"Wir blicken weiterhin positiv in die Zukunft", sagt Manfred Hack, Geschäftsführer Erema.

„Wir blicken weiterhin positiv in die Zukunft“, sagt Manfred Hack, Geschäftsführer Erema.

Wie hat sich das Kunststoffrecycling im Umfeld von Corona entwickelt?
Manfred Hackl: Die Corona-Pandemie hat den Blick der Konsumenten auch wieder auf die Vorteile von Kunststoff als Verpackungsmaterial oder in der Medizintechnik gelenkt und bewusst gemacht, welche Bedeutung dieser Werkstoff hat. Die Branche hat in den vergangenen Monaten beispielsweise durch die kurzfristige Umstellung auf die Produktion von Schutzausrüstung bewiesen, dass sie flexibel und lösungsorientiert ist. Beide Eigenschaften sind nötig, um die Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe voranzutreiben. Für das Kunststoffrecycling kann eine höhere Wertschätzung von Kunststoff durch die Bevölkerung nur hilfreich sein, weil sie die Auseinandersetzung mit dem Thema wieder stärker versachlicht. Allerdings führen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise derzeit zu einer schwierigen Situation für die Recyclingbranche.

„Die Corona-Pandemie hat den Blick der Konsumenten auch wieder auf die Vorteile von Kunststoff als Verpackungsmaterial oder in der Medizintechnik gelenkt und bewusst gemacht, welche Bedeutung dieser Werkstoff hat.“

Was waren die größten Herausforderungen für Erema in den letzten durch die Corona-Krise geprägten Monate?
Hackl: Corona markiert eine einzigartige Zäsur – nicht nur in unserer Unternehmensgeschichte, sondern auch für jeden Einzelnen und das weltweit. Als Unternehmen galt es vordergründig die Gesundheit von Mitarbeitern, Kunden und Partnern bestmöglich sicherzustellen und trotz der Herausforderungen, welche der Lockdown und immer noch bestehende Einschränkungen mit sich brachten, die Geschäftstätigkeit am Laufen zu halten. Da gilt es trotz Reiserestriktionen rund um den Globus Maschinen in Betrieb zu nehmen oder abgesagte Messehighlights durch andere Formen des Kundenkontaktes bestmöglich zu kompensieren und gleichzeitig gewohnte interne Abläufe zu adaptieren. Die Begleiterscheinungen dieser Pandemie erfordern von unseren Mitarbeitern großen Einsatz und in vielen Bereichen auch ein Um- oder ein Neudenken. Vieles von dem, was in dieser Phase neu entsteht oder optimiert wird, wie Inbetriebnahmen per Remote-Support, Homeoffice, oder Kundenevents im virtuellen Raum, werden wir in die Zeit nach Corona mitnehmen und auch dann erfolgreich nutzen können. Vorhersagen sind nach wie vor schwierig, aber wir sind auch für die Zukunft sehr zuversichtlich.

Stellen Sie größere Investitionsstopps bei den Kunden fest? Wenn ja, wie werden diese begründet?
Hackl: Unser neues Geschäftsjahr begann im April, also mitten im weltweiten Lockdown. Das erste Quartal war von vielen Unsicherheiten und vom Preisverfall für Neuware geprägt, was dazu führte, dass unsere Kunden mit Investitionen zurückhaltender waren. Inzwischen haben wir alle besser gelernt, mit der coronabedingten Situation umzugehen. Die Stimmung ist mittlerweile wieder positiver. Gleiches gilt für die Bereitschaft, zu investieren.

Im vergangenen Jahr zeichnete sich die Entwicklung ab, dass weltweit die Kreislaufwirtschaft aufgebaut wird. Hält dieser Trend aus Ihrer Sicht an?
Hackl: Kunststoffrecycling und Kreislaufwirtschaft werden wichtige Themen bleiben, weil ein nachhaltiger Umgang mit Kunststoffabfällen eine der großen Herausforderungen ist, für die wir Lösungen entwickeln und umsetzen müssen. Wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für die Recyclingbranche sind nun aber auch die Entscheidungsträger auf nationaler und internationaler Ebene gefordert. Sie müssen dafür sorgen, dass wegen der aktuellen Preissituation nicht über Jahre erworbenes Recycling Know-how und funktionierende Recycling-Infrastruktur verloren gehen, denn wenn diese Basis wegfällt, würde uns das auch am Weg zur Umsetzung der EU-Recyclingziele zurückwerfen.

„Wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für die Recyclingbranche sind nun aber auch die Entscheidungsträger auf nationaler und internationaler Ebene gefordert.“

Der Markt fordert eine konstante Rezyklatqualität in ausreichender Menge. Inwieweit kommt die Erema-Anlagentechnik diesem Punkt nach?
Hackl: Höchste und vor allem stabile Produktionsprozesse sichern beste Rezyklatqualität und die ist entscheidend dafür, dass das Recyclingpotenzial im Sinne von Circular Economy bestmöglich ausgeschöpft werden kann. Das ist seit jeher unser Anspruch! Wir haben für jeden Prozessschritt die richtige Technologie, was in Summe die bestmögliche Rezyklatqualität ergibt, zum Beispiel Counter Current Technologie, TVEplus-Technologie mit Filter, Homogenisierung und Entgasung, Laserfilter-Technologie, QualityOn-Pakete zur Qualitätsüberwachung und vieles mehr. Mehr als 1.000 Patente belegen das ebenso wie neue Einsatzgebiete für Rezyklate, die wir mit unseren Entwicklungen und Maschinen mit ermöglichen konnten.

Zwei Beispiele dafür: Die Produktion der weltweit ersten Kosmetikverpackung aus 100 Prozent PCR-HDPE aus dem Gelben Sack basiert auf unserem Extrusionssystem Interema TVEplus RegrindPro in Kombination mit dem ReFresher Modul. PCR-HDPE, das mit der gleichen Anlagenkombination produziert wird, wurde außerdem von der FDA im vergangenen Herbst die Lebensmitteltauglichkeit bescheinigt.
Das Endergebnis beim Kunststoffrecycling hängt aber nicht nur vom Extrusionsprozess, der unser Kerngeschäft ist, ab. Alle Prozesse müssen aufeinander abgestimmt sein, denn welche Ergebnisse beispielsweise eine Waschanlage bringt, kann für die Extrusion bedeutend sein. Deshalb denken wir bei Kundenaufträgen das Zusammenwirken mit vor- und nachgeschalteten Prozessen von vorneherein mit, um unsere Anlagen bestmöglich in bereits bestehende Abläufe zu integrieren und deshalb forcieren wir auch den Austausch und die Zusammenarbeit mit allen Akteuren in der Kunststoffkette.

Welche Neuentwicklungen hätten Sie in Friedrichshafen auf der Fakuma präsentiert?
Hackl: Wir hätten auf der Fakuma unsere technologischen Highlights in den unterschiedlichen Applikationen des Kunststoffrecyclings präsentiert, ebenso wie unsere Kundenplattform BluPort und ausgewählte Leuchtturmprojekte. Die Absage ist bedauerlich aber auch nachvollziehbar. Noch ist nicht absehbar, wann es wieder große internationale Publikumsveranstaltungen geben wird. Deshalb müssen wir auch in der Kommunikation mit unseren Zielgruppen neue Wege beschreiten. Mit unserer Show Hello haben wir eine virtuelle Eventplattform geschaffen, auf der wir via Videos und Präsentationen Informationen über unsere Technologien und über Leuchtturmprojekte für die Circular Economy bündeln. Darüber hinaus organisieren wir auf dieser Plattform Webinare zu diversen Fachthemen. Und natürlich sind unsere Experten als Gastredner und Vortragende auch bei Vortragsreihen und Webinaren diverser Veranstalter im Einsatz.

„Auch als Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels, Stichwort CO2-Reduktion, wird Kunststoff Teil der Lösung sein.“

Wie sind aktuell Ihre Erwartungen für die Branche?
Hackl: Wir blicken weiterhin positiv in die Zukunft. Nachhaltigkeit und damit auch Kunststoffrecycling werden wichtig, Anliegen für die Gesellschaft und für die Branche bleiben, oder durch die Lehren, die aus dieser Krise gezogen werden, vielleicht sogar noch an Bedeutung gewinnen. Auch als Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels, Stichwort CO2-Reduktion, wird Kunststoff Teil der Lösung sein. Unsere Mission „Another Life for Plastic. Because we care.“ zielt genau darauf ab, für den Umgang mit Kunststoffabfällen nachhaltige Lösungen zu entwickeln und mit unseren Partnern zu realisieren.

 

simone_fischer_pv

Über den Autor

Simone Fischer

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

simone.fischer@huethig.de