Nach fast zwei Jahren harten Ringens hat sich der Markt beruhigt und in vielen Teilen der Spritzgießbranche bereits wieder sehr positiv entwickelt. Dennoch drücken vielfach noch immer geringe Margen, hohe Rohstoffpreise und internationaler Wettbewerb auf die Ertragssituation. Dazu kommt, dass neben einem kontinuierlich steigenden Kostendruck die Anforderungen an Funktion und Qualität der Produkte ungebrochen zunehmen. Nicht zuletzt deshalb finden sich kontinuierlich neue Anwendungen und damit auch neue Märkte für Kunststoffprodukte. Grund genug in der aktuellen Situation innezuhalten und die eigene Positionierung zu hinterfragen.

Die Entwicklung reflektieren

Die Marktsituation an sich können wir kaum beeinflussen. Um so wichtiger ist es, sich grundlegende Fragen zur eigenen Wettbewerbsfähigkeit zu stellen – und zu beantworten! Bin ich mit meinen Kunden und Mitarbeitern, meiner Struktur, meinen vorhandenen Produktionsmitteln und -verfahren und nicht zuletzt auch meinen Produkten selbst in diesem Markt dauerhaft wettbewerbsfähig? Wenn auch nur der leiseste Zweifel aufkommt, muss sich direkt die nächste Frage anschließen: Welche Schritte, Verbesserungen oder Maßnahmen sind dafür heute notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen? Mit welchen Produkten kann man heute erfolgreich sein, in welchen Märkten? Welche Unternehmensstruktur und -organisation, welche Mitarbeiter, Partner oder Kunden sind Voraussetzung für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg? Diese Fragen sind zu beantworten, wenn wir mit dem aktuellen Aufwärtstrends auch das eigene Unternehmen positiv entwickeln wollen. Doch gerade in dem deutlich anziehenden wirtschaftlichen Umfeld droht man nur allzu schnell in hektische Betriebsamkeit abzugleiten, die vermeintlich das Nachdenken über die Zukunft verbietet.

Vier Faktoren für den Erfolg

Eine Marktanalyse zu den Kriterien von Unternehmenserfolg bayerischer Unternehmen (siehe infoDIRECT) hat 2009 gezeigt, dass es vier klare Faktoren für den Erfolg gibt (1). Quantifizierbar bewertet wurde dies über den „Erfolgsquozienten“, der neben den Umsatzzahlen auch die Nachhaltigkeit in Form von Langfristperspektiven und der Mitarbeiterzufriedenheit einschließt. Die Analyse stellt fest, dass Unternehmen, die nur zwei Kriterien erfüllen, überdurchschnittlich im Markt positioniert sind:

  • eigene F&E betreiben,
  • international tätig sein (Produktion und Markt),
  • Differenzierende Dienst-leistungen anbieten und
  • sich nicht in preisgetriebenen Märkten bewegen.

 

Selbstverständlich können gerade kleine, mittelständische Unternehmen (KMUs), wie es viele Spritzgießverarbeiter sind nicht alle Punkte für sich gestalten. Gerade die kleineren Unternehmen bewegen sich oft in preisgetriebenem Umfeld und haben auch oft kaum Möglichkeiten international aktiv zu sein. Besonders alarmierend ist jedoch, dass 25Prozent der KMUs keines dieser Kriterien erfüllen. Eine eigene F&E sowie die Differenzierung durch individuelle Lösungen sind aber sicher für alle Unternehmen möglich und erstrebenswert.
Eine ähnlich schlechte Position ergibt sich im aktuellen Innovationsreport (2) der Zentrale für europäische Wirtschaftsforschung (siehe infoDIRECT): Bezogen auf die Kunststoff- und Gummiverarbeitung meldet die Studie, dass hier 2,5Prozent des Umsatzes für F&E ausgegeben werden. Die Automobilbranche dagegen investiert 8,4 Prozent.

Sich „notwendig machen“

Die Kunststoff- und Gummiverarbeiter bewegen sich damit im unteren Drittel der Industriezweige: Für eine Branche mit weiterhin überproportionalem Wachstum ist das verwunderlich und nicht erklärbar. Es besteht daher die Gefahr, dass sich die Verarbeiter die Butter vom Brot nehmen und von anderen treiben lassen. Eine wesentliche Voraussetzung für eine aktive Forschungs- und Entwicklungstätigkeit und die daraus resultierende Differenzierung ist eine konsequente Ausrichtung des Unternehmens auf seine individuellen Stärken. Nur so lassen sich beide Punkte wirtschaftlich und zielgerichtet mit Leben erfüllen. Nun haben sich viele Unternehmen im Spritzgießmarkt jedoch so entwickelt, dass sie als kleiner Zulieferer oder Lohnspritzer gestartet sind. Das ging früher und war wohl die gängige Einstiegsform in den Markt, ist in dieser Form heute jedoch nicht mehr möglich. Auch das Weiterbestehen dieser kleinen mittelständischen Unternehmen ist gefährdet. Die Existenz hängt unter den heutigen Wettbewerbsbedingungen zunehmend davon ab, dass Unternehmen eigenständige Lösungen erarbeiten und sich damit unabhängiger und notwendiger machen.

Maßnahmen hierzu müssen sich selbstverständlich an den realistischen Umgebungsbedingungen orientieren. Das individuelle Unternehmen, dessen Finanzkraft und das jeweilige Marktumfeld müssen dabei in die Überlegungen einbezogen werden. Auch Partnerschaften mit Wettbewerbsunternehmen darf man hier nicht völlig ausschließen. All dies verlangt – heute mehr als früher – eine klare Ausrichtung. Diese festzulegen ist eine der Aufgaben des Managements und zwar eine Grundlegende. Wenn nur 100 Mitarbeiter um 5 Prozent effektiver und zielgerichteter arbeiten können in Vertrieb, Projektierung und Produktion, dann ist das Ergebnis 60Mannmonate mehr Mitarbeiterkapazität. Eine klare Ausrichtung resultiert in schnelleren Umsetzungsgeschwindigkeiten, weil fokussierter gearbeitet werden kann, sowie in engere Kundenbindungen, weil weniger Kunden eng betreut werden können. Dafür muss ein Manager kämpfen.

Von anderen lernen

Hier lohnt auch ein Blick über den Zaun zu anderen Marktteilnehmern. Viele Werkzeugbauer und vor allem die Erfolgreichen haben sich heute bereits klar in Nischen platziert. Die Einen liefern bevorzugt in die Verpackungs- oder die Medizinbranche mit ihren jeweils ganz besonderen Anforderungen, die der Werkzeugbauer dann explizit beherrscht. Wieder andere sind Spezialisten bei den Verfahren. So gibt es viele Werkzeugbauer, die fast ausschließlich Mehrkomponentenwerkzeuge oder Werkzeuge für die Oberflächendekoration bauen, aber diese aufgrund ihrer Kompetenz in allen Varianten. Ähnliche Spezialisierungen sieht man auch bei den sehr großen Rohstofflieferanten. Hier gibt es Spezialisten für die Polyolefine, oder auch andere, die sich eher auf die technischen Werkstoffe und deren Anwendungen spezialisiert haben. Auch die Maschinenhersteller beginnen sich zunehmend in Richtung von Branchen zu positionieren. Eine derartige Spezialisierung bündelt Fähigkeiten und Kapazitäten. Sie macht letztlich die Aktivitäten effektiver und steigert die Motivation nicht nur der eigenen Mannschaft, sondern vielleicht auch der geldgebenden Institute, was wiederum Spielraum für weitere Entwicklungen einräumen kann. Eine mögliche Herangehensweise beschreibt Teil 2 des Beitrags in einer der nächsten Ausgaben.

Quellen :
(1) Ergebnisse einer Studie der IW Consult GmbH, Köln im Auftrag der Vereinigung der bayrischen Wirtschaft e.V., München
(2) ZEW Branchenreport Innovationen, Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), Mannheim, 2010
Erhöhte Marktchancen
Nachhaltiger Unternehmenserfolg

Der einsetzende Aufschwung verführt viele kleine und mittlere Spritzgießer zu hektischer Betriebsamkeit, ohne Gedanken daran zuzulassen, wie der nachhaltige Unternehmenserfolg in einem hoch innovativen Umfeld gesichert werden kann. Prof. Ansgar Jäger gibt Denkanstöße:Globalisierung und preisgetriebene Märkte sind Bedingungen, mit denen KMUs zurechtkommen müssen. Doch mit eigenen Produkten, eigenen F&E-Aktivitäten sowie differenzierenden Dienstleistungen lassen sich die Chancen auf Erfolg messbar erhöhen.

 

Autor

Über den Autor

Prof. Ansgar Jaeger, Spritzgießtechnik, Hochschule für angew. Wissenschaften, Würzburg-Schweinfurt und Vorsitzender des Fachbeirats Kunststoffe und des Fachausschuss Spritzgießtechnik ,VDI, Düsseldorf,ansgar.jaeger@fhws.de