbeiter: Wie sehen Sie die Beiträge der anbietenden Industrie zu diesem Thema?
Behrens: Generell haben wir Riesenfortschritte bei den Maschinen und Anlagen; auf der Anbieterseite sehe ich daher wenig Defizite. Natürlich hinkt die technische Landschaft in den Produktionsbetrieben der neuesten Technik hinterher. Doch nur selten wird die optimale Wertschöpfung aus den vorhandenen Betriebsmitteln herausgeholt. So nutzen lediglich rund fünf Prozent aller Betriebe die Möglichkeiten der Kurvengrafiken beim Spritzgießen. Sie ist die einzige Option, den Prozess abzubilden. Diese Prozessdarstellung ist jedoch immer noch nicht Bestandteil im Ausbildungsplan, obwohl diese Technik seit 30 Jahren verfügbar ist. Auch andere Techniken wie die Heißkanaltechnik, Werkzeugsensorik oder Infrarot-Temperaturmessung setzen sich viel zu langsam durch.

Plastverarbeiter: Worin liegen die Gründe für diese Lücke?
Behrens: Einzig und allein in der Ausbildung. Es wird immer noch nach alten Spritzgussphilosophien lehrbuchartig ausgebildet. Der realisierte technische Fortschritt wird in der Ausbildung nicht abgebildet. Man hat die betroffenen Menschen sozusagen nicht mitgenommen.

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Über den Autor

Guido Radig, freier Journalist, Bergkirchen