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30.01.2012

Langfristiges Denken zahlt sich aus

Umweltverantwortung in der Kunststoffverarbeitung

In den letzten Jahren wird der Begriff „Nachhaltigkeit“ zunehmend als Marketingtool missbraucht. Von vielen schon als Gummiwort beschimpft, steckt bei näherem Hinsehen in diesem Thema aber nicht nur der Wille zum Erhalt unserer Ressourcen, sondern auch die eine oder andere Chance, als Kunststoffverarbeiter dem Wettbewerb ein Stück voraus zu sein.

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Für den Begriff der Nachhaltigkeit gibt es verschiedene Definitionen, die sich je nach betrachtetem Gebiet oder Thema unterscheiden. Gemeinsam ist allen: Nachhaltigkeit beschäftigt sich mit dem Erhalt eines Systems. Meist geht es um das System Erde, Schlüsselbegriff ist dann häufig die Ressourceneffizienz in ihren Ausprägungen wie zum Beispiel der Material- oder Energieeffizenz. Nimmt man es ganz genau, gibt es aber neben den ökologischen auch soziale und ökonomische Aspekte dieses Themas.
Neu ist die Nachhaltigkeit im Übrigen mitnichten: bereits im Sommer 2001 hat die EU eine Strategie für nachhaltige Entwicklung beschlossen mit dem Ziel, die Lebensqualität für alle, das heißt für heutige und künftige Generationen, zu verbessern. Wirtschaftswachstum, Umweltschutz und soziale Integration sollen dabei Hand in Hand gehen - die drei Ausprägungen des Begriffs begegnen uns auch hier wieder. Doch bereits im Juni 2006 wurde diese Strategie erneuert und nennt nun unter anderem folgende klare Ziele, die auch die Kunststoffverarbeitung direkt betreffen:

  • Klimawandel und saubere Energie: Verringerung des Energieverbrauchs um 9 Prozent bis 2017. Klar ist aber auch, dass die Energiepolitik mit den Zielen Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und ökologische Nachhaltigkeit vereinbar sein muss.
  • Zum Schutz der natürlichen Ressourcen fordert die Strategie Ziele und Maßnahmen im Rahmen der thematischen Ressourcenstrategie.
  • Nachhaltigkeit bei Konsum und Produktion: Basierend auf diesem Ziel wurde 2008 ein Aktionsplan entwickelt (siehe Kasten infoDIRECT).

Eine Vielzahl nationaler und internationaler Initiativen ist seither aus diesen Bestrebungen erwachsen. Sie alle wollen kleinen und mittleren Unternehmen dabei helfen, ihre Produktion auf Ressourceneffizienz zu trimmen. „Ressourceneffizienz ist der nachhaltige und verantwortungsvolle Umgang mit Gütern. Mit innovativen Produkten und Verfahren sowie einer durchdachten Strategie lässt sich das gleiche - und häufig sogar ein besseres - Ergebnis mit weniger Mitteln erzielen. Das spart Geld und schont Umwelt und Natur", schreibt das Zentrum Ressourceneffizienz und Klimaschutz des VDI zum Thema auf seiner Internetseite vdi-zre.de.

Ressourceneffizienz als Wettbewerbsvorteil

Auf dieser Seite werden online nützliche interaktive Tools und Checklisten angeboten - auch ganz speziell für die Kunststoffverarbeitung.
Im Oktober 2011 veröffentlichte der VDI eine Studie: „Umsetzung der Ressourceneffizienz-Maßnahmen in KMU und ihre Treiber." Darin wurden branchenübergreifend wesentliche Hemnisse und Motivatoren bei der Inanspruchnahme öffentlicher Förderprogramme zur Ressourceneffizienz identifiziert. Etwa 10 Prozent aller Interviews wurden mit Unternehmen der Kunststoffherstellung und -verarbeitung geführt. Naheliegend schon fast das Ergebnis, dass sich die Mehrheit der Unternehmen mit dem Thema auseinandersetzt. Erstaunlich dennoch, dass sich nur jedes zweite Unternehmen aus dem Kunststoffbereich von der Ressourcenknappheit betroffen fühlt - auch wenn dieser Wert im Branchenvergleich relativ hoch ist.
Und immerhin 60 Prozent der befragten Kunststoff-Unternehmen haben Kenntnis von einem Mitbewerber, der durch Maßnahmen zur Ressourceneffizienz Wettbewerbsvorteile erzielen konnte.
Die Bedeutung von Maßnahmen zur Verbesserung der Ressourceneffizienz wird besonders in den kleinen und mittleren Unternehmen steigen, insbesondere um den Druck steigender Kosten und zunehmender Verknappung von Ressourcen abzumildern. Ein vielversprechender Ansatz, geben doch rund 84 Prozent dieser Unternehmen an, dass die Einsparpotenziale durch Material- und Energieeffizienz in der eigenen Branche noch nicht ausgeschöpft sind. Das Einsparpotential kurzfristig realisierbarer Maßnahmen zur Ressourceneffizienz im eigenen Unternehmen wird durchschnittlich auf über zehn  Prozent geschätzt.
Im November 2011 startete daraufhin Bundesumweltminister Norbert Röttgen die Informationskampagne „Wettbewerbsvorteil Ressourceneffizienz". Sie soll in den kommenden zwei Jahren Unternehmen in Deutschland informieren, wie sie durch effizienteren Umgang mit Ressourcen Produktionskosten senken und sich Wettbewerbsvorteile sichern können.

Maschinen: Energieeffizienz und Produktivität gehen Hand in Hand

Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine: Energieeffizienz und Produktivität hängen nach Einschätzung von Dr. Otto Urbanek, Geschäftsführer von Urbanek Consulting und Autor der Studie eng zusammen. Eine Investition in höhere Produktivität bedeutet meist Investition in Energieeffizienz. In der Studie betrachtet wurden die Hauptvertreter der Kunststoff und Gummi verarbeitenden Technologien: Spritzgießen, Extrusion, Blasformen und Thermoformen, welche für rund 90 Prozent des Verarbeitungsvolumen stehen.
In den letzten 20 Jahren konnte die Produktionsleistung von Spritzgießmaschinen etwa verdoppelt werden. Die Herausforderungen an die Hydraulik führten zu besserer Leistung und haben den Energieverbrauch von Spritzgießmaschinen um etwa 40 Prozent verringert. Bei Extrusionsmaschinen konnte der Materialdurchsatz ebenfalls verdoppelt werden. Der maschinenspezifische Energieverbrauch reduzierte sich um etwa 20 Prozent. Gleiches gilt für das Compoundieren: eine Verdoppelung des verarbeiteten Materials bei gleichzeitiger Reduktion des maschinenspezifischen Energieverbrauchs um ein Fünftel.
Eine der Technologien, die diese Fortschritte möglich gemacht haben, sind die Servo-Antriebe, die den Energieaufwand für die Bewegungen halbiert haben. Inzwischen bieten Servo-Antriebe auch einfache Lösungen für die Energierückgewinnung. Beispielsweise werden im Spritzgießverfahren bei raschen Bewegungen der Schließeinheiten die Antriebe während des Bremsvorgangs als Generatoren genutzt und Energie gewonnen. Dieses Konzept kommt auch bei rasch operierenden Schließeinheiten von Blasformmaschinen sowie an Thermoform-Maschinen zur Anwendung.
Der Blick in die Zukunft macht deutlich, dass durch den Einsatz von energiesparenden und hochdynamischen Komponenten in den nächsten zehn Jahren die Energieeffizienz noch weiter verbessert werden kann. Der Einsatz vollelektrischer Antriebe und servohydraulischer Konzepte statt konventioneller Technik macht weitere Effizienzgewinne möglich.
Die wichtigste Rolle bei der Verbesserung der Maschinen spielt die Entwicklung der Verfahrenstechnik: Fortschritte in der Schneckentechnologie haben eine deutliche Erhöhung der Durchsätze bei verbesserter Schmelzequalität ermöglicht. So konnten Extruder und die Spritzaggregate an Spritzgießmaschinen bei gleicher Leistung kleiner und besser werden.
Aber auch die Zusammenführung mehrerer Prozesse bietet hohes Potenzial: Dies ist speziell dann interessant, wenn die Restwärme eines vorangegangenen Verfahrensschritts in einem nachfolgenden verwertet werden kann und neuerliche Heizvorgänge komplett entfallen.

Rohstoffeffizienz - wirklich das sinnvollste Einsparpotenzial?

Für die Kunststoffverarbeiter nimmt der Druck durch die Rohstoffkosten immer weiter zu. Diese Situation hat mehrere Gründe, die sich in ihrer Wirkung verstärken:

  • Zahlen des statistischen Bundesamtes besagen, dass der Anteil der Materialkosten am Bruttoproduktionswert der acht größten Branchen, darunter auch die Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren, von 1999 bis 2009 von 42 auf 47 Prozent gestiegen, während die Lohnkosten im gleichen Zeitraum um mehr als 10 Prozent auf 21,5 Prozent gefallen sind.
  • Die Preise für die Rohstoffe in der Kunststoffverarbeitung haben in den letzten beiden Jahren enorm angezogen. Allerdings ist seit Mitte 2011 wieder eine leicht rückläufige Tendenz zu beobachten. Selbst Rezyklate blieben von den Preiserhöhungen nicht verschont und verteuerten sich entsprechend.
  • Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten werden immer hochwertigere Produkte hergestellt, für die immer höherwertige Rohstoffe benötigt werden - und diese haben ihren Preis.
  • Biobasierte Rohstoffe sind in der Regel teurer als erdölbasierte Kunststoffe. Die Preisdifferenz kann aufgrund des harten Wettbewerbs aber nicht immer an die Abnehmer weitergegeben werden.

Einen wirklichen Königsweg gibt es nicht. Um so wichtiger ist es zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit für möglichst viele Produkte eine nachhaltige Lösung zu suchen - will heißen alle Möglichkeiten zur Materialeffizienz, zur Einbindung von Rezyklaten, biobasierten Rohstoffen oder auch alternativen Füllstoffen zu nutzen. Welche Möglichkeiten es zum Beispiel bei WPC und anderen naturfaserverstärkten Kunststoffen gibt, lesen Sie im Beitrag ab Seite 38.

Erhöhte Marktchancen
Wettbewerbsvorsprung durch Nachhaltigkeit

Es liegt fast schon auf der Hand: Eine Investition in mehr Effizienz, sei es Energie, Material oder andere Ressourcen, wirkt sich langfristig kostensenkend aus. Auch wenn zunächst für die Investitionen Geld in die Hand genommen werden muss, zahlt sich dies später nicht nur in niedrigeren Kosten, sondern auch in einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit aus.

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