Noch ist es zu früh, endgültig Bilanz für das Jahr 2010 zu ziehen, denn Daten liegen nur bis in den Oktober vor. Aber diese signalisieren uns einen zweistelligen Produktionsanstieg von 12,6 Prozent gegenüber den ersten zehn Monaten 2009 (1), in denen ein Einbruch von 13,1 Prozent stattfand. Dank der rasanten Aufholjagd beträgt der Abstand zum früheren Produktionsrekord aus 2007 gerade noch drei Prozentpunkte.

Das Wachstum lag im ganzen Zeitraum von Januar bis Oktober 2010 immer über 10 Prozent, im zweiten Quartal wurden sogar fast 15 Prozent Plus erreicht. Obwohl die Raten seither leicht abflachen, konnte im September/Oktober doch ein neuer Produktionsrekord erzielt werden. Ein Jahr nach Ende der Krise im vierten Quartal 2009 steht die Kunststoffverarbeitung so kraftvoll da wie nie zuvor. Aufs Jahr gerechnet hat man zwar nicht den früheren Stand ganz erreicht, aber der Produktionsrekord zu Herbstbeginn ist auf jeden Fall eine richtige Sensation. Nach Teilbranchen zeigen sich deutliche Unterschiede.

Teilbranchen

Die Halbzeugherstellung (Platten, Folien, Rohre, Profile) entwickelte sich ähnlich wie die Gesamtbranche, allerdings mit niedrigeren Wachstumsraten (2). Der vorangegangene Absturz verlief dort auch etwas abgemilderter. Im September/Oktober wurde aber ebenfalls ein neuer Produktionsrekord aufgestellt, und auch der Rückstand zum Produktionshoch beträgt hier noch circa drei Prozentpunkte.

Bei den Verpackungsherstellern hat man in der Bilanz der ersten zehn Monate 2010 das frühere Rekordniveau wieder erreicht (3). Zu verdanken ist dies Wachstumsraten, die immer leicht über den Produktionsrückgängen des Vorjahres lagen. Zwar wurde kein neues Produktionshoch erklommen, aber man konnte das Katastrophenjahr 2009 hinter sich lassen.

Die Baubedarfsherstellung hingegen konnte 2010 mit vier Prozent Zuwachs einen neuen Produktionsrekord aufstellen (4), was nicht allzu schwierig war, denn der vorgehende Konjunkturrückgang war mit einer roten Null so gut wie nicht spürbar. Allerdings war 2009 schon das dritte Jahr mit leicht sinkender Produktion. Und 2010 stellt in dieser Hinsicht eine Trendwende dar. Phänomenal der Produktionsrekord im September/Oktober, trotz eines abflachenden Wachstums im Vergleich zu den Zeiträumen davor.

Die Produzenten von Technischen Teilen und Konsumwaren hatten im Abschwung die meisten Federn gelassen (5), mit Rückgängen im Bereich von 20 Prozent und mehr. Sie konnten fast ebenso stark aufholen, aber das reicht noch nicht, um wieder neue Produktionsrekorde einzufahren. Sie sind immer noch über sechs Prozentpunkte von ihrem früheren Rekordniveau aus 2007 entfernt. Hier bedürfte es also weiteren deutlichen Wachstums, um zu alter Stärke zurückzufinden.

Umsatzentwicklung

Aufs Jahr gesehen kommt die Erholung etwas stärker aus dem Ausland als aus dem Inland (6). Vor allem außerhalb der Eurozone war starkes Wachstum zu verzeichnen. Im Laufe des Jahres hat die Wachstumsdynamik nachgelassen, gerade auch außerhalb der Eurozone. Die Zuwachsraten haben sich weitgehend angeglichen, mit immer noch leichtem Vorsprung für das Auslandsgeschäft.

In der Halbzeugbranche ist das Bild deutlich anders (7). Hier legte das Ausland doppelt so stark zu, wie das Inland, wobei die Länder außerhalb der Eurozone etwas stärker beitragen konnten als die Eurozone. Im Jahresverlauf sind die Wachstumsraten im Inland aber erstaunlich stabil, während sie im Ausland leicht zurückgehen, ohne dass man dort aber von einer richtigen Beruhigung sprechen könnte. Der Wachstumsvorsprung des Auslands bleibt beträchtlich, und die Eurozone übernimmt sogar die Führung vor der Nicht-Eurozone.

Wiederum völlig anders die Situation im Verpackungssektor (8). Das Wachstum wurde hier vor allem durch das Inland angetrieben. Das Ausland schnitt schwächer ab, weil die Entwicklung im Geschäft mit der Nicht-Eurozone überwiegend negativ verlief. Hingegen lief die Eurozone sogar besser als das Inland. In Binnenland wie in der Eurozone hat sich das Wachstum im Jahresverlauf beschleunigt, außerhalb der Eurozone ist es tendenziell schlechter geworden. Die Ursachen hierfür sind unklar.

Im Baubedarfssektor war das Inland klarer Konjunkturmotor (9). Im Auslandsgeschäft hat die Eurozone ihre Auftriebskraft fast völlig eingebüßt, genauso wie zuletzt (September/Oktober) auch die Nachfrage aus Ländern außerhalb der Eurozone. Aber der Export spielt für diese Teilbranche noch eine vergleichsweise geringe Rolle, weshalb das Geschäft maßgeblich von der Binnenkonjunktur bestimmt wird. Und die war zuletzt mit über acht Prozent Zuwachs noch sehr robust.

Bei den Technischen Teilen und Konsumwaren lag das Wachstum aus dem Ausland nur unwesentlich über dem im Inland (10). Das liegt daran, dass das Plus aus der Eurozone nur etwa halb so hoch war wie dasjenige von außerhalb, und sogar schwächer als im Inland. Im Jahresverlauf hat sich die Dynamik überall abgeschwächt, am stärksten in der Eurozone. Auch das Wachstum im Verkehr mit der Nicht-Eurozone hat sich halbiert, lag zum Schluss aber noch über 20 Prozent.

Jahresprognose 2011

2010 war ein Jahr rascher Erholung und Normalisierung. Nicht überall wurde das frühere Produktionsniveau wieder erreicht, aber man ist nirgends mehr weit davon entfernt, wenn man die katastrophale Ausgangslage zu Beginn des Vorjahres als Maßstab zugrunde legt. Es ist völlig klar, und die Entwicklung im Jahresverlauf 2010 hat dies gezeigt, dass die stürmische Aufholjagd nun zu Ende gehen muss. Die Wachstumsraten beginnen, wie schon früher von uns erwartet, zu sinken, aber trotzdem wurden teilweise in den letzten Monaten noch Produktionsrekorde erreicht. Künftige Wachstumsraten werden deutlich niedriger sein, gelegentliche Rückschläge sind möglich. So wird der frühe und kalte Winter einen stark dämpfenden Einfluss auf die Aufwärtsentwicklung in der Baubedarfsindustrie haben, auch andere Teilbranchen könnten in Mitleidenschaft gezogen werden. Teilweise fußte die Erholung auf Exporterfolgen, vor allem nach Asien, während die Binnenerholung deutlicher schwächer war. Es ist fraglich, ob in Asien die Konjunktur nicht langsamer zulegen wird. Kürzlich hat die Stadt Peking angekündigt, die Zahl der Pkw-Neuzulassungen pro Jahr zu halbieren, keine gute Nachricht für die Automobilindustrie, die derzeit vor allem vom Export lebt. Auch die Rohstoffpreisentwicklung, nicht nur beim Erdöl, stellt ein allgemeines Konjunkturrisiko dar. Die Eurokrise und die anhaltende Schuldenkrisen in großen europäischen Ländern machen die Lage weiter unübersichtlich. Schließlich zieht die Inflation an, was wiederum die EZB zu Zinserhöhungen veranlassen könnte. Und nicht zuletzt, die Konjunkturflaute in den USA, aber auch in einigen europäischen Nachbarländern, verheißen kein stabiles Wachstum.

Viele Auguren sind ausgesprochen zuversichtlich, manche sprechen gar von goldener Zukunft für die deutsche Industrie. Uns scheint, dass man jetzt überschäumt vor Optimismus, wie man vorher den Pessimismus übertrieb. Wir hatten bei unserer letztjährigen Prognose für 2010 alles zwischen zwei und sechs Prozent Wachstum für möglich gehalten. Tatsächlich wurde es nun sogar zweistellig. Das kann uns aber nicht dazu verleiten, bei der Vorhersage für 2011 ins Extreme zu verfallen. Wir wären zufrieden, wenn der Aufschwung noch eine Weile anhielte, und man in allen Teilbereichen wieder das alte Niveau erreichte, oder sogar leicht überträfe. Das wären für die Gesamtbranche und die Halbzeughersteller etwa drei Prozent Zuwachs. Bei Verpackungen und Baubedarf dürfte es dann sogar Stagnation sein, die Technischen Teile und Konsumwaren-Branche müsste hingegen um fünf Prozent wachsen. Ob sie das schafft, ist unsicher, Baubedarfs- und Verpackungsindustrie könnten aber in Wirklichkeit leicht zulegen statt zu stagnieren, so dass insgesamt drei Prozent Zuwachs drin sind. So gesehen wäre drei Prozent der untere Wert, um den die Kunststoffverarbeitung wachsen sollte. Je nach Konjunkturverlauf über das Jahr hinweg, könnten es sogar noch mehr werden, fünf Prozent sind nicht ausgeschlossen. Auf jeden Fall dürfte das Wachstum im ersten Halbjahr stärker ausfallen als im zweiten, vor allem wenn einige der genannten Konjunkturrisiken zuschlagen. Dass die Konjunktur kippen könnte, befürchten wir nicht, denn der Aufschwung wird zunehmend auch vom Inland getragen, die Verbraucher sind optimistisch wie lange nicht mehr. Steigende Beschäftigung beseitigt Unsicherheit und Kaufzurückhaltung, und höhere Lohnabschlüsse und Sonderausschüttungen an Mitarbeiter wichtiger Branchen stärken die Kaufkraft.

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Winfried Pfenning