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27.02.2012

Polymodisch

Kunststoffe in der Textilindustrie

Kleider machen Leute. Und die Kleider? Die sind nicht selten aus Kunststoff gemacht. Und das seit 1870. In diesem Jahr meldete John Wesley Hyatt seine Erfindung, Celluloid, zum Patent an. Damit ging Hyatt als erster Hersteller von Thermoplast in die Geschichte ein.

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Ausgangspunkt für seine Forschung, deren Resultat die Entdeckung eines Materials war, das die Welt in fast allen Lebensaspekten verändern sollte, war ein Preisausschreiben. Denn zu dieser Zeit bestanden Billard-Kugeln noch aus Elfenbein, das aufgrund der hohen Nachfrage schnell zum knappen Gut wurde. Ein Ersatzstoff musste also her, preisgünstig und in großen Mengen herzustellen. Bald schon stellte sich heraus, dass der neue Werkstoff vielseitig einsetzbar war; sich vor allem aber auch, im Gegensatz zu natürlichen Materialien wie Holz, gut für die maschinelle Verarbeitung eignete. Kämme, Brillengestelle sowie Spielzeug konnten nun in die Massenproduktion gehen. Und auch die Textilindustrie erkannte das Potenzial des Werkstoffs, dessen Alltagstauglichkeit sie seinerzeit mit dem Werbeslogan „Kein Waschen nötig ... Nur ein paar Mal mit einem feuchten Tuch drüberwischen und schon sind Kragen und Manschetten so gut wie neu" anpries.

Ethisch korrekte Lederwaren

1913 schaffte Fritz Klatte die Grundlagen für die technische Herstellung von PVC, das beispielsweise zur Produktion von Kunstleder dient. Ob als Material für Jacken, Schuhe oder Handtaschen - der Stoff befreite Modebewusste von dem ethischen Konflikt, der durch die Aufzucht und anschließende Schlachtung von Tieren zur Ledergewinnung entstand. Ob nun Kunst- oder Naturleder die ökologisch sinnvollere Alternative darstellt, darüber gibt es bis zum heutigen Tag keine Einigung. Rinder erzeugen zwar große Mengen an Methan und verbrauchen erhebliche Grünflächen, andererseits gelten sie als „nachwachsender Rohstoff". Für Kunstleder muss niemand seine Haut opfern, doch ist es ein Produkt der Erdölindustrie und kann daher schwerlich als „grünes Produkt" gelten.
1935 patentierte Wallace Hume Carothers eine synthetische Faser namens Polyamid 6.6, besser bekannt als Nylon. Wenn auch die meisten Leser dieser Zeilen jenes Material mit liebreizenden Frauenbeinen assoziieren, so schenkte es doch in seiner Anfangszeit vor allem ein bezauberndes Lächeln: Nylon ermöglichte im Jahr 1938 erstmalig die kostengünstige Großproduktion von Zahnbürsten. Kurz darauf aber begann der Siegeszug im Textilbereich, am 15. Mai 1940 startete Dupont den Verkauf von fünf Millionen Strümpfen, dem „N-Day". 1941 dann mutierte die feminine Beinbekleidung zum kriegswichtigen Gut: Durch seine Reißfestigkeit eignet sich Nylon vor allem für die Herstellung von Fallschirmen, weshalb patriotische Frauenverbände in den USA Sammelaktionen starteten.

Hilft bei: Wind, Wetter, Waffen

1953 gelang es Karl Ziegler, mithilfe eines Nickel-Katalysators, Ethylen unter milden Reaktionsbedingungen zu polymerisieren. Durch seine hohe Zähigkeit und Bruchdehnung bei niedriger Dichte eignet sich das Material für den rauen Einsatz. Polyethylen-Fasern finden sich in schnittfester Schutzkleidung wie Kettensägen-Hosen, abriebfester Motorradkleidung oder in lebensrettenden Schutzwesten. Damit ist PE nicht unbedingt der Werkstoff für die Gala-Kleidung, in seiner Funktionalität aber den meisten Lebenslagen gewachsen.
Wer mehr über die Geschichte der Kunststoffe, ihre Anwendungsgebiete und Entdecker erfahren möchte, der kann dies im Kunststoff-Additive-Museum von Baerlocher, Unterschleiss-
heim, in Lingen tun. Hier residiert bis Juli 2012 die Wanderausstellung „Die Kunststoffmacher - Meilensteine beispielloser Erfindungen", der interessierten Besuchern zehn Wissenschaftler und ihre Produkte vorstellt, die den Alltag von Millionen Menschen revolutionierten und es noch immer tun.

 

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