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12.10.2011

Innovation muss preiswert sein

Formen- und Werkzeugbau auf der Fakuma 2011

Große Innovationsschübe durch neue technologische Entwicklungen sind im Werkzeugbau eher selten. Wenn es nicht zu einer Messe-Überraschung kommt, werden die neuen Entwicklungen aus der Branche das Bestehende mehr oder minder stark verbessern. Wirtschaftlich gesehen stehen die deutschen beziehungsweise europäischen Werkzeugbauer allerdings vor einer ernsten Herausforderung: Der Wettbewerb aus Fernost.

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Bei Massenartikeln werden Multikavitäten-Spritzgießwerkzeuge mit immer mehr Kavitäten und immer kürzere Zykluszeiten einen Trend setzen. In manchen Branchen stehen die Zeichen allerdings nicht auf größere Ausbringung, sondern das Ggenteil ist der Fall: Kürzere Produktlebenszyklen oder individuellere Pro-duktausführungen führen zu Klein- und Kleinstserien - mit den entsprechenden Verschiebungen auf der Produktions- und Werkzeugseite.
Technisch gesehen werden den Spritzgieß-Werkzeugen immer kürzere Zykluszeiten abverlangt. Das richtet sich vor allem an die Werkzeugkühlung. Konturnah verlaufende Kühlkanäle einerseits und Verbesserungen an der Temperiertechnik andererseits bieten eine Lösung - sind aber nicht umsonst zu haben. Das wirkt noch als Bremse, aber Branchenkenner sind zuversichtlich, dass es damit bald ganz deutlich nach vorne geht. Weniger Ausschuss - auch dieser Trend ist ein Werkzeugthema: Mehr Sensorik zur Überwachung der Qualitätsparameter im Werkzeug kommt den Verarbeitern ist entgegen. Aber über allen Verbesserungen und Innovationen steht natürlich die Kostenfrage: Preiswert muss es sein, am besten ohne Aufpreis.
Was die deutschen Werkzeugbauer und ihren Wettbewerb aus Fernost betrifft gehen die Meinungen auseinander: Manche deutsche Werkzeugbauer sind der Meinung, dass die anfängliche Euphorie über preiswerte und schnelle Werkzeuge aus Fernost etwas abgekühlt sei, zumal auch dort die Preise deutlich steigen würden. Andere, die selbst im Fernost-Geschäft mitmischen, sehen Preise und Lieferzeiten nach wie vor als wichtige Zugpferde an. Und was denken chinesische Werkzeugbauer? Zumindest gibt es dort Werkzeugbauer, die den Preis nicht als primäres Entscheidungskriterium sehen. Letztlich kommt es aber auf die Verarbeiter an.

Nachgehakt
Standort Deutschland hat Zukunft,
muss aber Kosten senken und Mehrwert bieten

Plastverarbeiter: Wie kann der deutsche Werkzeug- und Formenbau auch in Zukunft konkurrenzfähig bleiben, wenn Technologien zur Herstellung von Spritzgussformen – CNC-Fräsen und Senkerodieren – auch in Schwellenländern und zu deutlich niedrigeren Preisen zum Einsatz kommen?
Schweiger:
Ich denke, es ist nicht so wichtig, nochmals 3 Prozent schneller zu fräsen. Vielmehr muss die gesamte Prozesskette im Werkzeugbau kritisch betrachtet werden. Erfolg oder Misserfolg eines Projektes entscheidet sich zu 80 Prozent bereits während der Konstruktionsphase. Gerade hier haben wir unser größtes Know-how und müssen dies entsprechend einsetzen. Zudem spielen Netzwerke und Partnerschaften eine immer wichtigere Rolle. Der Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer bietet hierfür eine tolle Plattform und weitreichende Möglichkeiten, die von vielen Mitgliedern genutzt werden. Man muss sich darüber klar werden, dass es sinnlos ist, alle Anlagen und Maschinen für sämtliche Eventualitäten im eigenen Haus zu haben. Viel wichtiger ist es, gezielt darauf Zugriff zu haben. Auch so kann man die Wünsche der Kunden erfüllen und damit langfristig wettbewerbsfähig und erfolgreich sein.
Nachtsheim: Nach meiner Meinung wird es auf die folgenden drei Punkte hinauslaufen: Die Werkzeugbauer haben noch weitere Potentiale zur Kostenreduktion und Produktivitätssteigerung, hier ist noch nicht alles ausgeschöpft. Zweiter Punkt: Die lokalen Werkzeugbauer können ihren Kunden aus der Region vergleichsweise einfach Wartungs- und Änderungsangebote machen. Wenn der Kunststoffverarbeiter schnelle Änderungen oder Reparaturen am Werkzeug benötigt, kann das Werkzeug nicht über tausende Kilometer verschickt werden, vor allem, wenn die Formen häufig im Einsatz sind. Und drittens: Werkzeuge aus Schwellenländern werden zwar schnell gebaut, aber häufig wird viel Zeit für Korrekturschleifen benötigt. Oft bereitet die Kommunikation beziehungsweise Sprache einige Probleme. In diesen drei Punkten steckt gewichtiges Potential für den heimischen Werkzeugbau.
Dr. Hüfner: Für die Werkzeugbauer hierzulande muss es ein Ziel sein, dass sie mit ihren Werkzeugen effizientere Prozesse durch kürzere Anfahrzeiten und ein frühzeitiges Erkennen und Vermeiden von Ausschuss erreichen. Wir sehen dafür eine Reihe von Möglichkeiten, beispielsweise die integrierte Durchflussmessung.
Zügel: Konkurrenzfähig werden nur diejenigen Formenbauer sein, welche sich auf ein Spezialgebiet voll und ganz fokussiert haben und hier auch über ein spezielles Know-how verfügen. Jedoch sind dies nur wenige im Anbetracht der vielen Unternehmen in diesem Bereich. Somit wird es über kurz oder lang eine weitere Verlagerung in Schwellenländer geben.
Keusgen: Die Maschinentechnik alleine ist nicht für den Erfolg eines Formenbaus ausschlaggebend. Es kommt darauf an, wie effizient und mit welchem Know-how die Maschinen eingesetzt werden. Die Kombination aus sehr erfahrenen Mitarbeitern und einem hochwertigen und aktuellen Maschinenpark macht den Unterschied aus. Zudem sind die heutigen, global ausgerichteten Unternehmen wie Foboha keine reinen Formenbauer mehr. Der Auftrag beginnt mit dem Beraten des Kunden in Bezug auf Produktdesign bis hin zum finalen Produktionskonzept. Die Herstellung der Form ist dabei eine von vielen wichtigen Komponenten im Angebot eines modernen Formenbaus.
Busch: Als ein deutscher Formenbauer sehen wir den Vorteil für die lokalen Werkzeugbauer durch eine schnelle fachgerechte Beratung, die sich durch die kurzen Wege vor Ort ergeben. Dieser Vorteil wirkt sich auch auf alle weiteren Arbeiten am Werkzeug nach der Auslieferung aus. Und wir sind im Vorteil, wenn mehr als nur Fertigungstechnologie beim Werkzeugbau gefragt ist, beispielsweise bei der Fertigung von komplexen Spritzgussteilen, die sich nur schwer Entformen lassen. Da ist unser Know-how gefragt.

Plastverarbeiter:  Eine Schlüsseltechnologie, die den Werkzeug- und Formenbau in den nächsten Jahren verändern wird, ist die Temperierung von Werkzeugen durch kavitätsnahe Kühlkanäle. Ist die Werkzeug- und Formenbaubranche darauf vorbereitet?
Schweiger:
Davon bin ich überzeugt. Bei vielen Anbietern von Formen gehört die Möglichkeit der konturnahen Kühlung bereits zum Standard. Egal ob die Kavitäten durch Laser generiert, im Vakuum gelötet oder mit großem mechanischem Aufwand hergestellt wurden, in vielen Fällen ist die konturnahe Temperierung nicht mehr wegzudenken und ein wichtiger Mosaikstein im Gesamtbild eines Spritzgieß-Werkzeuges.
Nachtsheim: Ich denke, diese Technologie könnte der Branche helfen, sich vom Wettbewerb abzusetzen. Es gilt aber zu bedenken, dass häufig die Reinigungsproblematik der konturnahen, oft sehr dünnen Kühlkanäle im rauen Spritzgießbetrieb noch nicht ganz geklärt ist. Wir neigen in unserer Fertigung im Zweifel zu Leitlegierungen in Verbindung mit Temperierungen, die nicht ganz so nah an der Kontur liegen, dafür aber einen höheren Durchsatz des Temperier-Mediums zulassen.
Zügel: Das Thema konturnahe Kühlungen wird seit Jahren beworben, ohne aber im breit gestreuten Bereich seinen Durchbruch geschafft zu haben. Auch diese Technologie wird nur in speziellen
Fällen eingesetzt. Die sehr hohen Kosten dafür schrecken die meisten Kunden ab. Zudem ist dies auch wieder eine Dienstleistung, die sich die Formenbauer im Bedarfsfall zukaufen, und das können
auch die globalen Wettbewerber auch.
Keusgen: Diese Technologie wird bei uns bereits seit vielen Jahren eingesetzt und kontinuierlich verbessert. Bei etwa jeder zweiten bis dritten Form wird die konturnahe Kühlung eingesetzt, und das mit steigender Tendenz.
Busch: Ich sehe da ein Problem: Fertigungstechnisch gesehen haben konturnahe Kühlkanäle noch zu lange Durchführungszeiten, weil unsere Kunden immer kürzere Lieferzeiten fordern.
Jell: Man muss Top-Technologien wie beispielsweise das Metall-
Lasersintern zur Herstellung konturnaher Kühlkanäle noch viel mehr vorantreiben! Aber: Oft sind die Werkzeugpreise – die vorgegeben werden – die Innovationskiller für den Werkzeug- und Formenbauer. Das Ziel für den Verarbeiter sollte aber eigentlich lang-fristiger Erfolg und nicht die momentane Kosteneinsparung beim Werkzeug sein.

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