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26.07.2011

Blendend mit Schönheitsfehlern

Zur Lage der Kunststoffverarbeitung

Wie im letzten Heft gesehen, konnte die Kunststoffverarbeitung einen Bilderbuchstart ins neue Jahr hinlegen (PV 62, (2011), 6, S. 10). Das erste Quartal lief blendend, die Produktion erreichte ein neues Rekordniveau. Im folgenden wollen wir die Betrachtung fortschreiben und die Situation der Branche etwas ausführlicher unter die Lupe nehmen, sowie eine Bilanz für das erste Drittel des Jahres ziehen. Der Erfolg hält an, es zeigen sich aber auch einige Schönheitsflecken.

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Im März und April hat sich die Produktion gegenüber Januar und Februar weiter erhöht (1). Das frühere Rekordniveau aus den Vergleichszeiträumen 2008 wurde endlich wieder überschritten, es liegt nun in den ersten vier Monaten um 2,3 Prozent über dem Vergleichswert 2008. Die Wachstumsgeschwindigkeit im März-April hat gegenüber Januar-Februar aber im Vergleich zum Vorjahr nachgelassen, der Aufschwung kommt langsam in ruhigeres Fahrwasser. Trotzdem können wir damit rechnen, dass sich das Produktionsniveau des Jahres 2011 weiter deutlich vom Rekordwert des Jahres 2008 absetzt, denn am Ende des letzten Jahres wurden die früheren Rekorde bereits überschritten. Und da derzeit davon auszugehen ist, dass die gute Konjunktur anhält, auch wenn die Wachstumsraten sich normalisieren, wird auch das Produktionsniveau gegen Jahresende weiter steigen und damit in der Gesamtbilanz eine deutlich höhere Produktion stehen, als es derzeit noch scheint. Eine Erwartung von dreieinhalb bis vier Prozent Plus gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2008 erscheint nicht überzogen.

Teilbranchen
In der Halbzeugbranche wurde der frühere Rekord erstmals im März-April deutlich überschritten (2), im Januar und Februar lag man nur Bruchteile über dem Vergleichszeitraum des Jahres 2008. Auf die ersten vier Monate insgesamt gerechnet beträgt das Plus gegenüber 2008 daher nur 1,4 Prozent. Aber auch hier ist von weiterem Wachstum auszugehen, und am Jahresende wird sicher ein Niveau erreicht, welches um die drei Prozent über 2008 liegen könnte.
Die Verpackungsmittelhersteller können sich über anhaltend kräftiges Wachstum freuen (3) und ein deutliches Überschreiten des früheren Rekords aus 2008. Sie haben in der Vergangenheit auch nicht so stark gelitten wie andere Teilbranchen. Der Wachstumseinbruch 2009 fiel wesentlich geringer aus. Auch hier halten wir Produktionsniveau für möglich, die zwischen drei und vier Prozent über den früheren Rekorden aus 2008 liegen. Derzeit liegt das Niveau 2,2 Prozent über dem von 2008.
Die Produktion bei den Bauartikelherstellern erreichte 2007 ihr Hoch, seither ging es langsam bergab (4). Nach dem Tief 2009 erholte sich Produktion zu Anfang 2010 nur geringfügig. In diesem Jahr geht es dafür kräftig aufwärts. In den ersten vier Monaten lag man 4,5 Prozent über den früheren Rekorden. Hier dürfen wir davon ausgehen, dass in der Bilanz wahrscheinlich ein um sechs Prozent höheres Produktionsniveau stehen wird als 2007.
Die von der Krise besonders gebeutelten Hersteller von technischen Teilen und Konsumwaren konnten sich dieses Jahr wieder aus dem Minus kämpfen. Aktuell (5) liegt das Plus gegenüber dem alten Rekord bei zwei Prozentpunkten. In der Bilanz für 2011 wird sicher ein höherer Wert stehen, aber die Erwartungen sollten eher nüchtern beurteilt werden, wie wir unten sehen werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen: 2011 wird auf jeden Fall ein Rekordjahr werden. Wie hoch das Produktionsniveau letztendlich steigt, hängt entscheidend davon ab, wie der Konjunkturverlauf in der zweiten Jahreshälfte sein wird. Derzeit spricht nichts dafür, dass es zu einem Einbruch kommt. Im Gegenteil, das Wachstum hält an, auch wenn die Kurve deutlich abflachen wird.

Umsätze
Bei den kumulierten Umsätzen (6) zeigt sich, dass letztlich das Inlandsgeschäft dafür verantwortlich ist, wenn 2011 wieder ein neues Rekordjahr wird. Insgesamt liegt das Umsatzniveau in den ersten vier Monaten 2011 knapp über dem Rekordwert aus 2008. Die inländischen Umsätze lagen etwa vier Prozentpunkte darüber, das Auslandsgeschäft etwa fünf Punkte darunter. Das widerspricht im übrigen dem, was gemeinhin kolportiert wird, dass die Erholung aus dem Ausland käme. Zumindest für das direkte Geschäft der Kunststoffverarbeiter gilt das nicht. Allerdings ist ein Großteil der Nachfrage nach Kunststoffwaren exportinduziert, insofern als Zulieferteile vor allem für Exportgüter wie Maschinen und Autos geordert werden. Die Verarbeiter profitieren demnach indirekt von der starken Nachfrage nach deutschen Produkten aus dem Ausland. Die Auslandsnachfrage war es auch, die anfangs am stärksten eingebrochen ist. Im Inland ging der Einbruch etwas glimpflicher aus. Entsprechend ist die Aufholjagd im Export langwieriger. Unter Umständen hat man im Abschwung auch Kunden verloren, die den Stillstand dazu genutzt haben, sich neue Lieferquellen zu erschließen. Bei High-Tech-Zulieferteilen ist die Wahrscheinlichkeit am geringsten, dass Kunden kurzfristig abspringen, weil Produktionslinien und Lieferbeziehungen nicht von heute auf morgen aufgebaut werden können. Hier hat sich die deutsche Kunststoffverarbeitung aufgrund ihrer technischen Kompetenz und ihres Qualitätsniveaus einen relativ krisenfesten Wettbewerbsvorsprung erarbeitet, der auch über Konjunkturdesaster hinweg trägt. Folglich profitiert sie auch vom Aufschwung bei Exportgütern deutscher Provenienz. Diese beiden Faktoren, Wettbewerbsvorsprung bei hochwertigen Zulieferteilen und Krisenanfälligkeit des Auslandsgeschäfts, erklären wahrscheinlich die oben gezeigten Unterschiede im Aufholzyklus.

Beschäftigung
Die gute Konjunktur schlägt sich auch in der Beschäftigungslage nieder. In den ersten vier Monaten 2007 und 2008 hat man das Personal kräftig aufgestockt, auf knapp 246.000 Personen (7). 2009 hat man dann Personal abgebaut, eine Entwicklung, die sich zu Anfang 2010 massiv fortsetzte. Im Schnitt wurden in den ersten vier Monaten 2010 noch 233.000 oder fast 13.000 Mitarbeiter weniger beschäftigt als in der Hochzeit 2008.
2008 wurde allerdings schon der Konjunkturrückgang eingeleitet, und ab September die Beschäftigung langsam wieder zurückgefahren. Im Laufe des Jahres 2010 und vor allem in den ersten Monaten des laufenden Jahres gab es dann einen massiven Beschäftigungsschub. Im April wurden über 247.600 Menschen beschäftigt, das liegt aber immer noch um ca. 5.000 unter dem bisherigen Höchststand von 252.500 aus dem August 2008. Ob dieser Stand jemals wieder erreicht wird? Fraglich, denn der technische Fortschritt erlaubt, mit weniger Personal auszukommen, und einige Betriebe mussten in der Krise aufgeben, so dass Arbeitsplätze dauerhaft weggefallen sind.

Abnehmerbranchen
Dass der Aufschwung im Laufe des Jahres an Geschwindigkeit verlieren muss, haben wir schon im letzten Heft angesprochen: Die Aufholjagd ist zu Ende, die Kunststoffverarbeitung hat ihr altes Niveau nicht nur erreicht, sondern überschritten, weiteres Wachstum kann nur aufgrund allgemeinen Wachstums kommen, und natürlich aus der Substitution anderer Werkstoffe durch Kunststoff
oder durch neue Anwendungen für Kunststoffe.
Entscheidend bleibt aber die allgemeine Konjunkturlage, die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen. Da Daten zum Auftragseingang in der Kunststoffverarbeitung leider nicht mehr erhoben werden, müssen wir uns mit dem Blick auf die Nachfrage in Schlüsselbranchen behelfen. Zwei davon sind der Maschinenbau und die Kfz-Branche, die große Mengen der technischen Teile abnehmen. Technische Teile wiederum sind das wichtigste Teilsegment der Kunststoffwarenproduktion und tragen etwa die Hälfte zur Produktion der nicht weiter aufzugliedernden Sparte der Hersteller von technischen Teilen und Konsumwaren bei. Dieser Sektor ist der weitaus Größte, wenn man nach der Zahl der Betriebe misst.
Wenn wir die Auftragseingänge bei Maschinenbau und Kfz-Herstellern (8) betrachten, zeigt sich Erstaunliches: Das frühere Niveau aus dem Jahr 2007 und der ersten Hälfte 2008 ist längst nicht erreicht. Nach dem Ende 2008 beginnenden Absturz und dem Tief im ersten Halbjahr 2009 hat sich zwar bald wieder die Erholung eingestellt und es ging kontinuierlich wieder aufwärts, aber das alte Niveau ist längst noch nicht wieder erreicht. Und die neusten Daten deuten eher auf eine Abflachung, als auf eine Beschleunigung des Wachstums hin.
Der geneigte Leser wird sich nun womöglich fragen: Wenn wichtige Abnehmerbranchen gar nicht das frühere Niveau erreichen, wie schaffen es dann die Kunststoffverarbeiter, speziell die Hersteller von technischen Teilen, ein neues, wenn auch knappes Rekordniveau zu erreichen? Eine beweisbare Antwort darauf haben wir nicht, wir können nur spekulieren. Vermutlich kommt die große Nachfrage aus einem beschleunigten Substitutionsprozess von Nicht-Kunststoffen durch Kunststoffe oder auch aus neuen Anwendungen für Kunststoffteile. Im Abschwung wurde die Zeit anscheinend genutzt, konstruktive Details zu verbessern und den Kunststoffeinsatz zu erhöhen. Im übrigen haben gerade im Fahrzeugbau viele Hersteller mehr und schneller neue Modelle auf den Markt gebracht, die in der Regel deutlich mehr Kunststoffteile enthalten als deren Vorgänger. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte Nachricht ist, dass anscheinend in zwei wichtigen Abnehmerbranchen auf absehbare Zeit die Produktion geringer ausfallen wird als zu früheren Hochzeiten. Im Autobau spricht man von weltweiten Überkapazitäten von bis zu einem Drittel. Dies zeigt uns, dass trotz aller derzeitigen Erfolge der Kunststoffverarbeitung, Euphorie nicht angebracht ist, und die weitere Entwicklung kritisch begleitet werden sollte.

Fazit und Ausblick
Das Geschäft floriert zwar, die Branche bricht weiter alte Rekorde. Wachstumsraten beginnen sich aber zu normalisieren, trotz allem übertrifft die Dynamik der Konjunkturentwicklung in der
Branche noch immer alle Erwartungen. Kurzfristig und auf Sicht bis Jahresende müssen sich die Kunststoffverarbeiter keine Sorgen machen. Aber wie gezeigt, haben einige Abnehmerbranchen noch immer Schwierigkeiten, das frühere
Niveau zu erreichen. Das ist nicht erfreulich, die Verarbeiter können das derzeit aber kompensieren durch Ausweitung des Anwendungsspektrums für Kunststoffe.
Es wird immer mal wieder über eine Abkühlung des weltweiten Konjunk-
turklimas spekuliert. Wie stark diese schon ist, später ausfallen oder wann sie überhaupt eintreten wird, ist unklar. Aber die Risiken sind nicht von der Hand zu weisen. Und man tut gut daran, dies im Hinterkopf zu behalten. Die deutschen Kunststoffverarbeiter sind für künftige komplizierte Zeiten wohl am besten gerüstet, und darüber hinaus haben sie ja in der Vergangenheit bereits „Nehmerqualitäten“ bewiesen, wie Dr. Rüdiger Proske, Past President des GKV, seinerzeit auf der Wirtschaftspressekonferenz im Katastrophenjahr 2009 treffend bemerkte. Aufmerksamkeit ja, aber bange machen gilt nicht, und dieses Jahr dürfte auf jeden Fall ein großer Erfolg werden.

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