Inhaltlich fokussierte die Veranstaltung auf nachhaltiges Handeln – im ökologischen wie auch im wirtschaftlichen Sinne. Besondere Beachtung fand hier die Keynote von Zukunftsforscher Matthias Horx. «Fokussieren Sie auf Ihre Visionen», sagte er mit Blick auf die Kunststoffbranche. «Wenn Sie gute Angebote haben, folgen Ihnen die Leute.» Das Programm der Fachvorträge beleuchtete vielfältige Aspekte nachhaltigen Wirtschaftens.

Matthias Horx: „Glokalisierung“ als neue Synthese

Zukunftsforscher Matthias Horx. (Bild: VDWF)

Zukunftsforscher Matthias Horx. (Bild: VDWF)

Die Corona-Pandemie bezeichnete Matthias Horx In seinem Impulsvortrag als «Tiefenkrise», die mittelfristige Trends wie Digitalisierung, die Genderdebatte oder Downaging befeuere. Viele Menschen erlebten sie als Selbsterfahrung mit einer Konzentration aufs Wesentliche, mehr Familienleben und Entschleunigung, nur eine Minderheit wolle zurück zum alten Status quo. Es entstehe eine neue Synthese. Als Beispiel nannte Horx die «Glokalisierung» – also ein Gleichgewicht globalen und lokalen Wirtschaftens –, die Wertschöpfungsketten anders organisiere. Hier könne es zu Marktbereinigungen kommen, wenn man sich nicht anpasse. Mit Blick auf Kunststoff riet der Zukunftsforscher dazu, sich nicht von der Dumpingkonkurrenz irritieren zu lassen: «Wer nur auf den Preis fixiert ist, wird immer ein Sklave bleiben. Wer hingegen ein ‹Superprodukt› hat, ist der ‹King of the castle!›» Ingenieure könnten hier mit «Durchbruchserfindungen» Zeichen setzen. Es gelte, die Innovationen in diesem Bereich als Narrativ zu formulieren: «Diese neuen Kunststoffprodukte haben das Potenzial zu ‹Leuchttürmen›, zu Premiummarken zu werden», so Horx weiter.

Fachvorträge zu Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit

VDWF-Präsident Thomas Seul. (Bild: VDWF)

VDWF-Präsident Thomas Seul. (Bild: VDWF)

VDWF-Präsident Prof. Thomas Seul, auch Vizepräsident für Forschung und Transfer an der Hochschule Schmalkalden, erläuterte in seinem Eröffnungsvortrag die Bedeutung von Innovation und angewandter Forschung für die Zukunftsfähigkeit der Kunststoffbranche. Anhand eines Beispiels aus der Medizintechnik zeigte Seul, wie Kunststoffe Metall substituieren können, wenn das Know-how für komplexe Lösungen vorhanden ist. Um den Mangel an Ressourcen in Sachen Forschung und Entwicklung bei den mittelständischen Werkzeug- und Formenbau-Unternehmen zu kompensieren, betonte Seul die Bedeutung von Kooperation mit Wissensnetzwerken, politischen Institutionen und mit den Medien. Er schloss mit einem Appell: «Die Unternehmen müssen ihre Anforderungen und Bedürfnisse an die Forschung herantragen! Nur so können tatsächlich benötigte Innovationen auch zielgerichtet und passgenau erarbeitet werden.»

Christoph Gürtler, Leiter  «Catalysis and Technology Incubation» bei Covestro. (Bild: VDWF)

Christoph Gürtler, Leiter «Catalysis and Technology Incubation» bei Covestro. (Bild: VDWF)

Dr. Christoph Gürtler, Leiter der Abteilung «Catalysis and Technology Incubation» bei Covestro, sprach über CO2 als Rohstoff für nachhaltige Kunststoffe. Er führte aus, dass CO2 bei der Produktion von Kunststoffen bis zu 20 % fossile Stoffe ersetzen kann, um – als Beispiel für zirkuläres Wirtschaften – etwa Matratzen, Sportplatzbeläge, Textilfasern und Form- oder Hartschäume herzustellen. Noch weiter gehe das Konzept, ausschließlich erneuerbare Kohlenstoffe zu verwenden. Allgemein gelte es, bei der Nachhaltigkeit nicht nur Materialien, sondern auch deren Eigenschaften zu vergleichen.

Prof. Christian Bonten, Leiter des Instituts für Kunststofftechnik der Universität Stuttgart. (Bild: VDWF)

Prof. Christian Bonten, Leiter des Instituts für Kunststofftechnik der Universität Stuttgart. (Bild: VDWF)

Prof. Christian Bonten, Leiter des Instituts für Kunststofftechnik der Universität Stuttgart, führte aus, wie mit dem sinnvollen Einsatz von Kunststoff-Anwendungen Ressourcen geschont werden können: In der Wärmedämmung seien Polyurethane effizienter als Mineralwolle, im Mobilitätssektor spare Kunststoff Gewicht ein. «Ohne Kunststoffe werden die Klimaziele verfehlt», sagte Bonten. Auch bei Verpackungen seien Kunststoffe häufig besser als ihr Ruf. Er zeigte, dass Lebensmittel und ihre Herstellung oftmals eine bis zu 100-mal höhere CO2-Belastung aufweisen als ihre Verpackung.

Abgerundet wurden die Fachbeiträge durch Praxistipps von je zehn Minuten Länge. Melanie Fritsch berichtete, wie der «Marktspiegel Werkzeugbau» nun Nachhaltigkeitskriterien und auch Akteure der Kunststoff-Fertigung integriert. Prof. Peter Radgen von der Universität Stuttgart äußerte sich zu Energie- und Kosteneinsparungen bei der Druckluftversorgung. Und Hans-Gerd Hammann vermittelte nützliche Hinweise, wie mit der mechanischen Comprex-Reinigung von Temperierkreisläufen Zykluszeiten verbessert werden können.

Nächstes Praxisforum Kunststofftechnik am 8. März 2022

Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Ralf Dürrwächter den Referenten und Teilnehmern sowie den Partnern Contura, der Hochschule Schmalkalden, AHP Merkle, MVV Energie und Simcon. Das nächste Praxisforum Kunststofftechnik kündigte er für den 8. März 2022 an.