Die Chance für Unternehmen bestehen darin, neue digitale Wege zu erschließen oder bestehende auszubauen, mit der Erfolgsaussicht auf eine hohe Akzeptanz beim Nutzer. (Bildquelle: metamorworks – stock.adobe.com)

Die Chance für Unternehmen bestehen darin, neue digitale Wege zu erschließen oder bestehende auszubauen, mit der Erfolgsaussicht auf eine hohe Akzeptanz beim Nutzer. (Bildquelle: metamorworks – stock.adobe.com)

In bisher ungekanntem Maße erleben wir zurzeit, wie das öffentliche Leben überall reduziert wird sowie physische Kontakte im privaten und beruflichen Leben massiv eingeschränkt werden. In dieser Situation bietet sich die Chance für Unternehmen, neue digitale Wege zu erschließen oder bestehende auszubauen, mit der Erfolgsaussicht auf eine hohe Akzeptanz beim Nutzer. Vorne dabei ist hier sicherlich der Frankenberger Heißkanalhersteller Günther. Denn Anwenderbedürfnisse auf den Punkt genau zu erfüllen, sich damit von Mitbewerbern zu differenzieren und trotzdem die Kosten niedrig zu halten, ist die Intention des Herstellers von Heiß- und Kaltkanaltechnik. So wurde frühzeitig daran gearbeitet, auch bei Konstruktion und Auslegung der Spritzgusswerkzeuge wirtschaftlicher zu werden. In Anbetracht dessen sollte das Auslegen von Heißkanalsystemen nicht durch ein zeitintensives Wälzen von Katalogen und Datenblätter verzögert werden, dachte sich bereits Anfang 2005 die Geschäftsführung um Siegrid Sommer und Herbert Günther. Zeit ist bekanntlich Geld und der Einsatz eines Online-Produktkonfigurators könnte die Konstrukteure und Werkzeugbauer unterstützen, um zum einen schneller, zum anderen aber auch sicher zum Ziel zu kommen.

Mit Weitblick die digitalen Chancen nutzen

So wurde zusammen mit der Acatec Software, Gehrden, ein Projekt initiiert, das eine geführte Heißkanalkonfiguration zum Vorsatz hatte. Stefan Schreiber, Prokurist und Leiter Consulting bei Acatec, erinnert sich an die Anfänge. „Bei der Nutzung eines Konfigurators geht es um Schnelligkeit, das Einsparen von Routinearbeiten und Fehlerfreiheit. Deshalb kommen in den letzten Jahren immer mehr Systeme die eine schnelle, regelbasierte Generierung und Bereitstellung von Informationen für individuelle Investitionsgüter im B2B-Bereich auf den Markt. Umso bemerkenswerter ist es, dass Günther Heisskanaltechnik bereits Anfang 2005 auf uns zukam, um gemeinsam einen Online-Konfigurator zu entwickeln.“ Thomas Knecht, zuständig für den Cadhoc-System-Designer beim Heißkanalhersteller: „In der Konstruktion geht oftmals Zeit verloren, die dem Werkzeugbau fehlt, um schnell auf Anfragen reagieren zu können. So kam es zur Idee, mit einem Online-Tool den Konstruktionsprozess zu automatisieren.“ Zu Beginn erarbeiteten die beiden Unternehmen ein Regelwerk auf Basis von Anwenderanfragen aus. „Das Know-how der Anwendungstechniker und der anwendungstechnischen Beratung mussten in ein Regelwerk einfließen. Erleichtert hat die Erarbeitung des Regelwerks aber die Tatsache, dass Günther schon vieles standardisiert und ein Baukasten definiert hatte“, so Schreiber. Damit ist der Baukasten aus Heißkanalsystemen, Heißkanaldüsen, Heißkanalverteilern, Nadelverschlusssystemen und die Regeltechnik gemeint.

Bei der Nutzung des Cadhoc System-Designers geht es um Schnelligkeit, das Einsparen von Routinearbeiten und Fehlerfreiheit. (Bildquelle: Günther)

Bei der Nutzung des Cadhoc System-Designers geht es um Schnelligkeit, das Einsparen von Routinearbeiten und Fehlerfreiheit. (Bildquelle: Günther)

Zu jedem Heißkanalsystem standen 3D-CAD-Modelle in verschiedenen Datenformaten zur Verfügung, denn die Heißkanaltechnik des Herstellers wird von kleinen und mittelständischen Betrieben bis hin zu Großkonzernen eingesetzt. Thomas Knecht beschreibt die Herausforderung. „Wir mussten die CAD-Daten in dem vom Anwender gewünschten Format zur Verfügung stellen oder in einem Datenaustauschformat wie OpenDXM von Prostep.“ Im Anschluss wurde das Katalogsystem von Günther angebunden. 2006 ging dann die erste Version online. Der Zugriff zum System-Designer Cadhoc erfolgt über das Internet und ermöglichte das sofortige Bereitstellen von 3D-Modellen in Advanced Technology. „Der Anwender erhielt als Ergebnis ein Datenpaket mit 3D-Modellen, Zeichnungen und Preisinformationen. Das positive Feedback auf den Cadhoc-System-Designer hat dann doch alle Beteiligten etwas überrascht. Die Formenkonstrukteure waren besonders von den sehr kurzen Konstruktionszeiten und der hohen Konstruktionssicherheit begeistert“, so Knecht. „Im vergangenen Jahr haben wir dann einen Relaunch durchgeführt und viele Anregungen aufgenommen. So wurde nicht nur die Usability des Konfigurationsprogramms verbessert, sondern die neue Verwaltungsoberfläche ermöglicht es dem Benutzer zudem, alle durchgeführten Konfigurationen zu speichern und bei einer späteren Anfrage schnell abzurufen. Durch die neuen Speicherfunktionen hat der Anwender seine durchgeführten Auslegungsvarianten immer zur Hand und kann sie bei Bedarf als Vorlage für neue Heißkanalauslegungen nutzen. Neben der anwendungsbezogenen Konfiguration unter Angabe der Prozessparameter, die den Anwender unter anderem bei der Auswahl der passenden Düsengröße unterstützt, ist auch eine direkte Konfiguration ohne anwendungsbezogene Vorgaben durch den Konfigurator möglich. So wird die Produktkonfiguration zum Kinderspiel, dank eines digitalen Tools.“

Schnelle Unterstützung dank AR

Der Anwender zeigt sein Anliegen mittels der Kamera seines Smartphones oder Tablets. Der Supporttechniker kann ihn dann bequem zu einer Problemlösung führen. (Bildquelle: Günther)

Der Anwender zeigt sein Anliegen mittels der Kamera seines Smartphones oder Tablets. Der Supporttechniker kann ihn dann bequem zu einer Problemlösung führen. (Bildquelle: Günther)

Aber im Bereich Service und Wartung hat sich das Unternehmen mit einer digitalen Lösung schnell auf dem Markt positioniert und einmal mehr das im Markt vorhandene Bild, nämlich Vorausschau, Problemlösungsfähigkeit sowie Innovativität bestätigt. Seit November 2019 können sich die Servicetechniker der Anwender durch den Augmented Reality Support (AR) intuitiv und intelligent unterstützen lassen. Damit war das Frankenberger Unternehmen das Erste auf dem Markt. Dr. Stefan Sommer, Prokurist und zuständig für die digitale Transformation, legt die Vorteile von AR im Service- und Abmusterungsprozess für den Anwender dar: „In vielen Bereichen wird zunehmend auf digitale Prozesse umgestellt. Der Weg zum papierlosen Büro ist hierbei nur ein kleiner Schritt. Heute sind viele Ressourcen in der Produktion vernetzt, um eine effizientere, tagesgenaue Kapazitätsplanung zu ermöglichen. Auch neue, digitale Technologien werden nun verstärkt auf den Bereich Service und Anwendungstechnik ausgerollt und die Augmented-Reality-Technologie bietet hierfür viele Vorteile. So lassen sich Wartungsaufgaben, aber auch Optimierungen von Prozessparametern an der Spritzgussmaschine effizienter und auch schneller durchführen. Vor allem aber: Der Anwender bekommt schneller Unterstützung und An- und Abreise entfallen.“

Günther setzt dafür die AR-Softwarelösung der Marburger Firma Inosoft ein und hat schnell positive Rückmeldungen bekommen. „Anfangs wurde die Idee, Augmented Reality einzusetzen, noch belächelt, aber das hat sich ganz schnell geändert“, erklärt Stefan Sommer. „Wir haben den Zugang zum neuen Service leicht gestaltet. Der Anwender kann sich telefonisch an seinen gewohnten Ansprechpartner im Hause wenden und erhält dann eine spezielle Web-URL und zusätzlich einen QR-Code. Selbstverständlich kann der Erstkontakt auch per E-Mail erfolgen.“ Für die AR-Support-Sitzung mit dem passenden Ansprechpartner öffnet der Anwender den Link auf seinem mobilen Endgerät. Als zweite Option kann er auch den QR-Code scannen und die AR-Support-Sitzung starten. „Der Anwender zeigt uns anschließend sein Anliegen mittels der Kamera seines Smartphones oder Tablets. So können wir ihn dann bequem zu einer Problemlösung führen“, legt Stefan Sommer die Vorgehensweise dar. „Man muss sich das so vorstellen, als wenn jemand hinter einem steht und einen anleitet.“

Mittlerweile wird der Augmented Reality Support vielfach, insbesondere auch für Fragen der Regel- und Steuerungstechnik genutzt, um zum Beispiel die Regelungsparameter anzupassen oder um den Spritzgussprozess zu optimieren und weitere Hilfestellung zu geben. „Diese Art des Supports wird gut angenommen, nicht nur wegen der momentanen Corona-Krise“, so Stefan Sommer abschließend. „Die Anwender sind sehr offen, wenn wir sie auf diesen Service aufmerksam machen. Nur wenige blocken ab.“

Gelebte Vorausschau, Problemlösungsfähigkeit und Innovativität

Diese Beispiele zeigen, dass die Digitalisierung ein Wettbewerbsvorteil sein kann, wenn Unternehmen, die aktuellen und vor allem zukünftigen Bedürfnisse der Nutzer ständig analysieren, schnell auf Basis dieser Analysen Produkt- und Prozessinnovationen entwickeln, und in die Markteinführung beziehungsweise den Rollout gehen. Schon mit der Standardisierung der Dickschicht-Technologie, die die Entwicklung energieeffizienterer Heißkanaldüsen ermöglichte, bewies der Heißkanalhersteller, was mit einer gelebten Weitsichtigkeit, Problemlösungsfähigkeit und Innovativität erreicht werden kann.

Über den Autor

Horst-Werner Bremmer

ist Leiter Anwendungstechnische Beratung und Vertrieb bei Günther Heisskanaltechnik in Frankenberg (Eder).