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20 MITARBEITER

j.kross@cavitaet.de
„Wir müssen die gesamte Prozesskette im Werkzeugbau beherrschen.“
Jürgen Kroß ist Geschäftsführer von Cavität in Hörden im Harz.

Plastverarbeiter: Herr Kroß, wie haben Sie das Krisenjahr 2009 überstanden?
Kroß: Kaufmännisch gesehen war es eine Herausforderung, die Liquidität
des Unternehmens auf eine damals nicht vorhersehbare Dauer
zu sichern. Deshalb haben wir erstmals Kurzarbeit eingeführt. Wir haben
diese Zeit aber auch gut genutzt, um uns organisatorisch zu verbessern
und unsere technischen Abläufe und Prozesse zu optimieren.
So haben wir zum Beispiel eine EDV-basierte statistische Prozesskontrolle
eingeführt und eine Reihe von Versuchen mit unseren HSC-Maschinen
gemacht, um noch höhere Genauigkeiten und längere mannlose
Standzeiten zu erreichen. Heute können wir nicht mehr von Krise
sprechen. Wir haben wieder eine gute Auftragslage und erwarten
dies auch in der näheren Zukunft.

Plastverarbeiter: Mit 20 Mitarbeiten ist Cavität ein eher kleiner Betrieb.
Wie sieht Ihre Strategie aus?
Kroß:
Cavität wurde 1997 gegründet, zunächst als reines Konstruktionsbüro für Kunststoffteile, aber mit Werkzeugbau-Wissen. Wir haben daher sehr bald nach der Gründung mit dem eigenen Bau von
Prototypen- und dann von Serienwerkzeugen begonnen. Seit drei
Jahren produzieren wir auch Spritzgussteile. Wir können also die gesamte
Prozesskette im Werkzeugbau, von der Produktentwicklung
bis zur Vorserien- und Serienproduktion abdecken. Unsere Kunden
kommen ganz überwiegend, zu 90 Prozent, aus Deutschland; den
größten Anteil stellen die Automobil- und deren Zulieferindustrie.
Aber andere Branchen gewinnen zunehmend Bedeutung.

Plastverarbeiter: Gibt es bestimmte Dinge, die Sie als kleines Unternehmen anders machen müssen als die größeren Werkzeugbauer?
Kroß:
Für einen kleineren, überwiegend lokal agierenden Werkzeugbauer
ist es riskant, sich zu stark auf Werkzeuge für ein bestimmtes
Kunststoffprodukt oder eine spezielle Werkzeugtechnologie zu spezialisieren. Es ist schwierig einzuschätzen, ob und wann für dieses
Kunststoffteil oder diese Technologie globale Marktentwicklungen
einsetzen, die beispielsweise zu gravierenden Veränderungen der
Produktionsstandorte oder der Nutzung dieser Werkzeugtechnologie
führen, die dann entsprechend auf den eigenen Werkzeugbau
durchschlagen. Sicherer ist es, sich als kleiner Werkzeugbauer technisch
nicht zu spezialisieren, sondern die Prozesskette im Werkzeugbau
zu beherrschen und branchenübergreifend tätig zu sein.

Plastverarbeiter: Welche Anforderungen stellen die Kunststoffverarbeiter
aktuell an die Werkzeugbauer?
Kroß:
Für die Verarbeiter ist es sehr wichtig, dass wir ihnen die gesamte
Prozesskette im Werkzeugbau anbieten können und wir sie als Problemlöser rund um ihr Kunststoffprodukt betreuen. Eine Kontur in
Stahl zu fräsen – das reicht nicht mehr aus. Es geht darum, die kunststoff- und vor allem werkzeugspezifischen Anforderungen an das
Kunststoffteil bereits in der Entwicklungsphase zu berücksichtigen,
indem wir unserer Prozesswissen über Schwindung, Verzug, Entlüftung
und andere qualitätsrelevante Merkmale bereits in dieser Phase
einbringen. Dadurch werden sowohl die Produktqualität verbessert
als auch die Kosten für das Werkzeug und die Fertigungskosten bei
den Verarbeitern vermindert. Zudem wollen die meisten unserer Kunden
mit einem Werkzeugbauer zusammen arbeiten, der wie sie selbst
deutsch spricht, die gleiche Mentalität hat und nicht allzu weit entfernt
ist. Diese Faktoren ermöglichen eine schnelle und erfolgreiche
Zusammenarbeit.

Plastverarbeiter: Das heißt, die asiatischen Werkzeugbauer sind für
Sie kein Wettbewerb?
Kroß:
Asien ist Chance und Risiko zugleich, aber vielleicht überwiegt
doch eher die Chance. Auch in Asien erfolgreiche Unternehmen benötigen
immer mehr Unterstützung und Werkzeuge von uns. Unsere Erfahrung
ist aber, dass unsere Kunden, die in der Regel in Deutschland
oder Europa produzieren, sich meist nicht für das kostengünstigere
Werkzeug aus Asien entscheiden. Das Risiko hinsichtlich der Qualität
des Werkzeugs und des Handlings wird meist als höher eingeschätzt
als der vermeintliche Kaufpreisvorteil.

Plastverarbeiter: Welche Bedeutung haben technische Innovationen
für die Zukunftssicherung Ihres Unternehmens?
Kroß:
Wir haben kluge Köpfe im Haus, die sich clevere technische Lösungen ausdenken, aber wir selbst sind keine Technologie-Innovatoren. Natürlich setzen wir allgemein verfügbare neue Technologien um, wie zum Beispiel die konturnahe Kühlung mittels Lasercusing.Der wesentliche Punkt für uns ist aber, dass wir unsere Leistungsbreite stetig ausbauen müssen und die technischen Anforderungen anuns stets komplexer werden, aber in immer kürzerer Zeit umgesetztwerden müssen.

 

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180 MITARBEITER

foboha@foboha.de

„Wir müssen stetig unsere Technologien weiterentwickeln.“
Rainer Armbruster ist Geschäftsführer von Foboha in Haslach.

Plastverarbeiter: Herr Armbruster, wie haben Sie das Krisenjahr 2009 überstanden?
Armbruster:
Wir waren 2009 gut ausgelastet und hatten Vollbeschäftigung. Nur einige Arbeiten, die wir sonst an Fremdfirmen vergeben, haben wir in diesem Jahr selbst gemacht. Diese stabile Geschäftslage verdanken wir zum einen unserer Ausrichtung auf die Branchen, die sich als krisenresistent erwiesen haben und andererseits unseren innovativen Werkzeugtechnologien, die für unsere Kunden ein kaum verzichtbarer Baustein zur Kostenführerschaft in der Teileproduktion sind.

Plastverarbeiter: Welche Rolle spielen Innovationen zur Zukunftssicherung Ihres Unternehmens?
Armbruster:
Ohne einen technischen Vorsprung durch stetige Innovation geht es praktisch nicht mehr. Wer mit einer neuen Technologie auf den Markt kommt, so wie wir 1977 mit der Mehrkomponententechnik, bleibt damit nicht lange allein. Wir waren damit Weltmarktführer, aber inzwischen ist das kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern fast Standard im anspruchsvolleren Werkzeugbau. Knapp 20 Jahre später haben wir die Etagenwendetechnik auf den Markt gebracht, 1997 folgte die Weiterentwicklung zur Würfel-
technik und 2001 dann die Doppelwürfeltechnik. Die Würfeltechniken machen heute etwa 50 Prozent unseres Umsatzes aus; mehr
als 350 Werkzeuge mit dieser Technik haben wir zwischenzeitlich gebaut. Seit 2005 beschäftigen wir uns stark mit der so genannten In-Mold-Assembly-Technik, eine spezielle Variante der Etagen-
Würfeltechnik. Bei diesem Verfahren werden zwei Teile gleich-
zeitig gespritzt, dann montiert, nochmals überspritzt und dann an der vierten und letzten Station des Würfel-Werkzeuges ausge-
worfen. Dadurch wird die Montage des Bauteils erheblich vereinfacht; externe Montageanlagen werden dadurch überflüssig. Mit der Würfeltechnik und deren Weiterentwicklungen sind wir bei Werkzeugen für Mehrkomponententeile in hohen Stückzahlen Marktführer.

Plastverarbeiter: Wie sieht Ihr Portfolio heute insgesamt aus?
Armbruster:
Wir stellen neben anspruchsvollen Standard-Werkzeugen überwiegend komplexe Werkzeuge mit Etagenwende-, Würfel-, Doppelwürfeltechnik und In-Mold-Assembly-Systeme her. Dabei decken wir die gesamte Prozesskette von der Produktentwicklung bis zur Nullserienproduktion im eigenen Unternehmen ab oder übernehmen die Integration der Anlage bei den Kunststoffverarbeitern. Viele unserer Auftraggeber sind international agierende Großunternehmen, die von uns eine weltweite Servicefähigkeit erwarten. Unser Exportanteil beträgt mehr als 80 Prozent, davon mehr als die Hälfte nach Übersee. Der Großteil unserer Kunden kommt aus der Konsumgüter- und Verpackungsindustrie sowie der Medizin- und Pharmatechnik; neuerdings werden unsere komplexen Werkzeugtechnologien auch in der Automobilbranche zunehmend nachgefragt.

Plastverarbeiter: Wie lauten die wichtigsten Anforderungen, die Kunststoffverarbeiter aktuell an die Werkzeugbauer stellen?
Armbruster:
Viele unserer Kunden produzieren Kunststoffteile in sehr hohen Stückzahlen an mehreren Standorten weltweit. Das wollen sie überall mit der gleichen, hohen Qualität und vor allem so kostengünstig wie möglich tun. Das begünstigt komplexe Werkzeuge mit sehr vielen Kavitäten und gleichzeitig kürzeren Zykluszeiten. Solche Multikavitätenwerkzeuge bieten heute, bedingt durch den fertigungstechnischen Fortschritt, eine hohe Verfügbarkeit und erfüllen die erwartete Produktionssicherheit beim Verarbeiter. Somit sind diese komplexen Werkzeuge tatsächlich effizienter als Werkzeuge mit wenigen Kavitäten.

Plastverarbeiter: Welche weiteren Trends verfolgen Sie?
Armbruster:
Die Kunststoffverarbeiter erwarten von uns mehr Leistungen vor dem eigentlichen Werkzeugbau und während der Werkzeug-Qualifikation. Konkret sind das beispielsweise Berechnungen, welche Werkzeugtechnik – beispielsweise Etagenwende- oder Würfeltechnik – unter bestimmten Rahmenbedingungen für den Anwender wirtschaftlicher ist. Oder Werkzeug-Optimierungen, etwa durch Simulationsberechnungen. Bestimmte Serviceleistungen werden zunehmend stark gefordert. So müssen wir zur Werkzeugqualifikation die Mess- und Prüftechnik für die hergestellten Formteile organisatorisch in die Hand nehmen. Oder der Umfang der Dokumentation wird stetig größer. Wir haben deshalb gezielt personell und technisch investiert, um diese Anforderungen erfüllen zu können.

Plastverarbeiter: Ihre Kunden produzieren weltweit. Sind die Werkzeugbauer in Asien vor diesem Hintergrund für Ihr Unternehmen eine Bedrohung?
Armbruster:
Im Gegenteil. Für uns ist Asien ein großer Markt, keine Bedrohung.

Plastverarbeiter: Welche Herausforderungen ergeben sich durch die Globalisierung für Sie als Werkzeugbauer?
Armbruster:
Wir müssen weltweit liefer- und servicefähig sein und darauf unsere Infrastruktur einstellen. Das betrifft beispielsweise auch die Fremdsprachenkenntnisse unserer Mitarbeiter. Gleichzeitig müssen wir aber auch die lokal agierenden Kunststoffverarbeiter im Ausland, beispielsweise in China, adäquat betreuen können. Nur von den Kunden vor der Haustür kann ein spezialisierter Werkzeugbauer heute kaum noch leben. Elementar ist, dass man in einem Hochlohnland wie Deutschland stets neue Werkzeugtechnologien entwickelt und beherrscht und in der Summe über ein breites Technologieangebot verfügt. In der eigenen Fertigung ist eine geradezu extreme Flexibilität erforderlich; zudem eine möglichst hohe Automation, sodass bestimmte Maschinen nach Feierabend oder am Wochenende mannlos weiter laufen können. Alte Tugenden wie absolute Liefertreue bleiben dabei sehr wichtig. Und man muss die Entwicklung des Kosten/Nutzen-Verhältnisses eines Werkzeugs oder einer Werkzeugtechnologie sehr genau beobachten, und daraus die erforderlichen Schlussfolgerungen ziehen. Sehr wichtig ist, dass man die gesamte Wertschöpfungskette für den Werkzeug- und Formenbau anbieten kann; gerade das wird für kleine Werkzeugbau-Unternehmen immer schwieriger.

 

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Interviews: Dieter Wirth