Ralf Olsen ist Hauptgeschäftsfüher von Pro-K Industrieverband Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff in Frankfurt am Main und verantwortlich für die Bildungspolitik in der Kunststoffverarbeitenden Industrie. (Bildquelle: Pro-K)

Ralf Olsen ist Hauptgeschäftsfüher von Pro-K Industrieverband Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff in Frankfurt am Main und verantwortlich für die Bildungspolitik in der Kunststoffverarbeitenden Industrie. (Bildquelle: Pro-K)

Das beste Beispiel ist die Corona-Krise: Unternehmen mussten innerhalb kürzester Zeit ihre Produktion umstellen und neue, vorrangig medizinische Produkte herstellen. Eine solche kurzfristige Anpassung ist nur möglich, wenn sowohl die geeigneten Maschinen, als auch die gutausgebildeten Fachkräfte zur Adaption der neuen Herausforderung zur Verfügung stehen.

Besonders die kunststoffverarbeitende Industrie kann ihren Fachkräften hier hoch spannende Perspektiven anbieten. Neben den gut gefächerten Möglichkeiten für die persönliche Aus- und Weiterbildung, stehen die Unternehmen unter ständigen Herausforderungen, neue Produkte für die internationalen Märkte zu entwickeln. Wie schnell eine solche Entwicklung von statten gehen kann, zeigt sich an dem Beispiel der Handyschalen. Diese wurden noch bis zur Mitte der 90er Jahre gefertigt, und bereits 20 Jahre später wissen die jungen Menschen gar nicht mehr, was eine Handyschale ist. Diese hohe Geschwindigkeit der Entwicklung und Veränderung in den Märkten, ist bestens ausgebildeten Mitarbeitern geschuldet.

Duale Berufsausbildung als Chance

Gerade hier liegt die große Herausforderung für die kunststoffverarbeitende Industrie, den notwendigen, qualifizierten Nachwuchs einzuwerben. Die duale Berufsausbildung ist die Chance für die Unternehmen, ihren Fachkräftenachwuchs selbst entwickeln zu können. Dem Wunsch, über diesen Weg den Branchennachwuchs einzuwerben, steht allerdings dem deutlichen Geburtenrückgang der vergangenen Jahrzehnte und das Streben der Schulabgänger nach höheren Abschlüssen gegenüber. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Berufsausbildung und um diese ist mittlerweile ein heftiger Wettbewerb entbrannt.

Heute ist es für die Unternehmen unabdingbar, ihr Ausbildungsangebot nach außen und hier insbesondere in die Schulen zu tragen und aktiv aufzuzeigen, welche Perspektiven mit einer dualen Berufsausbildung in der kunststoffverarbeitenden Industrie verbunden sind. Allen voran gilt es zu verdeutlichen, dass Kunststoffe in vielen Einsatzbereichen Zukunftstechnologien abbilden, die weit über Lösungen für den immer wichtigeren Klima- und Umweltschutz hinausgehen. Denken wir hier insbesondere an die enorme Gewichtseinsparung durch Kunststoffe im Automobilbau oder schlicht und einfach daran, dass moderne Kommunikation – sei es über Smartphone, Tablet oder Internet – ohne Kunststoffe nicht möglich wäre. Die aktuell viel diskutierte Einführung der 5G-Technologie ist zum Beispiel ohne Fluorkunststoffe unmöglich.

Hier entsteht eine Attraktivität, die wir viel stärker als früher nach außen tragen müssen, um im Wettbewerb junge Menschen für Kunststoffe zu begeistern. Dazu zählt auch die additive Fertigung (3D-Druck), die heute noch ungeahnte Produktionsmöglichkeiten für die Innovationen der Zukunft eröffnet. Damit ist das Spannungsfeld beschrieben, in dem wir uns derzeit befinden.

„Um das Fachkräfteproblem der Zukunft zu lösen, ist es unabdingbar auch Frauen für eine Ausbildung in technischen Berufen anzusprechen.“

Ralf Olsen, Hauptgeschäftsführer Pro-K

Ohne die fantastische Arbeit der Ausbilder in den Betrieben, hätten wir heute noch viel größere Probleme. Häufig kommen junge Berufseinsteiger auf die Unternehmen zu, mit dem Ziel, einen Modeberuf, wie zum Beispiel Mechatroniker, zu ergreifen. Es ist dem Engagement der Ausbildungsverantwortlichen geschuldet, die in vielen Fällen die jungen Menschen davon überzeugen können, dass der Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik der weitaus bessere Ausbildungsberuf ist. Dies ist übrigens auch die Meinung der Auszubildenden. Regelmäßig befragen wir sie zu ihren Erfahrungen. Und hier zeigt sich ein klares Bild: Der sperrige Berufsname versperrt zunächst den Blick auf die sehr vielfältigen und zukunftsweisenden Inhalte unseres Ausbildungsberufes. Nomen est omen. Hier gilt es also anzusetzen und einen deutlich attraktiveren und passenderen Namen zu finden, der den jungen Menschen einfacher und deutlicher den Weg in unsere Branche und damit in ihre Zukunft zeigt. In den vergangenen Monaten eine Vielzahl von Optionen diskutiert und können uns heute durchweg vorstellen, mit einem Namen wie „Polymerverfahrenstechnologe“, oder besser noch „Polymertechnologe“, bei den Schülern zu punkten.

Mehr Frauen für die Berufswahl gewinnen

Neben der demographischen Entwicklung, an der sich allerdings in den nächsten Jahrzehnten wenig ändern wird, muss sich die Branche darüber klar werden, deutlich mehr als bisher für die Einwerbung von Fachkräften zu tun. Ungeachtet der aktuellen konjunkturellen Lage beklagen fast ¾ der Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie, angebotene Ausbildungsplätze nicht ausreichend mit qualifizierten Bewerbern besetzen zu können. Interessant ist dabei, dass dieser Mangel deutlich weniger in den kaufmännischen Berufen als vielmehr in den technischen Berufen zu finden ist. In dem Fall ist die Erklärung, aber auch gleichzeitig die Herausforderung für die Branche, sehr einfach. Während sich auf die kaufmännischen Ausbildungsberufe gleichermaßen Frauen und Männer bewerben, sind es in den klassischen technischen Ausbildungsberufen überwiegend nur Männer. Um das Fachkräfteproblem der Zukunft zu lösen, ist es unabdingbar auch Frauen für eine Ausbildung in technischen Berufen anzusprechen. Was heute vielleicht noch eine Ausnahme ist, muss in der Zukunft die Regel werden.

Wir erleben es in unserer täglichen Praxis immer wieder, dass Frauen mit hervorragenden Ausbildungsergebnissen ihre Ausbildung abschließen. Blicken wir also in die Zukunft: Am demographischen Wandel können wir auf die mittlere Sicht wenig tun. Wir müssen mit den heutigen Gegebenheiten erst einmal zurechtkommen. Ein erster Schritt zur Verbesserung der Situation besteht darin, frühzeitig in die allgemeinbildenden Schulen zu gehen. Neben der Werbung für Unternehmen und Beruf, geht es vor allem darum, aufzuzeigen, das eine Berufskarriere über eine duale Ausbildung einer klassischen akademischen Ausbildung durchweg vergleichbar ist. So weisen die erzielbaren Lebensarbeitseinkommen zwischen einem „Facharbeiter“ und einem Akademiker kaum große Unterschiede auf. Der Hinweis der Eltern „Du sollst es einmal besser haben“, muss keineswegs mit einer akademischen Laufbahn verbunden sein. Eine duale Berufsausbildung in Verbindung mit den Angeboten in den Unternehmen und dem riesigen Angebot an Weiterqualifikationen eröffnen heute Wege, die kaum einen Wunsch offen lassen. Selbst ein Studium ohne Abitur ist heute möglich.

In der dualen Berufsausbildung selbst stehen wir in einem sehr harten Wettbewerb. Schulabgänger haben die Wahl sich zwischen 300 verschiedenen Ausbildungsberufen zu entscheiden. Dementsprechend sind wir als Kunststoff verarbeitende Industrie gefordert, unseren Ausbildungsberuf deutlich attraktiver und sichtbarer zu machen. Hier sind die Unternehmen vor Ort gefordert.

Digitalisierte Berufsausbildung als Ziel

Vom Ausbildungsinhalt her, ist es unsere Aufgabe diesen nicht nur aktuell zu halten, sondern auch ganz zukunftssicher in die digitalisierte Welt zu überführen. Schlagwort ist hier: Berufsausbildung 4.0. In den vergangenen beiden Jahren haben wir, gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesinstitut für berufliche Bildung, hierfür die Grundlagen geschaffen.

Mit der von unserem Verband initiierten Neuordnung des Ausbildungsberufes, werden wir eine vollständig, digitalisierte Berufsausbildung entwickeln. Wir werden eine der ersten Branchen in Deutschland sein, die über ein solches Berufsbild 4.0 verfügt. Damit aber nicht genug. Wir wollen auch in die Köpfe der jungen Menschen tragen, dass, wenn man sich mit 3D Druck und additiver Fertigung in der Zukunft beschäftigen will, gut beraten ist, sich um eine Ausbildung in der Kunststoffverarbeitenden Industrie zu bemühen. Hier steckt eine weitere große Perspektive, junge Menschen für unsere Branche zu gewinnen. Nicht erst mit Greta Thunbergs Friday‘s for Future Aktivitäten ist bei vielen jungen Leuten das Thema Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz hoch im Kurs. Noch viel deutlicher als bisher sind wir gefordert, Themen wie Mehrweg, Recycling und Nachhaltigkeit mit Kunststoffen in unserem Ausbildungsberufsbild zu hinterlegen.

An dieser Stelle wäre es aber viel zu kurz gesprungen, nur auf die Aktivitäten der Unternehmen zu blicken. Eine erfolgreiche Berufsausbildung ist nicht nur von der Qualifikation der Auszubildenden, der Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen, sondern auch ganz entscheidend vom Engagement und der technischen Ausstattung der Berufsschulen abhängig. Insofern ist die Politik und hier speziell die einzelnen Kultusministerien gefordert, nicht nur in den allgemeinbildenden Schulen, sondern auch mit großem Nachdruck in die Ausstattung der Berufsschulen zu investieren. Hier müssen die Voraussetzungen für die digitale Wissensvermittlung, aber auch zur Darstellung digitaler Produktionstechnologien, geschaffen werden.

Konkret lauten hier unsere Forderungen, nicht nur in digitale Lernplätze zu investieren, sondern beispielsweise auch moderne Digitaldrucker anzuschaffen. Das ist insofern sehr wichtig, da nicht alle Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie gleichermaßen und im großen Stil Digitaldrucker einsetzen. Gerade hier kommt den Berufsschulen eine Schlüsselrolle zu, das Wissen sowohl in Theorie und Praxis zu vermitteln. Es muss sichergestellt sein, dass alle Berufsschüler Zugriff auf diese modernsten Verarbeitungsmethoden haben.

Die Unternehmen, die heute Händeringend Fachkräfte suchen, müssen ihre Anstrengungen deutlich erhöhen. Das heißt vor allem, dass sie sich öffnen müssen. Dabei ist es wichtig, dass die Unternehmen nicht nur passiv werben, sondern auch aktiv auf die zukünftigen Auszubildenden zugehen. Darunter ist zu verstehen: In die Schulen, aber auch in die Vereine zu gehen und für Branche, Produkte und Beruf zu werben. Tage der offenen Tür oder die Teilnahme am Boy’s und Girl’sDay, sind nur einige Maßnahmen, die für die Unternehmen obligatorisch werden müssen. Insbesondere weil es auch darum geht, Frauen für die Ausbildung zu gewinnen. Darüber hinaus müssen die Unternehmen bereit sein auch Studienabbrechern in ihren Kriterienkatalog für die Vergabe von Ausbildungsplätzen aufzunehmen. Bei den enormen Abbruchquoten in den Universitäten bietet das eine weitere Chance einen Teil des Fachkräftebedarfs für die Zukunft zu stillen.

Als Verband sind wir der Träger des Ausbildungsberufes. Damit haben wir eine sehr hohe Verantwortung und Verpflichtung unseren Unternehmen gegenüber. Deswegen sind wir seit vielen Jahren im intensiven Dialog mit den Sozialpartnern als auch mit den bildungspolitischen Akteuren. Damit verbunden ist die Zielsetzung, so schnell als möglich unseren Ausbildungsberuf zu reformieren und an die kommenden Herausforderungen anzupassen. Dabei stehen allen voran die Digitalisierung und die Namensgebung im Vordergrund. Zusätzlich werden wir den Unternehmen Hilfestellungen geben, um in einem schärfer werdenden Wettbewerb um Schulabgänger schlagkräftig zu bleiben. Neben den zur Verfügung gestellten Informationsmaterialien wie Flyer, Plakate und Broschüren, die wir kostenlos an unsere Mitglieder abgeben, spielt für uns der Günter-Schwank-Preis für die bundesbesten Auszubildenden der Kunststoff verarbeitenden Industrie und unsere Ausbildungsinitiative kai während der K-Messe eine besonders große Rolle.

Über den Autor

Ralf Olsen

Ist Hauptgeschäftsfüher von Pro-K Industrieverband Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff in Frankfurt am Main und verantwortlich für die Bildungspolitik in der Kunststoffverarbeitenden Industrie.