Lucas Waclawczyk und Prof. Dr. Stefan Siegmund (r.), Gründer Start-up HurriPro. (Bild: HurriPro)

Lucas Waclawczyk und Prof. Dr. Stefan Siegmund (r.), Gründer Start-up HurriPro. (Bild: HurriPro)

Herr Siegmund, welches Ereignis bewog deutsche Wissenschaftler, Sicherungssystemen für Häuser zum Schutz vor Wirbelstürmen zu entwickeln?

Stefan Siegmund: Ich selbst habe eine Zeit in den USA gelebt und konnte die Zerstörungskraft von Hurrikanen selbst miterleben. Besonders die in Leichtbauweise aus Holz gefertigten sogenannten „Mobile Homes“ sind oft am stärksten betroffen. Bei Windgeschwindigkeiten von nicht selten mehr als 150 km/h entstehen an diesen Häusern Schäden, die oftmals mit dem Ablösen der Dachkonstruktion beginnen und in der Folge zur vollständigen Zerstörung führen können.

Hurrikane gibt es ja schon lange, entsprechende Rückhaltesysteme ebenfalls. Warum braucht es dieses weitere System?

Lucas Waclawczyk: Mit HurriPro erfinden wir herkömmliche Sicherungssysteme neu. Vom statischen System, bei welchem Gurte fest über das Dach gespannt werden, entwickeln wir die Technologie zu einem dynamischen System. Der Wind selbst wird umgeleitet, um das Dach zu halten und das stärker, je höher die Windgeschwindigkeit.

Wie lange hat die Erarbeitung dieses Konzeptes gedauert? Und welche Disziplinen waren daran beteiligt?

Siegmund: Über einen Zeitraum von 12 Jahren wurde im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte die Methode mit Experten aus der Aerodynamik, Mathematik, Physik und der textilen Hochleistungstechnik entwickelt.

Vier Fachrichtungen waren also notwendig, um das System zu entwickeln. Welche Aspekte flossen jeweils in die Entwicklung ein?

Siegmund: Zunächst musste verstanden werden, wie der Wind sich um das Haus bewegt und welche Kräfte dabei wirken. Nach dieser Modellerstellung konnte ein Konzept erarbeitet werden, um die Windkraft positiv zu nutzen. Schließlich mussten die richtigen Materialien gefunden werden, um den Wind nicht komplett, aber in richtigem Maße einzufangen. Flexibilität und Belastbarkeit waren aber auch maßgebliche Kriterien.

Das sind enorme Kräfte, die auf die Segel wirken. Welches Material hält diesen Kräften stand und wie wurden die berechneten Daten auf die Materialien übertragen?

Aus Valmex TF 300 von Mehler Texnologies werden die Segel gefertigt. (Bild: Mehler Texnologies)

Aus Valmex TF 300 von Mehler Texnologies werden die Segel gefertigt. (Bild: Mehler Texnologies)

Waclawczyk: Es handelt sich um ein offenes Gitter, bestehend aus PES Gewebe mit PVC Beschichtung sowie PVDF-Lack. Jede Komponente dieses Materialverbunds bringt andere Eigenschaften mit, wodurch ein Verbundwerkstoff entsteht, welcher hohe Festigkeit, Flexibilität, Leichtigkeit, Feuerresistenz, Witterungsbeständigkeit und vieles mehr in sich vereint. Das Produkt wird von Mehler Texnologies am Produktionsstandort in Fulda gefertigt. Das Verbundmaterial entsteht durch die Prozessschritte Weben, Beschichten und Lackieren.

Der Wind drückt in die Segel, dadurch spannen sich die Gurte und das Dach ist gesichert. (Bild: HurriPro)

Der Wind drückt in die Segel, dadurch spannen sich die Gurte und das Dach ist gesichert. (Bild: HurriPro)

Wie schützt HurriPro das Gebäude?

Siegmund: Die rechteckigen Netze von 3 m x 1,20 m oder 3 m x 1,80 m sind links und rechts mit Gurten vernäht, die eine Bodenverankerung auf gegenüberliegenden Hausseiten ermöglichen. Ähnlich wie ein Segel, spannt sich ein Netz von unterhalb der Dachrinne bis zur Verankerung der unteren Gurtenden im Boden. Die oberen Gurtenden werden über das Dach auf die gegenüberliegende Hausseite geführt und mit Hilfe von Ratschen und Bodenankern befestigt und leicht gespannt. An den Netzen entsteht im Sturm ein Winddruck, der zur Anspannung der Gurte führt. Die Netze sind so angebracht, dass der durch den Sturm entstehende Auftrieb am Dach durch den beim Sturm entstehenden Gurtzug am Dach teilweise kompensiert und dadurch ein Ablösen der Dachkonstruktion verhindert wird.

Welche Voraussetzungen muss das Netzgewebe erfüllen?

Waclawczyk: Damit das Produkt auch starke Windböen übersteht, werden an das Material und das Vernähen der Netze mit den Gurten hohe Anforderungen gestellt. Einerseits muss das Netz genügend Durchlässigkeit besitzen, um nur einen Teil der Windlast aufnehmen zu müssen. Andererseits muss die Reißkraft des Trägermaterials und der Vernähung genügend hoch sein, um der Dauerbelastung eines mehrstündigen Sturms standzuhalten.

Herr Waclawczyk, über die vernähten Gurte sollten wir auch reden. Handelt es sich hierbei um ein Standardprodukt oder ebenfalls um eine Eigenentwicklung?

Waclawczyk: Die Gurte selbst sind ein Standardprodukt, welches mehrere Tonnen Zuglast aushält. Wie diese jedoch vernäht werden, wurde in enger Kooperation mit der Sächsischen Hebe- und Zurrtechnik GmbH in Großröhrsdorf erarbeitet. Dort wird dieser Produktionsschritt mit der nötigen Expertise in Handarbeit durchgeführt.

Konnten Sie bei den Haken und dem Bodenanker auf am Markt verfügbare Elemente zurückgreifen?

Siegmund: Auf dem Markt finden sich zahlreiche Produkte, die sinnvoll eingesetzt werden können. Maßgeblich ist hierbei die Bodenbeschaffenheit des jeweiligen Grundstücks. Einige Vorschläge nennen wir auf unserer Website.

Werden die Segel auf Breite gefertigt? Wenn nein, ist ein spezielles Verfahren zur Kantenbearbeitung nötig?

Siegmund: Die Segel werden in einer Breite von 3,20 m hergestellt, dann mit Rundmessern geschnitten und bei der Sächsischen Hebe- und Zurrtechnik (SHZ) in Großröhrsdorf weiterverarbeitet. Dabei wird der seitlich angebrachte Gurt in das Netzmaterial eingeschlagen vernäht und so sicher an diesem befestigt.

Wie berechnet sich die Anzahl der Netze für ein Haus? Und wie lange dauert es, ein Netz zu befestigen?

Siegmund: Grundsätzlich kommt es hierbei auf das zu sichernde Gebäude an. Als gute Faustregel empfehlen wir, etwa ein Drittel der Fläche um das Haus abzudecken.

Können die Netze an jeder Art von Haus eingesetzt werden?

Waclawczyk: HurriPro ist speziell darauf ausgelegt, an Mobile Homes verwendet zu werden. Momentan sind die vernähten Gurte auch nur lang genug für einstöckige Gebäude. Allerdings kann es grundsätzlich auf allen Dächern mit wenigen, großen Flächen (zum Beispiel Single Ply Roofing) eingesetzt werden, was in den USA durchaus üblich ist.

Nach Ihren Ausführungen ist das Produkt vollständig Made in Germany?

Siegmund: In der Tat: Entwicklung, Netzherstellung und Endfertigung erfolgen in Deutschland, obwohl die Netze hier (noch) nicht benötigt werden.

Welcher Idealismus steckt hinter der Gründung des Start-ups HurriPro?

Siegmund: HurriPro wurde gegründet, um diese Idee, die vielen Leuten viel Schaden ersparen kann, auf den Markt zu bringen. Der Gedanke, Menschen in ihrer sehr realen Not zu helfen, treibt uns an. Jeder hat das Recht auf Sicherheit und sollte auf die beste Möglichkeit zugreifen können, sein Haus und Dach zu schützen. Wir gehen davon aus, dass HurriPro großflächig zu diesem Schutz eingesetzt werden kann.

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Über den Autor

Simone Fischer

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

simone.fischer@huethig.de