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22.11.2011

Kunststoffwarenproduktion im ersten Halbjahr 2011

Überwiegend Rekorde

Im Vorfeld der Fakuma haben wir eine Halbjahresbilanz für die Konjunkturentwicklung in der deutschen Kunststoffverarbeitung gezogen (PV, 62, (2011), 9, S. 16). Anhand der Branchendaten für Betriebe ab 50 Beschäftigte konnten wir ein sehr positives Ergebnis kommentieren, aber auch zeigen, dass sich das starke Wachstum im zweiten Quartal 2011 abzuschwächen begann. Jetzt wurden erste Zahlen zur Produktion von Kunststoffwaren (in Betrieben ab 20 Beschäftige) verfügbar.

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Damit lässt sich unsere Betrachtung abermals auf eine breitere Grundlage stellen. Und dabei ergibt sich, dass die damaligen Aussagen im wesentlichen richtig waren. Sie sind nicht nur für die Branchenproduktion gültig, sondern für die Produktion von Kunststoffwaren insgesamt: Bei zurückgehenden Wachstumsraten erreichte die Produktion von Kunststoffwaren fast durchweg - mit einigen Ausnahmen - neue Rekordwerte. Eine Entwicklung, die, das soll hier noch einmal wiederholt werden, niemand auf dem Höhepunkt der Krise bis Mitte 2009 für möglich gehalten oder zu erhoffen gewagt hätte.
Im ersten Halbjahr 2011 wurden Kunststoffwaren im Wert von 25,6 Milliarden Euro hergestellt (1), ein Plus von 14,3 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten 2010. Jeweils etwas über ein Drittel entfielen auf Halbzeuge (Rohre, Platten, Profile, Folien) beziehungsweise Technische Teile und Konsumwaren. Verpackungen trugen 15,7 Prozent bei, Baubedarfsartikel steuerten 10,2 Prozent zu. Mit 3,7 Prozent ist der Anteil der Dienstleistungen weiter leicht gestiegen.

Halbjahresvergleich

Im Halbjahresvergleich (2) sehen wir, dass die Produktion einen neuen historischen Rekordwert erklommen und zugleich erstmals die Marke von 25 Milliarden überschritten hat, ein Plus von 14,3 Prozent, welches einem realen Zuwachs von 10,2 Prozent entspricht, wenn man die Preisentwicklung herausrechnet. In den ersten sechs Monaten 2008 war man noch knapp unter der Marke von 25 Milliarden Euro geblieben, im ersten Halbjahr 2009 kam der Absturz weit unter die 20 Milliarden Euro, und in der ersten Jahreshälfte 2010 schaffte man eine kräftige Erholung - auf Werte halbwegs zwischen dem Niveau von 2006 und 2007. Diese Aufholjagd und die neuen Rekorde sehen auf den ersten Blick beeindruckend aus. Betrachtet man aber die Entwicklung bis zum ersten Halbjahr 2008 und schreibt den Wachstumspfad fort, auf dem sich die Branche damals befand, so sieht man, dass sie heute bei über 29 Milliarden Euro Produktionswert liegen könnte, wenn die Krise nicht eingetreten wäre. Die rasche Erholung der letzten drei Halbjahre (die zweite Jahreshälfte 2010) eingerechnet ist nichts weiter, als eine Rückehr zu Vorkrisenverhältnissen und der Versuch eines Neustarts vom alten, schon vor drei Jahren erreichten, Niveau. Wie dieser mögliche Neustart aussieht und wohin er führt, ist offener denn je (siehe unten).

Teilsegmente

Zwischen den einzelnen Teilsegmenten der Kunststoffwarenproduktion gibt es einige Unterschiede (3). Halbzeuge und Technische Teile/Konsumwaren sind in der Krise besonders stark eingebrochen, der Verpackungssektor kam etwas glimpflicher davon und beim Baubedarf war der Rückgang unwesentlich, genau wie bei den Dienstleistungen. Noch unterschiedlicher verlief die Erholung: Die Dienstleistungen erreichen schon im ersten Halbjahr 2010 einen neuen Rekordwert und haben seither weiter zugelegt. Beim Baubedarf wurde in den ersten sechs Monaten 2010 annähernd der Produktionswert von 2008 erreicht, und 2011 hat man einen klaren neuen Rekord erzielt. Die Verpackungen haben sich schrittweise aufgeschwungen, aber erstmals wieder im ersten Halbjahr 2011 den früheren Höchststand übertroffen. Bei den Halbzeugen ging es ebenfalls nur in Etappen aufwärts und konnte auch erst in der ersten Jahreshälfte 2011 ein neuer Rekord aufgestellt werden. Bei den Technischen Teilen beziehungsweise Konsumwaren kam man nach dem tiefen Absturz zwar in großen Sprüngen voran, aber in den ersten sechs Monaten 2011 liegt man noch immer etwas unter dem früheren Spitzenniveau aus dem Vergleichszeitraum 2008.

Kurzfristige Entwicklung

Die Quartalsbetrachtung zeigt uns bei Halbzeugen (4) im zweiten Quartal 2011 eine spürbare Verlangsamung des Wachstums. Nach über 20 Prozent nominellem Zuwachs im Vorquartal erreicht man jetzt „nur noch" 12,2 Prozent. Dieses Plus reicht aber immer noch für einen neuen absoluten Spitzenwert, der jetzt 94 Millionen über dem früheren Rekord aus dem zweiten Quartal 2008 liegt. Real ging die Wachstumsrate von knapp 15 Prozent auf ein Drittel, nämlich 4,5 Prozent, zurück. Eine Wachstumsabschwächung und eine Normalisierung der Konjunkturentwicklung waren von uns hier bereits mehrfach als unausweichlich thematisiert worden. Insofern gibt diese - deutliche - Entwicklung per se noch keine Hinweise auf den weiteren Konjunkturverlauf.
Bei den Verpackungen (5) setzte die Krise später ein und verlief glimpflicher, die Erholung kam entsprechend verzögert. Das Erholungs-Potenzial war geringer, weshalb die Zuwächse dann auch deutlich niedriger ausfielen als in anderen Bereichen. Nominal hat sich das Wachstum im zweiten Quartal mit 12,7 Prozent kaum abgeschwächt, real liegt es jetzt aber im Vorjahres-Vergleich nur noch bei 5,4 Prozent und fällt damit etwa ein Drittel niedriger aus als die Wachstumsrate im Vorquartal. Trotz des anhaltenden kräftigen nominellen Wachstums konnte der frühere Rekordwert aus dem zweiten Quartal 2008 mit 2,04 Milliarden Euro gerade mal um 51 Millionen überboten werden.
Die Produktion von Baubedarfsartikeln wurde von der Krise nur geringfügig und nur vorübergehend in Mitleidenschaft gezogen (6). Sie war in den letzten Jahren auch schon an heftigere Einbrüche gewöhnt. Seit dem dritten Quartal 2009 geht es, abgesehen von einem wetterbedingten Produktionsrückgang in den ersten drei Monaten 2010, kräftig aufwärts. Derzeit liegt man um 129 Millionen über dem letzten Rekordwert aus dem zweiten Quartal 2010. Der Rekordzuwachs in den ersten drei Monaten ist zum großen Teil auf die niedrige Ausgangsbasis aufgrund des vorübergehenden Einbruchs im Vorjahresquartal zurückzuführen. Das niedrigere Wachstum im zweiten Quartal 2011 stellt immer noch den zweithöchsten Wert der jüngsten Vergangenheit dar. Das gilt nicht nur für das nominale, sondern auch für das reale Wachstum.
Der katastrophale Abschwung bei Technischen Teilen und Konsumwaren übertraf die Einbrüche in den anderen Segmenten mehr als deutlich (7) und zeigt noch immer Auswirkungen. In dem Sinne, dass man sich jetzt gerade mal an das frühere Rekordniveau des zweiten Quartals 2008 herangepirscht hat. Acht Millionen Euro liegt man im Augenblick noch nominal darunter. Die Wachstums-, oder besser die Aufholraten, haben sich nach und nach abgeschwächt. Im zweiten Quartal 2011 wuchs die nominale Produktion um elf Prozent, nachdem sie im Vorquartal noch mit 15 Prozent aufholen konnte. In dieser Teilbranche herrscht fast Preisstabilität, real stieg die Produktion fast ebenso stark wie die wertmäßige Produktion. Oder anders ausgedrückt: Rohststoffpreis- und sonstige Kostensteigerungen lassen sich nicht mit höheren Preisen kompensieren, diese sind kaum durchsetzbar. Betrachtet man Technische Teile und Konsumwaren getrennt (8), zeigt sich, dass die Konsumwaren dafür verantwortlich sind, dass das Marktsegment so schwer aus der Talsohle kam. Der Abschwung hat bei Konsumwaren später, und anfangs zögerlicher, eingesetzt als bei den Technischen Teilen, die früher und viel schneller abgestürzt sind. Diese haben aber auch schneller die Trendwende geschafft, bereits im vierten Quartal 2009 ging es wieder aufwärts. Sie haben sich nach und nach auf einen neuen historischen Höchststand vorgearbeitet, die Fertigwaren hingegen liegen noch immer leicht unter früheren Spitzenwerten. Technische Teile profitieren vor allem von der Investitionsgüternachfrage und auch vom Autobau. Von diesem vor allem deshalb, weil der Kunststoffanteil in den Fahrzeugen immer mehr zunimmt. Die Notwendigkeit zur Gewichtsersparnis und die fortschreitende Erweiterung des Anwendungsspektrums von Kunststoffen sind hier die Triebfedern. Bei Konsumwaren gibt es weniger Wachstumspotential, zudem dürften in der Krise Märkte verlorgen gegangen sein.

Weiterer Aufschwung?

Wie gesehen, hat sich das Wachstum in allen Teilsegmenten weiter abgeschwächt und ging in normale Bahnen über. Sämtliche Bereiche wuchsen im zweiten Quartal aber noch. Die Frage ist, wie es danach wohl weiter ging, und wie die weiteren Aussichten sind. Derzeit liegen Branchendaten für die Produktion für Betriebe ab 50 Beschäftigte vor, die bis in den August reichen. Im Juli und August hat sich das (reale) Wachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weiter zurückgebildet. So richtig zugelegt haben nur die Hersteller von Technischen Teilen und Konsumwaren, und zwar zweistellig. Alle anderen Bereiche sind nur noch sehr gering gewachsen. Wir wollen die Daten für den September abwarten, denn die Sommermonate sind immer mit Vorsicht zu betrachten. Im nächsten Heft werden wird uns darüber Gedanken machen, was die aktuelle Entwicklung genau bedeutet. Bis dahin haben wir auch ein Stimmungsbild von der gerade abgelaufenen Fakuma eingefangen und verarbeitet. Aber angesichts der bisher vorliegenden Daten ist Vorsicht angezeigt. Wohin die Reise geht ist unklar, denn die konjunkturellen Risiken mehren sich - und das in vielen, für die deutsche Kunststoffverarbeitung wichtigen Märkten.

 

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