Circular Economy - das Thema der Kunststoffindustrie (Bildquelle: Elnur - stock.adobe.com)

Circular Economy – das Thema der Kunststoffindustrie (Bildquelle: Elnur – stock.adobe.com)

Nach Meinung von Dr. Stefan Sommer, Technischer CEO-Assistant, Prokurist bei Günther Heisskanaltechnik, ist es schwer, in der komplexen Lieferkette beim Herstellen und Verwenden von Kunststoffprodukten einen Enabler für Prozessveränderungen zu identifizieren. „Ohne einen gezielten Austausch und Transparenz aller an der Wertschöpfung beteiligter Wirtschaftszweige wird eine Kreislaufwirtschaft nicht realisierbar sein. Jede beteiligte Branche verfolgt unterschiedliche, teils konträre Ziele. Nur durch Offenheit und dem Aufzeigen möglicher Synergieeffekte können alle Beteiligten in den Prozess der Umgestaltung einbezogen werden. Sicherlich die stärkste Position haben sowohl die Maschinen- und Rohstoffhersteller, jedoch auch der Endverbraucher ist durch seine Einkaufsstrategie in der Lage, ein Umdenken zu erwirken, um so die betreffenden Branchen zur Zusammenarbeit zu bewegen, um nachhaltig die Erarbeitung der Prozesse für eine Kreislaufwirtschaft voranzubringen.“ Bettina Dempewolf, Bereichsleitung Netzwerk & Event am FSKZ in Würzburg, sieht die größte Macht beim Verbraucher und erst danach bei den Branchen. „Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher bevorzugt zu rezyklathaltigen Produkten greifen, muss sich die Wertschöpfungskette zwangsläufig bewegen. Die Branchen haben die Möglichkeit, sich als Vorreiter bei dem Thema gegenüber den Kunden zu profilieren, was ja auch viele, wie beispielsweise große Handelsketten, bereits tun. Am Ende sind alle Wertschöpfungsstufen gefragt, da Hemmnisse für mehr Rezyklateinsatz an vielen Stellen auftreten können.“

Alle Wertschöpfungsstufen gefragt

 

Rolf Saß, Geschäftsführer von ENGEL Deutschland, „Wir werden nur dann Erfolg haben, wenn hier wirklich alle an einem Strang ziehen." (Bildquelle: Engel)

Rolf Saß, Geschäftsführer von ENGEL Deutschland, „Wir werden nur dann Erfolg haben, wenn hier wirklich alle an einem Strang ziehen.“ (Bildquelle: Engel)

Rolf Saß, Geschäftsführer von Engel Deutschland am Standort Hagen, schlägt in die Kerbe von Dr. Stefan Sommer: „Wir werden nur dann Erfolg haben, wenn hier wirklich alle an einem Strang ziehen. Die Industrie, und zwar entlang der kompletten Wertschöpfungskette, die Konsumenten und auch die Politik müssen wir hier einschließen. Das Großartige ist, dass dies in vielen Bereichen schon sehr gut funktioniert. Wenngleich wir in anderen Bereichen noch Optimierungspotenzial haben. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass die Politik die Maßnahmen noch stärker auf die spezifischen Anforderungen hier in Deutschland zuschneidet. Denn die bisherigen Maßnahmen führen nicht in jedem Fall zu mehr Nachhaltigkeit. Eine Abkehr von polymeren Werkstoffen bewirkt gerade bei Verpackungen oft eine schlechtere CO2-Bilanz. Hier wünsche ich mir von der Politik eine differenziertere Sicht und Information der Verbraucher statt einer weiteren Verunsicherung. Wir haben es gerade hier im Raum DACH mit überwiegend sehr verantwortungsbewussten Konsumenten zu tun, denen bereits eine Infrastruktur zum Sammeln von Kunststoffabfällen zur Verfügung steht. Damit haben wir sehr gute Voraussetzungen, schnell etwas zu bewegen.“ Sandra Dierks von der Feddersen-Gruppe, Hamburg, kann dies nur bestätigen. „Der Verbraucher formuliert als erster die Bedarfssituation, aber nicht zwingenderweise. Hersteller und Konstrukteure großer Automobilhersteller etwa bieten zum Teil bereits proaktiv Produkte auf Basis alternativer, rezyklierter Rohstoffe an. Dies erfordert eine ausreichende Bereitstellung der entsprechenden Materialien. Um diese wertbringend aus der Abfallentsorgung zu selektieren, sind zunächst einmal die Recycler gefragt, dann aber auch bald die Maschinenhersteller, die eine entsprechende Technologie schaffen müssen, um einzelne Kunststoffe sortenrein voneinander trennen zu können. Rohstoffhersteller müssen ihre Materialien entsprechend ausrüsten, damit Sortierverfahren zum Beispiel per NIR effizient funktionieren können.“

Um die Kreislauffähigkeit von Kunststoffen zu steigern, drängt sich die Frage auf, wer hier mehr gefragt ist: die Politik oder Initiativen der Industrie? Dr. Stefan Sommer von Günther Heisskanaltechnik sieht hier nur die Möglichkeit durch Anreize, geschaffen durch politische oder industrielle Initiativen, eine nachhaltige Rückgewinnung von Kunststoffen aus Abfällen möglich zu machen. „Wie gesagt, Ausgangslage ist die Denkweise und das Handeln der Verbraucher, auf die die Industrie teils nur geringen Einfluss hat. Hier ist entscheidend, dass das Abfallrecycling vor Ort in den Kommunen verbessert wird, da hier enormes Potential zur besseren Rückgewinnung von Kunststoffen ist. Diese Aufgabe kommt primär der Politik zu, jedoch darf die Industrie sich ihrer Verantwortung nicht entziehen. Durch gezielte Kampagnen und Prozesse kann zumindest im B2B-Bereich mehr Nachhaltigkeit beim Umgang mit Kunststoffabfällen erzielt werden.“

Bernd Schäfer von der Deifel Buntfarbenfabrik in Schweinfurt sieht den schwarzen Peter bei der Politik. „Sowohl die Politik als auch die Industrie sind gefragt, solange die Politik nicht alle Bemühungen der Industrie zunichtemacht. Am Beispiel der aktuellen Titandioxid-Einstufung durch die Europäische Kommission sieht man, dass manche Entscheidungen konträr verlaufen. Durch die Einstufung von Titandioxid kann es sein, dass zukünftig viele Kunststoffartikel nicht mehr in dem Maße recycelt werden können, da sie nun als Gefahrstoffe einzustufen sind.“ Rudolf Hein vom Konstruktionsbüro in Neustadt etwas desillusioniert, „Eigentlich wäre hier die Politik gefragt, aber darauf warten wir besser nicht, denn die hält bis auf die Ausnahme in NRW Abstand zum Kunststoff. Dieser hat aktuell einen beschädigten Ruf und die Politiker wollen damit nicht in Verbindung gebracht werden. Hier sind Initiativen von Unternehmen gefragt und umfassende Aufklärungsarbeit von den Verbänden der Kunststoffszene.“

Denken und Wirtschaften bereits verankert

Alle Wertschöpfungsstufen sind gefragt, da Hemmnisse für mehr Rezyklateinsatz an vielen Stellen auftreten.  (Bildquelle: DragonTiger8 - stock.adobe.com)

Alle Wertschöpfungsstufen sind gefragt, da Hemmnisse für mehr Rezyklateinsatz an vielen Stellen auftreten. (Bildquelle: DragonTiger8 – stock.adobe.com)

Dass sich ein Institut wie das Kunststoff-Zentrum in Leipzig (KUZ) mit dem zirkulären Denken und Wirtschaften beschäftigt, darf vorausgesetzt werden. Petra Krajewsky, Bereichsleiterin der Verarbeitungstechnik am KUZ, „Als kompetenter Technologiepartner für die kunststoffverarbeitende und anwendende Industrie beschäftigen wir uns schon seit 1999 mit der Entwicklung von Biowerkstoffen auf Basis und oder in Kombination mit nachwachsenden Rohstoffen. Denn unser wichtigstes Anliegen ist es, Unternehmen bei der Entwicklung und Einführung neuer Technologien und Verfahren sowie der Optimierung ihrer Produkte und Prozesse zu unterstützen.“ Auch am FSKZ in Würzburg wird mit der Kunststoffindustrie und öffentlichen Auftraggebern zusammengearbeitet, um im gesamten Lebenszyklus von Kunststoffprodukten mehr Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zu erreichen. „Am FSKZ haben wir insbesondere bei der Energieversorgung in den letzten Jahren eine Vielzahl an Maßnahmen ergriffen, um fossile Ressourcen und Treibhausgasemissionen einzusparen,“ sagt Bettina Dempewolf, Bereichsleitung Netzwerk & Event am FSKZ.

Udo Wilkens von Rowasol aus Pinneberg unterstreicht, dass grundsätzlich nach einer Minimierung des Energieeintrags in den Produkten gestrebt wird, wodurch fossile Ressourcen eingespart werden. „Wir sind nach DIN ISO 50001:2011 zertifiziert.“ Laut Rolf Saß, Geschäftsführer von Engel Deutschland ist Ressourcen zu schonen und Verschwendung zu vermeiden in der Unternehmensphilosophie des Maschinenherstellers fest verankert. „Wir haben in unserer eigenen Fertigung ein Abfallwirtschaftskonzept etabliert. Wir investieren ausschließlich in energieeffiziente Bearbeitungsmaschinen und nutzen in vielen Werken erneuerbare Energien, in Österreich zu 100 Prozent.“ Und Frauke Hoffmann, Hoffmann + Voss Technische Kunststoffe, Viersen, antwortet darauf nur kurz und knapp: „Zu 100 Prozent. Nachhaltigkeit steckt in unserer DNA.“

Prozesse, Produkte und Logistik nachhaltig gestalten

Die Antworten geben nur einen kleinen Einblick, inwieweit ein Paradigmenwechsel von der Linear- zur Kreislaufwirtschaft vorangeschritten ist. Noch sind viele Fragen zu klären. Viele Messen wurden in diesem Jahr aufgrund des Corona-Virus verschoben, aber gerade eine Fach- und Arbeitsmesse wie die Kuteno vom 4. bis 6. Mai 2021 in Rheda-Wiedenbrück, bietet eine gute Plattform, um den Diskurs rund um die Circular Economy wieder anzutreiben. Die Kunststoffbranche ist sich ihrer Verantwortung bewusst, Prozesse, Produkte und Logistik nachhaltig und schonend zu gestalten und Kunststoffe weiter in Richtung einer Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Die Reise muss und wird also weitergehen.

Über den Autor

Harald Wollstadt

ist Inhaber der Agentur Media4B2B in Trebur.