Erhard Krampe leitet die Plasmatreat Academy. (Bildquelle: Plasmatreat)

Erhard Krampe leitet die Plasmatreat Academy. (Bildquelle: Plasmatreat)

Plastverarbeiter: Herr Krampe, was ist die Idee hinter der Plasmatreat Academy?

Erhard Krampe: Bei Plasmatreat entwickeln wir hochspezifische individuelle Lösungen für die Oberflächenbehandlung. Das können wir nur, wenn wir die Fertigungsprozesse der Anwender verstehen und wenn diese wiederum wissen, welche Möglichkeiten ihnen unsere Verfahren bieten. Schon vor vielen Jahren haben wir gemerkt, dass es in der Industrie in dieser Hinsicht einen großen Informationsbedarf gibt. Da wir zudem Innovationsführer im Bereich der Plasma-Oberflächenbehandlung sind, müssen und wollen wir unser Know-how mit dem Markt teilen. Aus diesem Grund veranstalten wir regelmäßig Seminare, Schulungen und Workshops zum Thema Plasma an sich und zu den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten. Das gegenseitige Verständnis ist aus unserer Sicht existentiell, um effektiv und schnell industrierelevante Lösungen entwickeln zu können. Deshalb führen wir jetzt unter dem Dach der neu gegründeten Akademie unsere Fortbildungsangebote zusammen, erweitern sie um Fachvorträge, Kongresse und Veranstaltungen zu ausgewählten Themen und können so allen Interessierten ein viel breiteres Portfolio anbieten als in der Vergangenheit.

Plastverarbeiter: Sie sprechen von innovativen Lösungen für den Markt. Was fällt Ihnen spontan als spezifisches Projekt ein?

Krampe: Im Bereich Medizintechnik denke ich an einen kunststofftechnisch sehr herausfordernden Katheter, der aus unterschiedlichen Werkstoffen gefügt wird. Katheter werden in der Regel mit einer Reibung reduzierenden Beschichtung ausgestattet, die nach einer Vorbehandlung des Schlauches aufgetragen wird. Bei dem bisherige Vorbehandlungsverfahren traten Oberflächendefekte in einzelnen Bereichen auf. Durch eine lokale Aktivierung mit unterschiedlichen Plasmaparametern konnte die Haftfestigkeit der Beschichtung erheblich gesteigert werden, ohne die sehr hitzeempfindliche Kunststoffoberfläche zu schädigen.

Plastverarbeiter: In der Corona-Krise eine Akademie eröffnen, das ist mutig. Wie führen Sie denn Veranstaltungen in der aktuellen Situation durch?

Krampe: Wir mussten flexibel auf die geänderte Situation reagieren, denn Präsenzveranstaltungen sind derzeit ja leider nicht in dem Maße möglich, wie wir uns das wünschen. Nichtsdestotrotz wollten wir unsere Inhalte und Themen jedermann näherbringen, denn die Nachfrage ist da. Also haben wir kurzerhand beschlossen, mit Online-Seminaren die Akademie zu starten. Da, wie bereits erwähnt, der Branchenbezug für uns eine große Rolle spielt, um den Anwendern auf ihr Tätigkeitsfeld zugeschnittene Angebote zu bieten, haben wir das sehr aktuelle Thema „Plasma in der Elektronikfertigung“ aufgegriffen und in einer digitalen Veranstaltungsreihe organisiert. Drei aufeinander aufbauende Themen, die für unsere asiatische, europäische und amerikanische Zielgruppe an die jeweilige Zeitzone angepasst präsentiert wurden, decken eine Vielzahl der bisher an uns herangetragenen Fragestellungen ab. Die Nachfrage war sehr groß, pro Thema haben bis zu 250 Personen teilgenommen. Deshalb werden wir dieses digitale Angebot weiter ausbauen. Zurzeit planen wir Web-Seminare, die sich unter anderem mit den Anwendungsmöglichkeiten von atmosphärischem Plasma in der Druck- und Automobilindustrie befassen. Darüber hinaus stehen werkstofffokussierte Workshops auf der Agenda, wie die Plasmabehandlung von Kunststoffen, Metallen und Glas, die branchenübergreifend eine Relevanz haben. Dabei spielen neben der Feinstreinigung und Aktivierung mit Atmosphärendruckplasma auch die vielfältigen Möglichkeiten, die durch Plasmabeschichtungen gegeben sind, eine zentrale Rolle.

Plastverarbeiter: Plasmatreat verfügt über ein gut ausgestattetes Technikum. Nutzen Sie die Webinare auch zur Live-Demonstration der Technik? Eine Plasmabeschichtung oder Aktivierung könnte doch anschaulich in einem Praxistest dargestellt werden.

Krampe: Dies ist auf jeden Fall geplant, wenn es das jeweilige Web-Seminar-Thema anbietet. Eine Live-Demonstration der Plasmatechnologie beantwortet viele Fragen, die im Verlauf der Projekte sowieso thematisiert werden. Ergänzend bauen wir immer wieder Videosequenzen in unsere Expert-Talks, wie wir unsere Online-Seminare nennen, ein, die typische Anlagenkonzepte zur Lösung spezieller Oberflächenfragestellungen in Aktion zeigen.

Plastverarbeiter: An wen richten sich die Veranstaltungen der Akademie denn konkret?

Krampe: Die gerade beschriebene digitale Veranstaltungsreihe richtete sich an alle, die sich mit dem Thema Oberflächenbehandlung, insbesondere Reinigen, Aktivieren und Beschichten, beschäftigen. Hier ging es uns darum, ein generelles Verständnis für die Möglichkeiten, die Plasma bietet, zu vermitteln. Dabei wollen wir möglichst viele Menschen erreichen: Bestehende und potenzielle Anwender, aber auch deren Lieferanten – also die Hersteller der Bauteile und Materialien, deren Oberflächen wir mit unseren Plasmaanlagen behandeln. Der Grund ist einfach: Wir sehen uns als „Prozessversteher“. Wir betrachten die Anwendungen ganzheitlich und wollen deshalb genau wissen, welche Fertigungsschritte vor dem Einsatz unserer Plasmaanlagen stattfinden und welche danach ausgeführt werden.

Plastverarbeiter: Die Plasmatreat Academy dient also dem Wissenstransfer in alle Richtungen?

Krampe: Ja, für uns ist dieser Austausch genauso wertvoll wie für die Teilnehmer, denn wir lernen viel. Der intensive Dialog mit Industrie und Wissenschaft gehört quasi zur Unternehmensphilosophie. Nur so sind wir in der Lage, neue, innovative Verfahren zu entwickeln, die den Anforderungen des Marktes entsprechen. Die Plasmatreat Academy hat deshalb auch eine große Bedeutung für die Fort- und Weiterbildung unserer eigenen Mitarbeiter.

Plastverarbeiter: Was können Sie uns zu derzeitigen Neu- beziehungsweise Weiterentwicklungen der Verfahren sagen?

Krampe: In einem vom BMBF geförderten Projekt Ecoprint beschichtet Plasmatreat metallische und keramische Füllstoffpartikel, die in thermoplastische Kunststoffe eingearbeitet werden. Ziel ist es, passive Kühler mittels 3D-Druck direkt auf Leiterplatten oder ähnlichem aufzubringen. Dazu müssen die Kunststoffe gut thermisch leitfähig, dürfen aber nicht elektrisch leitfähig sein. Die wichtigsten Partner sind Siemens und Fraunhofer IFAM sowie Druckerhersteller aus Österreich, mit denen wir im Zuge des Forschungsprojektes zusammenarbeiten. Das ultimative Ziel des Projekts ist es, die neu entwickelten Materialien in einem AM-Prozess zu verwenden, um kostengünstige Kühlkörper oder Kühlrohre mit komplexer Form oder bedarfsgesteuerte Kühllösungen zu entwerfen.

Plastverarbeiter: Bekommen Sie durch die Interaktion mit den Anwendern auch die Ideen für die Themen der Veranstaltungen?

Krampe: Einige Konzepte entstehen tatsächlich auf diese Weise. Die Vertriebskollegen berichten von einem großen Interesse an unseren Weiterbildungsangeboten und an bestimmten Themen. Und natürlich sind bei den adressierten Firmen selbst die Zielgruppen sehr breit gefächert; ob Entwickler, Konstrukteure, Projekteure und Einkäufer – das Angebot an Basis- und Fortgeschrittenen-Inhalten ist im Aufbau. Zusätzlich legen wir einen besonderen Fokus bei der Erstellung des Akademie-Programms auf die Bediener der Anlagen. Hier ist es unser Ziel, ihnen den Arbeitsalltag von unserer Seite aus so einfach und effektiv wie möglich zu gestalten. Dieses Ziel verfolgen wir nicht nur bei der Auslegung und Fertigung der Plasmatreat-Systeme, sondern auch in der Akademie. Deshalb ergänzen wir unser Angebot beispielsweise auch mit Kooperationen und arbeiten eng mit unseren Partnern aus Wissenschaft und Industrie zusammen. Renommierte Forschungseinrichtungen und Universitäten werden ein wichtiger Teil unserer Plasmatreat Academy sein.

Plastverarbeiter: Welche Örtlichkeiten werden von der Akademie genutzt, wenn Präsenzveranstaltungen wieder möglich sind?

Die Veranstaltungen sind nicht an einen festen Ort gebunden. (Bildquelle: Plasmatreat)

Die Veranstaltungen sind nicht an einen festen Ort gebunden. (Bildquelle: Plasmatreat)

Krampe: Grundsätzlich sind wir da völlig flexibel: Die Akademie ist nicht an einen Ort gebunden – wir laden ein, gehen zu den Interessenten, nutzen Hotels für die Veranstaltungen oder halten Seminare online ab. In unseren weltweiten Niederlassungen sowie an unserem Firmensitz in Steinhagen haben wir Möglichkeiten, die Plasmaverfahren live vorzuführen – von der Theorie in die Praxis sind es also nur ein paar Schritte. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch, dass wir unsere Räume engen Partnern für deren Weiterbildungsevents zur Verfügung stellen wollen und dafür bereits Anfragen vorliegen haben.

Plastverarbeiter: Gibt es Fragen von Teilnehmern, die in den Veranstaltungen immer wieder auftauchen? 

Krampe: Ein Thema, welches immer wieder an uns herangetragen wird, ist: Was kann Plasma bewirken? Hauptsächlich, wo können Vorbehandlungsschritte, in denen bisher mit Chemikalien gearbeitet wird, durch Plasma umfeld- und umweltfreundlicher gestaltet werden. Diese Frage kann man aber leider nicht generell beantworten, denn einerseits stellt sich die Frage, was soll ersetzt werden – eine Anodisierung, ein lösungsmittelbasiertes Reinigungsverfahren, chemische Ätzung oder der Ersatz von Primern oder von chemischen Desinfektionsmitteln. Andererseits ist zu klären, um welches Substrat handelt es sich? Welches Material wird eingesetzt? Welche Eigenschaften hat es? Diese Informationen sind für uns sehr wichtig, denn nur auf dieser Grundlage können wir für den Prozess die optimale Lösung entwickeln. Hier sind der Akademie Grenzen gesetzt und wir übergeben die Fragestellung dann der Anwendungstechnik.

Plastverarbeiter: Was wollen Sie mit der Akademie zukünftig erreichen?

Krampe: Die Anwendung von Plasma in der Oberflächentechnik ist noch verhältnismäßig jung. Deshalb sind ihre Bekanntheit und das Wissen über die sich ergebenden Möglichkeiten noch deutlich ausbaubar. Hier möchten wir mit der Akademie helfen, eine Brücke zwischen Forschung und konkreter Industrieanwendung zu schlagen. Dafür ist ein professioneller Wissenstransfer unabdingbar. Und Plasma bietet nicht nur Alternativen, sondern auch ganz neue Potenziale: beispielsweise Werkstoffe haftungsstark miteinander zu verbinden, die bisher nicht kompatibel waren. Das bedeutet, dass auch noch ganz neue Anwendungsfelder auf uns zukommen, die bisher noch niemand ins Auge gefasst hat.

Vielen Dank für das Gespräch!