Herr Kaiser, welcher Anteil am Müll kann heute schon wirtschaftlich recycelt werden?
Stefan Kaiser: Das ist je nach Material unterschiedlich. Bei Kunststoffabfällen aus dem Post-Consumer-Bereich beispielsweise sprechen wir von Recyclingraten von mehr als neunzig Prozent. Aber in dieser Rate steckt nur eine tatsächliche, werkstoffliche Recyclingrate von etwa dreißig Prozent. Der Rest des Recyclinganteils, mehr als sechzig Prozent, wird energetisch verwertet, also verbrannt. Man sagt zwar, man recycle fast alles, aber tatsächlich ist das nicht so. Das werkstoffliche Recycling ist noch stark ausbaufähig.

Was muss passieren, damit das werkstoffliche Recycling mehr eingesetzt wird, als das energetische?
Kaiser: Man muss Technologien anbieten und einsetzen, die dazu führen, aus Recyclat neue Werkstoffe in guter Qualität wiederherzustellen. Ein Beispiel: Jeder wird es im Baumarkt schon bemerkt haben, dass preiswerte Kunststoffeimer manchmal streng riechen. Das liegt daran, dass die Aufbereitung des Kunststoffs, der da verwendet wird, nicht so sauber ist, dass er geruchsfrei ist. Die Qualität des Waschens, der Aufbereitung, der Sortierung des Vormaterials muss verbessert werden. Ziel muss es sein, Neuware herzustellen, die genauso werthaltig ist wie die aus Rohmaterial hergestellte. Also kein Down-cycling, sondern echtes Re-cycling.

Müssen diese Technologien erst noch erfunden werden oder gibt es die schon?
Kaiser: Was die Aufbereitungstechnik anbelangt, sind wir schon sehr weit. Aber wir können noch nicht hundert Prozent aufbereiten. Und es bleibt die Frage, ob es wirtschaftlich möglich ist, diese hundert Prozent irgendwann einmal zu erreichen. Aber wir können heute schon mehr, als viele denken.

Gibt es Rohstoffe, die man nicht recyceln kann?
Kaiser: Bei den herkömmlichen Produkten besteht grundsätzlich die Möglichkeit des Recycling. Aber es ist immer eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Dieses Handlungsprinzip kann man umgehen durch gesetzliche Regulierung. Aber der Treiber ist in der Versorgungswirtschaft und auch in der verarbeitenden Industrie – also unseren wichtigsten Kundengruppen – immer die Frage, welchen Nutzen man daraus zieht.

In Deutschland gibt es ein breites Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Bevölkerung. Warum resultiert daraus nicht ein Ansporn für das werkstoffliche Recycling?
Kaiser: Im Gegenteil, es gibt sogar eine Akzeptanzschwäche. In der Bevölkerung ist die Bereitschaft immer noch gering, Produkte zu nutzen, die aus Müll gewonnen wurden. Man muss diese Akzeptanz erst schaffen. Die Recyclingwirtschaft steht bereit, aber die öffentliche Akzeptanz muss zunehmen.

Mit der Einführung des Dualen Systems ist Deutschland Vorreiter gewesen in der Kreislaufwirtschaft. Sind wir das auch bei der werkstofflichen Verwertung?
Kaiser: Das werkstoffliche Recycling steht in anderen Ländern stärker im Vordergrund als bei uns. In Skandinavien etwa oder in Osteuropa. Dort hat man erkannt, dass das Verbrennen nur ein Einmaleffekt ist. In vieler Hinsicht haben andere aber von Deutschland gelernt, weil wir die Erfahrungen in der Abfallwirtschaft viel früher gemacht haben – erst Deponien, dann Müllverbrennungsanlagen und danach die Fokussierung auf die Wiederverwertung.

In Deutschland wird doch alles schon getrennt. Ist dieser Markt für Vecoplan überhaupt noch interessant?
Kaiser: Dieser Markt ist immer noch sehr interessant, weil diese Mengen kontinuierlich in der Zukunft weiter anfallen werden. Aber eine große Zukunft sehen wir beispielsweise bei Kohlefaserverbundwerkstoffen. Nach und nach werden immer mehr Metallanteile beispielsweise in Flugzeugen oder Autos substituiert durch diese Verbundwerkstoffe. Sie werden verstärkt eingesetzt, weil sie leichter sind und Treibstoff sparen helfen. Es nützt aber nichts, diese Werkstoffe einzusetzen, wenn man sie nicht recyceln kann. Das Recycling wird dadurch komplexer. Das ist ein Anspruch für uns. Diese neuen Produkte werden aber zunächst einmal in den Lebenszyklus gegeben. Für uns wird es erst relevant, wenn sie an das Ende ihrer Lebenszeit kommen. Die großen Mengen für das Recycling hallen immer nach.

Wo sehen Sie außerhalb Europas noch wachsende Märkte für Ihre Recycling-Maschinen?
Kaiser: In den USA wartet ein gigantischer Markt, der riesige Potenziale bietet. Einige Bundesstaaten haben dort schon eine Kreislaufwirtschaft etabliert. In Kalifornien, beispielsweise, wird der Haushaltsmüll schon in großem Stil getrennt. Viele Bundesstaaten ziehen nach. Dazu muss man sich klarmachen: Das Müllaufkommen pro Kopf der Bevölkerung ist in den USA mit 960 bis 980 Kilogramm pro Jahr mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland mit 400 bis 430 Kilogramm.
Ein weiteres Argument für den wachsenden US-Markt ist China. Früher haben die Amerikaner ihren Müll einfach dorthin verschifft. Inzwischen will China nicht mehr die Müllkippe der USA und der restlichen Welt sein. Es gibt Auflagen für die Beschaffenheit des importierten Mülls. Das ist eine Bewegung, die dazu führt, dass sich in den USA ein Recycling-System einstellen muss, das diese Werkstoffe aufbereitet. Daraus ergeben sich gute Geschäftschancen für Vecoplan.

Welcher Bereich wächst derzeit bei Vecoplan am schnellsten?
Kaiser: Der Bereich Spezialanwendungen. Noch ist er mit einem Umsatzanteil von zwanzig Prozent deutlich kleiner als die beiden großen Geschäftsbereiche Papierrecycling und Kunststoffrecycling. Aber dieser Bereich wächst am schnellsten. Zu den Spezialanwendungen gehört das Recyceln von NE-Metallen, Aluminium, Batterien, Kabeln oder auch medizinischen Abfällen. Da sind die Mengen nicht so groß, manchmal gibt es pro Land nur einen Kunden, aber die Nachfrage ist auf jeden Fall da. In diesen Nischen sehen wir am Standort Deutschland auch unseren Vorteil.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für das Recycling-Unternehmen Vecoplan?
Kaiser: Wir haben uns vor kurzem zertifizieren lassen nach ISO 14001. Das ist eine Zertifizierung für Umweltmanagement, die noch nicht sehr geläufig ist. Wir sind eines der ersten Unternehmen, die diese Zertifizierung haben. Für uns war das wichtig, weil wir auch in der Umwelttechnik unterwegs sind. Wir haben uns gesagt, wenn wir mit unseren Produkten Nachhaltigkeit fördern, wollen wir das auch in unserer Produktion tun. Es bringt Bewegung in unser Denken, wenn wir uns mit Aspekten der Nachhaltigkeit auseinandersetzen