cirplus hat sich als Start-up seit 2019 in der Kunststoffbranche bekannt gemacht und nun auch Unterstützung aus der Polymerwissenschaft durch den Leiter des Instituts für Kunststoff- und Kreislauftechnik (IKK) in Hannover. Herr Prof. Endres: Was begeistert Sie an cirplus und worin sehen Sie die Chancen der Kooperation? 

Prof. Dr.-Ing. Hans-Josef Endres, Leiter des Instituts für Kunststoff- und Kreislauftechnik (IKK) an der Leibniz Universität Hannover (c) Christian Wyrw

Prof. Dr.-Ing. Hans-Josef Endres, Leiter des Instituts für Kunststoff- und Kreislauftechnik (IKK) an der Leibniz Universität Hannover (c) Christian Wyrw

Professor Endres: cirplus hat aus der Sicht des digitalen Handels mit Rezyklaten früh die Notwendigkeit besserer Qualitätsstandards für die Branche erkannt. Wenn die Qualität des Produktes nicht klar und verbindlich definiert ist, kann auch der zugehörige Marktwert nicht angegeben werden. Wir befassen uns an der Universität Hannover mit der Kunststoffkreislauftechnik und sehen auch aus wissenschaftlicher Sicht die Notwendigkeit, die Kreislaufwirtschaft im Kunststoffbereich durch bessere Qualitäten und Standards der Rezyklate voranzubringen. Das dafür notwendige materialtechnische Know-how ist in der Kunststoffindustrie vollumfänglich vorhanden. Es fehlt einfach an dem Verständnis oder der Akzeptanz, dass Rezyklate die gleiche Datenqualität und -quantität liefern müssen, wie Virgin-Materialien und der damit einhergehenden, konsequenten Umsetzung dieser Erkenntnis. cirplus und das IKK haben deshalb das gleiche Ziel, wenn auch aus etwas unterschiedlichen Perspektiven, daher ist die Kooperation mit cirplus für uns sehr reizvoll.

 

Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind zwei Trendthemen, die sich gut ergänzen. Welche Aspekte der Digitalisierung sind es, die zu mehr Nachhaltigkeit in der Kunststoffindustrie führen können?

 

Christian Schiller, CEO Cirplus

Christian Schiller, CEO Cirplus

Christian Schiller: Die Digitalisierung bietet auf fast allen Stufen der Wertschöpfung die Möglichkeit, Transaktionskosten zu senken. Speziell mit Blick auf den industriellen Einsatz von Rezyklaten sind die damit verbundenen Kosten und fehlende Versorgungssicherheit große Stolpersteine auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit der Kunststoffindustrie. Hier kann Digitalisierung helfen: zum Beispiel gelingt es uns über unsere Plattform, Angebot und Nachfrage vom Kunststoffabfall bis zum Compound zu aggregieren und transparent zu machen. Das sind wichtige Signale für Einkauf, Vertrieb und Geschäftsstrategen in einem größtenteils noch intransparenten Markt – wo vorher umständlich einzeln zum Telefon gegriffen werden musste, können sie nun mit wenigen Klicks ein erstes Gefühl für den Markt entwickeln und Transaktionen in die Wege leiten. Kurzum: Die Digitalisierung kann Ordnung in chaotische und undurchsichtige Märkte bringen und somit den Einkäufern bei großen OEMs und Markenartiklern die Sicherheit geben, ihre Produkte auf den dauerhaft erhöhten Einsatz von Rezyklaten umzustellen.

 

Was unterscheidet cirplus als Händler von anderen Tradern, die Kunststoffwaren zum Recycling anbieten?

Christian Schiller: cirplus selbst tritt nicht als Händler auf, sondern als digitale Plattform, sprich: wir vernetzen Lieferant und Abnehmer direkt und unterstützen bei der Abwicklung des Handelsgeschäfts – von der Musterbestellung über die Preisverhandlung bis zur Beprobung des Materials und perspektivisch auch bei Transport und Bezahlvorgang. Wichtig auch: unsere Nutzer haben volle Kontrolle über ihre Daten, das heißt der einzelne Nutzer bestimmt selbst, ob er seine Identität möglichen Lieferanten bzw. Abnehmern preisgibt oder nicht. Wenn der Einkauf und Vertrieb von Kunststoffabfällen und Rezyklaten so einfach wird wie die Nutzung von Amazon, dann behält künftig jedes Unternehmen Kontrolle über seine Kunststoff-Abfälle und kann sie im Hinblick auf möglichst nachhaltige Verwendung optimal vermarkten. So leisten wir bei cirplus einen wichtigen Beitrag für die Nachhaltigkeitsstrategien der Kunststoffindustrie – und dies auch unabhängig davon, ob es sich um Post-Consumer- oder Post-Industrial-Stoffströme oder um chemische oder mechanische Recyclingverfahren handelt.

 

Ein größeres Problem auf dem Rezyklatmarkt sind fehlende Qualitäten und fehlende Standards. Welchen Beitrag können Sie dazu leisten?

Professor Endres: Bei der Normierung treffen oft unterschiedlichste Interessen einzelner Akteure aufeinander. Dies ist ein wesentlicher Grund, warum Normierungsverfahren oft recht lange dauern können. Auch in der Recyclingbranche stehen sich verschiedene Interessen und Ansätze gegenüber. So favorisiert die chemische Industrie das chemische Recycling, während das mechanische Recycling von den Compoundierern technisch einfacher umsetzbar ist. Es gibt Vertreter, die das Recycling von Post-Industrial-Materialien in die allgemeinen Recycling-Quoten mit einrechnen wollen und Verfechter, die nur Post Consumer-Recycling dafür zulassen möchten. Daher ist die angestrebte DIN SPEC 91446 ein guter Weg, um in kurzen Zeiträumen Ansätze für eine Verbesserung der Standards beim Kunststoffrecycling zu erzielen – angefangen beim Wording, über die Qualitätsangaben und Materialkennwerte selbst bis hin zur Dokumentation der Materialströme und ggf. auch des „Vorlebens“ der Inputströme sowie der verwendeten Recyclingtechnologien. Wir unterstützen diese Normierungsarbeiten ohne kommerzielle Interessen als Konsortialleiter. Zudem bringen wir uns inhaltlich ein, indem wir z.B. den wissenschaftlichen Konsens im Hinblick auf die Begrifflichkeiten in die Diskussionen mit einbinden. Außerdem können wir Partner im Bedarfsfall bei spezifischen Fragen zum Recycling unterstützen, indem wir beispielsweise die Qualitäten kommerziell erhältlicher Rezyklate oder auch Recycling-Prozesse und Anlagen hinsichtlich der resultierenden Output-Qualitäten bewerten.

Christian Schiller: Darüber hinaus haben wir bewusst den Fokus bei der DIN SPEC 91446 (Titel: „Standards für den (internetbasierten) Handel mit und die Verarbeitung von Kunststoffabfällen und Rezyklaten“) auf die intelligente Verknüpfung zwischen realwirtschaftlichen Standards und der Digitalisierung gelegt, denn: Was im B2C-Bereich mit digitalen Plattformen bereits vor zehn Jahren Einzug gehalten hat, setzt jetzt auch im B2B-Bereich ein. Deutschland, und insbesondere die starke Kunststoffwirtschaft, sind hier in einer Pole Position, um die digitalen Champions der Zukunft hervorzubringen. Europa darf hier nicht erneut den Zug verpassen, wie es leider im B2C-Bereich geschehen ist. Dort teilt sich die milliardenschwere Wertschöpfung mittlerweile fast ausschließlich auf amerikanische und chinesische Firmen auf. Daher: mit der DIN SPEC wollen wir auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Digitalwirtschaft stärken – und das geht im Hinblick auf cirplus nur Hand in Hand mit einer starken Kunststoff- und Recyclingwirtschaft.

 

Post Industrial-Wertstoffe sind relativ gut charakterisierbar, weil sie sortenrein gesammelt werden können. Bei den Post-Consumer-Abfällen liegt (Ausnahme PET) ein buntes Gemisch von Kunststoffen vor. Entsprechend schwierig ist die Charakterisierung. Welche Lösungsvorschläge haben Sie dafür?

Professor Endres: Das hochwertige Recycling von gemischten Post Consumer-Abfällen ist eine Herausforderung, die nur durch die Zusammenarbeit aller Akteure entlang der Recycling-Wertschöpfungskette technisch, ökonomisch und ökologisch optimal gelöst werden kann. So steigt die Qualität des Rezyklates mit der Qualität des Inputstroms, d.h. möglichst hohe Sortenreinheit, einheitliche Farbe, möglichst wenig Verschmutzungen etc. Daher ist bereits eine Vorsortierung und/oder Trennung des Abfalls am Anfallort, z.B. durch den Verbraucher sinnvoll. Weitere Ansätze zur Optimierung sind zusätzlich Vorbehandlungsschritte, wie Zerkleinerung, Waschen oder Farbtrennung. Hier spielt auch das recyclinggerechte Design bereits bei Produktentwicklung eine wichtige Rolle. Intelligentere Recyclinganlagen und weiterentwickelte Prozesse sind ein weiterer Baustein zur Qualitätssteigerung. Wenn wir dann noch die Standards als Qualitätsvorgabe für die Rezyklate und gleichzeitig ein entsprechendes Produktdesign für deren Wiedereinsatz sowie am Ende auch noch bessere Strukturen und Plattformen für den Handel mit Rezyklaten haben, so schließt sich der Kreis. Das PET-Recycling kann hier als guter Vorreiter angesehen werden. Hier hat man nach mehrjähriger Optimierung der Logistik und Zuständigkeiten über entsprechende Bepfandungssysteme einen relativ sortenreinen Input-Ströme generiert, die über spezifisch weiterentwickelte Recycling-Verfahren zu hochwertigen PET-Rezyklaten aufgearbeitet werden, die wiederum aufgrund ihres gut beherrschbaren Eigenschaftsprofils für verschiedene Anwendungen anstelle von Virgin-PET am Markt von Interesse sind.

 

Christian Schiller: Dem schließe ich mich an. Zudem bedarf bessere Charakterisierung digitaler Lösungen. Ein konkretes Beispiel: besseres Recycling – egal, ob chemisch oder mechanisch – steht und fällt mit gut erfassten und sortierten Inputströmen. Die Digitalisierung wird hier einen enormen Beitrag leisten für die Sicherstellung homogener, DIN SPEC-konformer Rezyklat-Qualitäten. Wenn die Daten ab Kunststofferzeugung lückenlos nachverfolgt werden können – also eine Art „digitaler Lebenslauf“ des Kunststoffes – kommen wir der Vision echter Kreislaufwirtschaft näher. Auch hier ein Beispiel: Wenn der Betreiber einer modernen Sortieranlage eine hohe Datentiefe generieren kann und mit nur wenigen Klicks entscheiden kann, ob sich weitere Sortierung lohnt, weil er a) die Absatzmärkte für Rezyklate im Blick hat; b) konkrete Transportoptionen präsentiert bekommt; c) neuen Abnehmern sein Material in hoher Qualität und entsprechenden Hintergrundinformationen unmittelbar anbieten kann, werden die Abfallströme zur neuen „Goldgrube“. Mit dem Stand der Recyclingtechnik von heute und der intransparenten Marktlage mag sich das noch weltfremd anhören, aber in zwanzig Jahren wird es Realität sein.

 

Wo sehen Sie cirplus in 5 bis 10 Jahren und glauben Sie, dass Rezyklate in Kunststoffprodukten in ferner Zukunft dominieren können?

Christian Schiller: Als Unternehmensgründer bin ich notorisch optimistisch. Von daher: Ja, ich bin davon überzeugt, dass Rezyklate in Kunststoffprodukten perspektivisch mindestens 50% im Polymeranteil ausmachen werden. Einfach, weil es im Sinne der „good governance“ unseres Planeten ökonomisch und ökologisch sinnvoll sein wird, die Kohlenwasserstoffe möglichst lange im Kreis zu fahren, bevor eine etwaige thermische Verwertung ansteht. cirplus wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren so aufstellen, dass OEMs, Brand Owner, Distributeure, Kunststofferzeuger, Recycler und Entsorger (sprich die ganze Wertschöpfungskette) über die cirplus-Plattform Rezyklate und Kunststoffabfälle handeln und zertifizieren können, sodass es keine Gründe mehr geben wird, Rezyklate nicht einzusetzen.

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de