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27.02.2012

Atemholen nach Gipfelsturm

Kunststoffwaren in den ersten neun Monaten 2011

Im letzten Heft (PV, 63, (2012), 1, S. 12) konnten
wir anhand von Branchendaten (für Betriebe ab 50 Beschäftigten) zeigen, dass das schnelle Wachstum der Kunststoffverarbeitung etwa im Zeitraum September bis Oktober teilweise zum Stillstand gekommen ist. Jetzt liegen Daten für die Produktion von Kunststoffwaren (in Betrieben ab 20 Beschäftigten) für das dritte Quartal vor. Damit kann die Betrachtung auf eine breitere Grundlage gestellt werden.

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In den ersten neun Monaten 2011 wurden Kunststoffwaren im Wert von 38,8 Milliarden Euro hergestellt (1), ein Plus von 11,7 Prozent gegenüber den ersten drei Quarten 2010. Gleichzeitig ein neuer Rekord, der wiederum 4,8 Prozent über dem bisherigen Spitzenwert aus dem Vergleichszeitraum 2008 liegt. Jeweils knapp über ein Drittel entfielen auf Halbzeuge (Rohre, Platten, Profile, Folien) beziehungsweise Technische Teile und Konsumwaren. Verpackungen trugen 15,6 Prozent bei, Baubedarfsartikel steuerten 10,8 Prozent zu. Dienstleistungen behaupteten ihren Anteil von 3,7 Prozent.

Neun-Monatsvergleiche

Betrachtet man die Entwicklung in den ersten neun Monaten über die Zeit (2) zeigt sich, dass die Branche zwei Jahre benötigt hat, um sich von dem dramatischen Einbruch 2009 zu erholen. 2010 hatte man etwa 60 Prozent der Wegstrecke zu alter Stärke zurückgelegt. 2011 wurde nicht nur der Rückstand vollends aufgeholt, sondern man konnte einen Schritt nach vorn machen. Die Messlatte für 2012 wurde dabei allerdings hoch gelegt. Real sind die Zuwächse allerdings um ein Drittel geringer ausgefallen, das heißt die Preise sind gestiegen. In der Krise war aber der tatsächliche Produktionsrückgang etwas weniger ausgeprägt als der wertmäßige. Inflationsbereinigt lag man in den ersten neun Monaten 2011 etwa 650 Mio. Euro oder 1,8 Prozent über 2008, nominal waren es immerhin knapp 1,8 Mrd. Euro oder 4,8 Prozent.

Teilsegmente

Beim Produktionswert sind die Wachstumsunterschiede zwischen den einzelnen Teilsegmenten der Kunststoffwarenproduktion nicht übermäßig ausgeprägt. Alle Warengruppen wuchsen in den ersten neun Monaten 2011 zweistellig oder nahezu zweistellig (3). Baubedarfsartikel weisen die geringste Wachstumsrate auf, sie hatten aber in der Krise am wenigstens eingebüßt. Ähnliches gilt für Verpackungen. Halbzeuge und Technische Teile beziehungsweise Konsumwaren waren am stärksten von der Krise betroffen und hatten den größten Aufholbedarf, Dienstleistungen sind generell stärker wachsend und haben ihren Anteil über die Jahre ausgeweitet. Real sind die Zuwächse durchweg geringer, bei Verpackungen und Halbzeugen deutlich niedriger als in den anderen Segmenten. Das liegt auch daran, dass bei Produkten aus diesen beiden Teilgruppen Materialkosten stärker ins Gewicht fallen und die Preissteigerungen vor allem durch anziehende Rohstoffpreise ausgelöst sind.

Kurzfristige Entwicklung

Im dritten Quartal 2011 wurde mit 13,2 Milliarden Euro ein neuer Produktionsrekord in einem dritten Quartal erzielt (4), der um 914 Millionen Euro oder 7,4 Prozent über dem Vorjahresquartal liegt. Real beträgt das Wachstum allerdings nur die Hälfte.
Bei Halbzeugen (5) lag das Produktionshoch im dritten Quartal noch vor der Krise in 2008. Seither hat sich die Produktion zwar erholt, aber erst in diesem Jahr konnte ein neuer Rekord erzielt werden, er übertrifft den vorherigen um 151 Millionen oder 3,4 Prozent. Real verharrt die Produktion noch unter dem früheren Höchststand, denn während das Wachstum im dritten Quartal nominal knapp Prozent sechs erreichte, schrumpfte die Produktion gegenüber dem Vorjahresquartal sogar minimal. Lediglich die Preissteigerungen verhelfen optisch zu einem positiven Bild.
Auch die Verpackungen, bei denen die Krise glimpflicher, aber auch die Erholung zögerlicher verlief, konnten ihr altes Hoch aus dem dritten Quartal 2008 erst 2011 übertreffen (6). Mit 4,2 Prozent Plus liegt man um 82 Millionen Euro darüber. Auch hier gilt, dass die Entwicklung der Produktionswerte das Bild schönt. Denn real ergab sich im dritten Quartal 2011 zum Vorjahresquartal wie bei Halbzeugen nur eine rote Null. Im zweiten Viertel lag das Mengenwachstum noch bei fünf Prozent.
Die Produktion von Baubedarfsartikeln (7), von der Krise nur geringfügig und nur vorübergehend in Mitleidenschaft gezogen, hatte schon im Vorjahresquartal einen neuen Rekord erzielt und legte im dritten Quartal 2011 nochmals um 58 Millionen Euro oder 3,9 Prozent zu. Real blieb das Wachstum knapp unter einem Prozent, nach einem realen Plus von über sieben Prozent im zweiten Quartal 2011 (nominal zehn Prozent). Der Rekordzuwachs in den ersten drei Monaten 2011 ist zum großen Teil auf die niedrige Ausgangsbasis aufgrund des vorübergehenden jahreszeitlich bedingten Einbruchs im Vorjahresquartal zurückzuführen und ist deshalb ein Ausreißer.
Der Abschwung bei Technischen Teilen und Konsumwaren übertraf in der Krise die Einbrüche in den anderen Segmenten mehr als deutlich (8) und wirkte lange nach. Noch im zweiten Quartal lag man knapp unter dem Vergleichswert des zweiten Vierteljahrs 2008. Erst im dritten Quartal 2011 konnte ein neuer Rekord eingefahren werden. Mit fast zwölf Prozent Wachstum erreichte man einen Produktionswert, der 335 Millionen Euro oder acht Prozent über dem Vergleichswert 2008 liegt. Mit zehn Prozent realem Wachstum (gegenüber dem Vorjahresquartal) floriert die Produktion nun auch real klar auf Rekordniveau. Allerdings ist anzumerken, dass im dritten Quartal 2008 der Abstieg bereits begonnen hatte, der Vergleich sich also auf eine konjunkturell bedingte niedrigere Basis bezieht.
Betrachtet man Technische Teile und Konsumwaren getrennt (9), zeigt sich, dass die Technischen Teile den Aufschwung tragen und für die Rekordproduktion verantwortlich zeichnen. Wider Erwarten haben die Konsumwaren ihren früheren Höchststand noch nicht erreicht, auch wenn die private Konsumneigung in Deutschland für gute Konjunktur sorgt. Technische Teile wuchsen auch im dritten Quartal 2011 noch klar zweistellig, wie schon seit Beginn der Konjunkturerholung nach dem vorhergehenden Einbruch. Konsumwaren erholten sich dagegen mit Verzögerung und mit deutlich geringeren und fast kontinuierlich sinkenden Wachstumsraten. Es ist anzunehmen, dass Konsumwaren aus Kunststoff nur unterdurchschnittlich von der wachsenden Verbrauchernachfrage profitieren. In der Krise sind Produktionen verlorengegangen und Lieferketten haben sich gewandelt, so dass die heimische Nachfrage eher durch Importe gedeckt wird. Bei technischen Teilen scheint die Situation anders: Der technische Vorsprung der deutschen Verarbeiter und ihre Exportstärke lassen die Produktion überdurchschnittlich wachsen.

Zwei Lokomotiven

Wie gesehen, hat sich das nominale Wachstum in allen Teilsegmenten (außer bei Technischen Teilen) weiter abgeschwächt und geht zunehmend in normale Bahnen über. Real haben wir bei Halbzeugen und Verpackungen inzwischen sogar Stagnation. Das Wachstum wird vor allem vom Baubedarf und den Technischen Teilen und Konsumwaren getragen, und hier vor allem wieder von den Technischen Teilen als Hauptmotor. Erschließung neuer Anwendungsfelder - also Innovationsfähigkeit - technischer Vorsprung und Wettbewerbsfähigkeit sind dabei die Garanten des Erfolgs der deutschen Hersteller von Technischen Teilen. Dies kann nicht oft genug betont werden.

Und das fehlende Quartal?

Angesichts sinkender Zuwächse und teilweiser Stagnation gehört nicht viel Phantasie dazu zu prognostizieren, dass die Produktion im Gesamtjahr 2011 weniger stark gewachsen sein dürfte, als in den ersten neun Monaten. Branchendaten für die Produktion für Betriebe ab 50 Beschäftigten liegen vor, die bis in den November reichen. Sie deuten für Oktober auf eine weitgehende Stagnation. Die Produktion dürfte im vierten Quartal real nicht gewachsen sein, und wenn, dann nur marginal. Wertmäßig erwarten wir trotz allem eine gewisse Steigerung. In der Endbilanz für 2011 wird sicher eher ein Wert unter neun Prozent zu erwarten sein. Real dürfte sich ein Zuwachs von weniger als sechs Prozent ergeben haben. Dennoch: 2011 ist und bleibt ein Rekordjahr.

Aussichten

Die Branchendaten für Betriebe ab fünfzig Beschäftigten für den November signalisieren einerseits eine im Vergleich zum Oktober wieder anziehende Konjunktur bei schwächeren Wachstumsraten als bisher, gleichzeitig aber eine Angleichung der Wachstumsraten zwischen den Teilsegmenten. Im Baubereich zieht die Konjunktur sogar wieder deutlich an. Nur bei Halbzeugen gibt es noch ein Minus, alle anderen Teilbereiche legen zu.
In unserer Jahresprognose erwarteten wir für 2012 ein Wachstum zwischen 1,5 und 2,5 Prozent. Die Raten haben sich bereits jetzt dahin bewegt, immer vor dem Hintergrund, dass sich die Produktion in der zweiten Jahreshälfte auf einem sehr hohen Niveau abspielt. Im ersten Halbjahr 2012 gibt es somit noch Nachholpotential, um auf den hohen Stand des zweiten Halbjahres zu gelangen. Technisch gesehen, spricht nichts gegen ein wieder anziehendes Wachstum in den ersten Monaten des neuen Jahres.

 

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