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12.10.2011

Kunststoffverarbeitung in der EU

Erholt – aber weiter im Minus

Wie immer vor Messen wollen wir einen Blick über die Grenzen werfen. Wie in früheren Beiträgen gezeigt, geht es den deutschen Kunststoffverarbeitern prächtig. Wie aber steht es um die ausländische Konkurrenz? Die aktuellen Konjunkturdaten der EU sind besorgniserregend.

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Ein Blick auf die Güter-Produktion im letzten Jahr hilft, die Branche zu greifen und die relativen Gewichte der einzelnen Länder einzuschätzen. 2010 verkauften die Kunststoffverarbeiter in der EU Waren im Wert von insgesamt 163,7 Milliarden Euro. Da Werte für einige Güter in manchen Ländern aus Datenschutzgründen teilweise geheimgehalten werden, lässt sich nur für insgesamt 153,4 Milliarden Euro oder 94,1 Prozent die exakte Verteilung nach Ländern ermitteln. 9,6 Milliarden Euro oder 5,9 Prozent der Produktion können nicht zugeordnet werden.
Größter Produzent ist Deutschland (1) mit 28 Prozent Anteil, gefolgt von Italien mit deutlichem Abstand und 18 Prozent. Frankreich mit 14 und dem Vereinigten Königreich mit zehn Prozent. Diese vier tragen 70,9 Prozent der Gesamtproduktion. Sechs Länder (Spanien, Polen, Belgien, Österreich, Niederlande, Tschechien) mit Anteilen zwischen 6,6 und zwei Prozent steuern weitere 20,7 Prozent bei, wobei allein Spanien mit 6,6 und Polen mit 4,6 Prozent ins Gewicht fallen. Die zehn Länder zusammen stellen 91,2 Prozent der Gesamtproduktion, die restlichen 17 EU-Länder tragen weniger als neun Prozent bei.
Größter Posten der Gesamtproduktion von 163 Milliarden Euro (2) sind mit 32 Prozent Technische Teile und Konsumwaren, insgesamt 51,8 Milliarden Euro. Fast gleichauf liegen Halbzeuge (Folien, Platten, Rohre) mit 51,5 Milliarden Euro. Verpackungsmittel tragen 36,7 Milliarden Euro, immerhin 23 Prozent bei. Baubedarfsartikel bilden mit 23,1 Milliarden Euro und 14 Prozent Anteil das kleinste Marktsegment. Im Vergleich zur Struktur der Produktion der deutschen Kunststoffverarbeitung (3) ergeben sich gewisse Unterschiede, die nicht ohne Folgen sind, wie wir weiter unten noch sehen werden. So ist der Anteil der Technischen Teile und Konsumwaren beziehungsweise der Halbzeugproduktion im europäischen Schnitt jeweils etwa fünf Prozent niedriger, die Baubedarfsartikel steuern hingegen etwa zwei Prozent mehr bei. Eklatant ist der sechs Prozentpunkte höhere Anteil der Kunststoffverpackungsartikel, vor allem der Flaschen. Auch beim Halbzeug sind die Verpackungsfolien gewichtiger als bei deutschen Herstellern.
Stellt man Deutschland der Gesamtheit der anderen EU-Länder gegenüber (3), werden die Unterschiede noch augenfälliger. Ganze acht Prozentpunkte höher liegt der Anteil der Kunstofverpackungen in der EU außerhalb Deutschlands, bei Baubedarfsartikeln wächst der Unterschied auf drei Prozentpunkte.

Produktionsentwicklung

Bis 2007 befand sich die EU- Kunststoffverarbeitung in einer Wachstumsphase (4), 2008 kippte die Konjunktur, die Produktion fiel auf das Niveau von 2005 zurück. Die deutschen Verarbeiter hielten sich besser, man blieb auf halbem Wege zwischen 2007 und 2006. Allerdings lag das auch daran, dass man der europäischen Konkurrenz 2006 und 2007 mit Sieben-Meilen-Stiefeln vorausgeeilt war und satte Zuwächse erreicht hatte. 2009 ging der Abschwung in freien Fall über, die Produktion fiel überall in gleichem Tempo. Für die Deutschen bedeutete das ein Sinken unter das Niveau von 2005, die Konkurrenz landete irgendwo in Bereichen aus grauer Vorzeit. Die Produktion der spanischen Kunststoffverarbeiter fiel 2009 auf 80 Prozent des Ausgangsniveaus unseres 2005 beginnenden Beobachtungszeitraums. 2010 erholte sich die Konjunktur der Branche europaweit, und im ersten Halbjahr 2001 ging die Erholung weiter. Man ist aber weiterhin deutlich vom früheren Stand entfernt, ein Erreichen des Produktionsniveaus des Jahres 2007 scheint auf absehbare Zeit ausgeschlossen, denn die allgemeine Konjunkturlage deutet nicht darauf hin, dass in nächster Zeit Wachstumssprünge zu erwarten sind. Selbst im ersten Halbjahr 2011 lag man immer noch unter dem Ausgangsniveau von 2005.
Das gilt nicht für die deutschen Verarbeiter, sie sind längst zu neuen Ufern unterwegs und auf Rekordkurs. Eine Entwicklung, die selbst die kühnsten Optimisten in der Krise nicht für möglich gehalten hatten. An dieser Stelle haben wir die Gründe für diesen sensationellen Aufschwung mehrfach diskutiert, zuletzt im letzten Plastverarbeiter, weshalb wir sie nicht erneut ausbreiten wollen. Interessant, teilweise erschreckend sind die Geschichten, die es von den großen europäischen Mitbewerbern zu erzählen gilt. Die französischen und - in geringerem Maße - auch die italienischen Verarbeiter haben sich von der Krise einigermaßen erholt. Beide befanden sich auch im ersten Halbjahr 2011 auf Wachstumskurs. Aber insbesondere die Italiener liegen noch deutlich unter dem früheren Spitzenniveau. Fazit: In Frankreich und Italien hat man sich vom Niederschlag wieder aufgerappelt, ist aber noch nicht völlig wieder hergestellt.
Ganz anders die spanischen Verarbeiter. Mit einsetzender Wirtschaftskrise 2008 ging man dort gleich zur Schussfahrt über und fand erst 2009 einen Boden. Dann versuchte man sich ein Jahr lang im Wiederaufstehen, mit mäßigem Erfolg. Und im ersten Halbjahr 2011 verlor man die Hälfte des wieder gewonnenen Bodens.
Und eine noch andere Geschichte erzählt uns der Konjunkturverlauf bei den britischen Verarbeitern. Großbritannien war mal ein Industrieland. Das muss so um 1955 gewesen sein. Nicht, dass jetzt jemand auf die Idee kommt, dass hinge mit der kurz zuvor erfolgten Thronbesteigung von Queen Elizabeth II. zusammen. Abbau hat in Großbritannien Tradition. Inzwischen haben auch die Briten ihre Industrie abgespeckt. Die wenigen Wackeren, die noch die reale Marktwirtschaft am Laufen halten, werden immer weniger. Das spiegelt sich auch in der Kunststoffverarbeitung wider. Nachdem es kaum aufwärts ging, geht es seit 2006 bergab, auch nach dem Ende der allgemeinen Wirtschaftskrise 2010. 2009 war noch nicht der Tiefpunkt. Und 2011 bestimmt auch noch nicht.
Für die deutschen Verarbeiter ist die Entwicklung bei den europäischen Nachbarn auf den ersten Blick gut. Aber für die Zulieferer sind das eher weniger gute Nachrichten, denn die europäischen Märkte verlieren an Bedeutung, das Geschäft wird interkontinentaler und nicht unbedingt einfacher. Ihre Produktion wird über kurz oder lang den Abnehmern folgen, was wiederum nicht unbedingt positiv für die deutschen Kunststoffverarbeiter ist, die ja stark als Zulieferer im Maschinenbau sind. Die Stagnation beziehungsweise der Abbau bei europäischen Mitbewerbern der Kunststoffverarbeiter belebt auf mittlere Sicht nicht das Geschäft, sondern dämpft es.

Teilbranchen im Einzelnen

Die Halbzeughersteller (Folien, Platten, Profile) konnten sich aus ihrem Tief etwas befreien und auch 2001 weiter vorankommen (5). Und wieder ragen die deutschen Anbieter heraus. Daneben schneiden die Franzosen noch überdurchschnittlich ab. Vor der Krise noch unter EU-Durchschnitt, liegen sie jetzt sogar darüber, erreichen aber trotzdem nicht ganz ihr früheres Hoch. Ebenfalls wieder etwas auf die Beine gekommen sind die Italiener, aber deutlich unter früherem Stand. Hier war der Einbruch in der Halbzeugbranche aber auch viel ausgeprägter als im EU-Schnitt. Abwärts geht es derzeit in Spanien, nach minimaler Erholung 2010. Einer der Gründe dafür ist die Baukonjunktur. Spanien galt lange als neuzeitliches Wirtschaftswunderland und europäischer Tigerstaat. Dabei fußte der Wirtschaftsaufschwung in Spanien hauptsächlich auf eurobedingt niedrigen Zinsen und einem dadurch ausgelösten Bauboom sondergleichen und einem völlig überhitzten Immobilienmarkt. Mit der einsetzenden Finanzmarktkrise hatte sich das erledigt und das spanische Wirtschaftswunder als Luftblase entpuppt. Halbzeuge werden insoweit davon berührt, als Baufolien, -tafeln und Rohre betroffen sind. Auch in Italien und im Vereinigten Königreich geht es weiter bergab.
Für die Hersteller von Kunststoffverpackungsartikeln ging es im ersten Halbjahr 2011 weiter nach oben (6). Dass die deutschen Anbieter den Geleitzug anführen, muss nicht extra betont werden. Als einzige der Großen lagen sie über früherem Niveau. Und wieder können ihnen nur die Franzosen annähernd das Wasser reichen. Die Italiener befinden sich seit 2008 im Abstieg, erst Sturz- und nun Gleitflug. Die Gründe dafür sind allerdings nicht ganz klar. Die stagnierende Konjunktur dürfte sicher ein Grund sein, reicht aber als Erklärung nicht aus. Dass auf der Insel weiter abgebaut wird, überrascht nicht. Hingegen verwundert schon, dass die spanischen Verpackungsmittelhersteller sich doch wieder einigermaßen aufrappeln konnten. Aber sie bleiben klar unter früherem Niveau.
Im Gegensatz zum Halbzeug- und Verpackungsmittelsektor hat sich die Konjunktur im Bauartikelsegment (7) nicht wirklich erholt. 2010 ging es weiter minimal bergab, im ersten Halbjahr 2011 hat man wieder das Produktionsniveau von 2009 erreicht. Einzig die deutschen Hersteller stechen erneut hervor. Selbst in Frankreich stagniert diese Teilbranche, im Vereinigten Königreich geht es vergleichsweise gemäßigt bergab. Die Spanier liegen derzeit bei gerade noch 52 Prozent des Niveaus von 2005: Die Produktion hat sich nach und nach halbiert. Für Italien stehen uns hier leider keine Daten zur Verfügung. Aber auch hier dürfte es nach unten gehen.
Bei den Herstellern von „sonstigen Kunststoffwaren" (8), also Technischen Teilen und Konsumwaren, gab es 2010 kräftige Erholung und im ersten Halbjahr 2011 weiteren beachtlichen Produktionsanstieg. Das frühere Rekordniveau wird allerdings nicht erreicht, von den Deutschen mal abgesehen. Frankreich, 2007 noch über Durchschnitt, bleibt deutlich darunter, die spanischen Anbieter hatten sich 2010 wieder erholt, mussten aber im ersten Halbjahr 2011 wieder Rückschläge hinnehmen. Für Italien stehen uns leider keine Daten zur Verfügung. Zu vermuten ist, dass der Aufschwung wesentlich von technischen Teilen beflügelt wird, während Konsumwaren Nachholbedarf haben.

Fazit

Die deutschen Verarbeiter lassen die anderen weit hinter sich. Wettbewerber in anderen Ländern kämpfen zum Teil mit ihrer Abhängigkeit von der zu Hause danieder liegenden Baukonjunktur und vom Konsumbereich, vor allem im Verpackungssegment und bei Fertigwaren. Technische Teile laufen zum Teil besser, weil Auto- und Maschinenbau florieren, und stützen den Aufschwung. Abgesehen von Deutschland liegt das Produktionsniveau in den großen europäischen Ländern deutlich unter Vorkrisenstand. Und in Großbritannien geht es den Verarbeitern sehr schlecht und es ist kein Land in Sicht. Die deutschen Kunststoffverarbeiter profitieren von ihrer starken Position bei technischen Teilen und ihrer breiter aufgefächerten Produktionsstruktur. Wer allzusehr vom Bausegement und der Verpackungsnachfrage und dem Konsumbereich abhängig ist, leidet derzeit.

 

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