Michelle Jou (r.), globale Leiterin des Segments Polycarbonates bei Covestro, erläutert auf der K 2016 die Anwendungspotenziale von Polycarbonat im Automobil. (Bildquelle: Covestro)

Michelle Jou (r.), globale Leiterin des Segments Polycarbonates bei Covestro, erläutert auf der K 2016 die Anwendungspotenziale von Polycarbonat im Automobil. (Bildquelle: Covestro)

Wie wichtig ist Kunststoff allgemein im Hinblick auf alternative Antriebe?
Allgemein sind Kunststoffe deutlich leichtgewichtiger als Metall oder Glas und reduzieren dadurch Treibstoffverbrauch und CO2-Emissionen. Sie sind leicht zu verarbeiten und bieten eine große Designfreiheit. Alternative Antriebe wie die Elektromobilität erfordern ein komplett neues Autodesign; daraus ergeben sich Möglichkeiten für einen noch höheren Kunststoffanteil im Automobil.

Welche Rolle spielt Polycarbonat voraussichtlich in zukünftigen Automobilen?
Zusätzlich zu diesen Vorteilen zeichnet sich Polycarbonat durch hohe Transparenz und sehr gute Schlagzähigkeit aus. Dadurch wird es zum Material der Wahl für viele Anwendungen, wo leichtgewichtige, transparente Materialien mit hoher Funktionalität gefordert sind. So ist Polycarbonat heute zum Beispiel das Standardprodukt in verschiedenen Anwendungen der Außenbeleuchtung.

Worin liegen die größten Potenziale?
Aufgrund der genannten Vorteile sehen wir zum Beispiel ein großes Potenzial im Einsatz von Polycarbonat in der Automobilverscheibung. Dort stehen zurzeit großformatige Panoramadächer im Mittelpunkt, aber nun kann sogar der Bereich der Windschutzscheibe aus Polycarbonat gefertigt werden, wie wir kürzlich mit der Entwicklung des ersten Autodesignkonzepts mit Rundumverscheibung gezeigt haben. Dies ist jetzt möglich auf Basis der modifizierten Verordnung UN R43.

Dank seiner großen Gestaltungsfreiheit sehen wir auch gute Chancen für den Einsatz von Polycarbonat in nahtlosen, glasähnlichen Karosserie- und Innenraumteilen. Licht, Funktionalität auf Abruf, die Bedienung durch Berührung und Gesten sowie der Informationsaustausch können jetzt mithilfe einer einzigartigen, dreidimensionalen Formgebung erreicht werden – in Form einer kosteneffizienten, leichtgewichtigen Lösung.

„Polycarbonat eignet sich auch sehr gut für Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren“, erklärt Michelle Jou, Covestro. Im Bild: Das Design-Konzeptauto von Covestro, das das Unternehmen auf der K 2016 vorstellte. (Bildquelle: Covestro)

Welche neuen Funktionen lassen sich durch den umfassenden Einsatz von Polycarbonat umsetzen?
Polycarbonat eignet sich auch sehr gut für Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren. Selbstfahrende Fahrzeuge machen spezielle Sensorsysteme erforderlich. Spezielle Polycarbonatwerkstoffe sind durchlässig für verschiedene Arten von Strahlung, wie zum Beispiel bei Laserabtastung mittels LiDAR oder Radar. Covestro hat Lösungen entwickelt, um diese Sensoren in die Autokarosserie zu integrieren.

Welche Designmöglichkeiten eröffnet der Einsatz von Polycarbonat im Vergleich zu Blech oder anderen, Kunststoff-(basierten) Materialien?

Wir sind davon überzeugt, dass Polycarbonate das Aussehen und die Effizienz von Fahrzeugen auf ein neues Niveau heben werden. Der Hightech-Kunststoff besitzt die erforderlichen Eigenschaften, um ganz neue Dimensionen der Fahrzeugtechnik zu erschließen: Neben sehr guten mechanischen Eigenschaften bietet das Material vor allem Gestaltungsfreiheit, so dass der Raum für Kreativität schier unbegrenzt ist. So kamen wir zu dem komplett neuen Designkonzept für das Elektroauto der Zukunft, das wir auf der K 2016 gezeigt haben. Wir leben jetzt in einer Welt von Produkt- und Designinnovationen, die unser Leben kontinuierlich verbessern. Weshalb sollten Autos nicht noch leichtgewichtiger und intelligenter werden? Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass Autos Stahlboxen mit Glasfenstern sind. Covestro ist mit seiner führenden Position und seinem Marktzugang gut positioniert, um Innovationen in Richtung auf ein neues Autodesign voranzutreiben.

Warum beschäftigt sich Covestro als Materialhersteller so intensiv mit dem Design von Automobilen?

In letzter Zeit war die Gestaltung stets die treibende Kraft hinter Automobil-Innovationen. Designer sind in einer privilegierten Stellung und verfügen über die nötige Sensibilität, um die Bedürfnisse von Verbrauchern zu erkennen, aber auch die sich verändernden Rahmenbedingungen, auf die sie sich einstellen müssen. Die Beschäftigung von Covestro mit dem Thema Design ist Teil unseres Ansatzes, frühzeitig neue Trends der Autoentwicklung zu entdecken, durch Kooperationen mit Partnern entlang der Wertschöpfungskette.

„Durch intensive Zusammenarbeit mit Autoherstellern und Direktzulieferern lernt Covestro viel über das zukünftige Autodesign, und diese Kenntnisse setzen wir dann in Materiallösungen um.“ (Michelle Jou, Covestro)

Wie verläuft die Zusammenarbeit von Covestro und den Automobilherstellern? Liefern Sie konkrete Designideen?

Durch intensive Zusammenarbeit mit Autoherstellern und Direktzulieferern lernt Covestro viel über das zukünftige Autodesign, und diese Kenntnisse setzen wir dann in Materiallösungen um. In unserem Bestreben, die Grenze zwischen Design und Materialien zu verschieben, können wir Designer mit Produkteigenschaften vertraut machen und sie dazu inspirieren, daraus neue konzeptionelle Ideen zu entwickeln.

Das Konzeptauto beinhaltete auch Ideen zur Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern. Ein LED-Display am Heck könnte beispielsweise den nachfolgenden Verkehr vor Hindernissen warnen. (BIldquelle: Covestro)

Das Konzeptauto beinhaltete auch Ideen zur Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern. Ein LED-Display am Heck könnte beispielsweise den nachfolgenden Verkehr vor Hindernissen warnen. (BIldquelle: Covestro)

Wie aufgeschlossen sind die Autohersteller dem vermehrten Einsatz von Kunststoff, abseits von Leichtbau?

Was den Einsatz von Kunststoffen betrifft, haben Autohersteller einen ziemlichen Sinneswandel vollzogen. Ein gutes Design entsteht aus der Kombination von Form, Funktion und Ästhetik – die ästhetische Wirkung eines Produkts ist ein wichtiges Differenzierungsmerkmal, vor allem für OEMs. Deshalb schätzen sie die Gestaltungsfreiheit, die Kunststoffe in der Gestaltung von Karosserie und Innenraum bieten. Polycarbonat erschließt noch weitere Designoptionen, durch die hohe Transparenz, aber auch die zusätzlichen Funktionalitäten, die es ermöglicht.

Warum sind erweiterte Designfreiheiten wichtig für zukünftige Autogenerationen?
In den vergangenen Jahren wurden die Designs von Automodellen in ihrer jeweiligen Klasse immer ähnlicher. Autohersteller wollen sich deshalb über das Design verstärkt von ihren Wettbewerbern differenzieren. Verbraucher haben wiederum ein großes Interesse an einer individuellen Gestaltung. Alternative Antriebstechnologien wie die Elektromobilität könnten eine ganz neue Art von Fahrgestaltung erforderlich machen. All diese Trends erhöhen die Nachfrage nach Materialien mit größerer Designfreiheit. Covestro entwickelt solche Produkte, aber auch effizientere Herstellprozesse, um die Forderung von Autoherstellern nach kosteneffizienterer Produktion zu erfüllen.

Wann fahren wir alle in autonomen Fahrzeugen?
Das wird sicherlich noch einige Zeit dauern, ich rechne mit mehr als zehn Jahren. Bis dahin stehen noch viele Entwicklungen an, und es müssen bisherige technische Grenzen überwunden werden. Voraussetzung dafür ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Autoherstellern, Direktzulieferern, Elektronikunternehmen, Designern und Materialentwicklern wie Covestro. Nicht zuletzt müssen dafür auch neue Regelungen und Spezifikationen erstellt werden.

Mit was beschäftigen wir uns möglicherweise, während das Auto uns transportiert und was ermöglicht uns der Werkstoff Kunststoff diesbezüglich?
Der Autoinnenraum wird sich zu einem multifunktionalen Wohnzimmer entwickeln und den Insassen viele Möglichkeiten der Beschäftigung bieten, sicherlich auch für Familien mit Kindern. Dadurch wird autonomes Fahren für alle attraktiv. Kunststoffe werden hier eine zentrale Rolle spielen. Das gilt vor allem für Polycarbonat, das neue Beleuchtungskonzepte, aber auch Verscheibungslösungen mit Rundumblick ermöglicht und dadurch für ein großzügiges und einzigartiges Wohlbefinden sorgt. Zu unseren Materiallösungen gehören zum Beispiel nahtlos integrierte kapazitive Schalter. Displays zeigen Informationen, wo und wann immer sie benötigt werden, und unterstützen Insassen damit in jeder Situation. Durch angenehme Beleuchtung wird eine entspannte Atmosphäre hergestellt. Ich bin sicher, dass wir aufgrund der Vielseitigkeit dieses Kunststoffs, mit unserem Knowhow und nicht zuletzt durch Kooperation mit führenden Design-Instituten noch viele neue Möglichkeiten entdecken werden, um die sich entwickelnden Wünsche zu erfüllen.

Wie flexibel ist Polycarbonat, um künftig auf sich verändernde Bedürfnisse reagieren zu können, nicht nur in der Automobilindustrie, sondern auch in anderen Branchen?
Polycarbonat bietet viele Vorteile für Verarbeiter und ist ideal geeignet für Anwendungen, bei denen es gleichermaßen auf Festigkeit und Designfreiheit ankommt. Das wurde in den vergangenen Jahrzehnten und wird auch jetzt immer wieder bestätigt. Wir kooperieren kontinuierlich mit Partnern in der Wertschöpfungskette und investieren in Produkt- und Technologie-Innovationen, um Anwendungen für globale Trends zu entwickeln. Die wachsende Verstädterung und Mobilität, die digitale Revolution und die Überalterung in den Industrieländern sind große Herausforderungen, sie bieten aber auch Chancen und Wachstumspotenzial für Polycarbonat-Lösungen, zum Beispiel in der Transport-, Elektronik- und Medizintechnikindustrie. Als weltweit führender Polycarbonatlieferant sind wir zuversichtlich und bekennen uns weiterhin zu diesem wachsenden Markt.

David Löh

Über den Autor

David Löh

ist Redakteur des Plastverarbeiter.
david.loeh@huethig.de