Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild

Ralf Mayer Herzlich willkommen zu unserem Expertengespräch Biokunststoffe, in dem wir diskutieren möchten, warum biobasierte und bioabbaubare Kunststoffe vor allem in Deutschland ein Nischendasein fristen, wie sich dies ändern ließe und welche technischen Möglichkeiten bestehen. Wir möchten Sie zunächst nach ihren Erfahrungen mit Biokunststoffen fragen?

Stefanie Schönherr Also wir setzen kaum Biokunststoffe ein. Aber wir setzen inzwischen relativ viele Verpackungsmittel ein, die einen Recyclinganteil haben. Daran arbeiten wir sehr intensiv, wobei das für uns eigentlich eine Übergangslösung ist, denn mein Ziel wäre es schon, mehr biobasierte Kunststoffe einzusetzen. Das Thema biologische Abbaubarkeit ist für uns, für unsere Verpackungen eher kein Thema. Unsere Lieferanten und deren Packmittelhersteller haben teilweise schon mit biobasierten Materialien experimentiert, aber wir haben jetzt für uns noch keine gute Lösung gefunden oder wenig gute Lösungen. Wir arbeiten teilweise mit Folien, die auf Basis von Zellulose hergestellt sind. Es funktioniert nicht in jedem Segment, aber wir wollen das ausbauen. Tatsächlich hatten wir auch ein Produkt mit Lignin, eine Zahnbürste. Aber der Abverkauf war eben leider nicht so wie erwartet, sodass wir das Produkt am Ende wieder ausgelistet haben.

Dr. Etwina Gandert War das Produkt vergleichsweise teuer oder was meinen Sie war der Grund für den geringen Absatz?

Stefanie Schönherr Es war etwas teurer, weil es natürlich auch deutlich teurer ist in der Herstellung. Aber die meisten Verbraucher werden nicht bereit sein, für eine nachhaltigere Verpackungsalternative deutlich mehr zu bezahlen. Das ist vielleicht im Super-/Ökomarktbereich noch was anderes. Wenn bei uns ein Duschgel 55 Eurocent kostet – da haben wir schon sehr stark an den Verpackungen gearbeitet, um einen möglichst geringen Ressourceneinsatz zu haben – wäre jedoch der Kunde nicht bereit, 5 Cent mehr zu bezahlen, weil wir die Flasche aus biobasiertem Kunststoff herstellen lassen.

Dr. Etwina Gandert Wenn vom Markt keine Nachfrage kommt, dann wird auch kein Unternehmen eine nachhaltige Motivation zum Einsatz von Biokunststoff haben.

Robert Czichos Ich finde es relativ schwierig Verallgemeinerungen in einem sehr vielschichtigen Markt zu verwenden. Es gibt eine Konsumentenschicht, die sind innovativen Produkten gegenüber, auch mit Biokunststoffen, sehr aufgeschlossen.
Wir haben Verpackungen, die in großen Mengen im Foodservice-Bereich verkauft werden, weil die Kunden beispielsweise eine Biobeschichtung gut finden. Wir haben aber auch ganz viele Kunden, denen ist das total egal, ob diese Beschichtung Bio ist oder nicht. Die finden einfach nur, diese Verpackung sieht gut aus. Keiner kauft einen Käse, weil er in einer Bioverpackung ist. Die Leute kaufen den Käse, weil sie einen Käse kaufen wollen. Zudem haben die meisten Folien aus Biokunststoffen nicht die geforderten Barriere-Eigenschaften. Und der Kostendruck bei Folienverpackungen ist enorm groß, in diesem Massen-Foodmarkt geht es um 0,05 Cent pro Quadratmeter, den Sie teurer sein dürfen oder auch nicht. Und daran machen die großen Unternehmen am Ende die Entscheidung aus, ob ich diese Folie einsetze oder nicht.

Susanne Kurz Ich meine, es ist ja ein globales Problem, ein weltweites Plastikproblem, was wir letztlich haben. Und damit ist es ein politisches Problem. Kann man denn das nun eigentlich den Verbrauchern überlassen?

Prof. Hans-Josef Endres Natürlich können die Biokunststoffe das teilweise negative Image von Kunststoffverpackungen nicht verbessern, diese Aufgabe muss die Kunststoffindustrie und die entsprechenden Kunststoffverbände lösen. Hier ist meiner Ansicht nach eine Versachlichung der Diskussion notwendig. Es ist ein grundsätzliches Problem, dass man oft sehr emotional nur den Schaden und nicht den Nutzen von Kunststoffen bewertet. Biokunststoffe können in vielen Fällen mindestens den gleichen Nutzen auf nachhaltigere Art und Weise bieten. Werden sie als Verpackungen genutzt, müssen Biokunststoffe sich in das bestehende Entsorgungslogistiksystem integrieren. Auch in Deutschland werden aus wirtschaftlichen Gründen nur die Kunststoffe recycelt, von denen ausreichende Mengen im Abfallstrom vorhanden sind. Ein wirtschaftliches Recycling von Kunststofftypen, die nur in kleineren Mengen vorhanden sind ist schwierig. Dies gilt für konventionelle Kunststoffe ebenso wie für Biokunststoffe. Das ist einfach ein wirtschaftliches oder politisches Problem, und der Biokunststoff, um das zu sagen, der rechtfertigt auch keinen Mehrpreis oder eine Abfall- bzw. gesonderte Verwertungslogistik, und die Entscheidung darüber können wir dem Verbraucher auch nicht zumuten.

 

Der Verbraucher hätte auch nie grünen Strom haben wollen, und der Verbraucher hätte auch nie für grünen Strom mehr bezahlt, wenn er die Wahl gehabt hätte. Da haben wir einfach ein politisches Instrument geschaffen, um solche Dinge in den Markt einzuführen, weil wir an deren Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und Notwendigkeit geglaubt haben. Auch die Elektromobilität lassen wir uns politisch etwas kosten. Bei den Biokunststoffen lässt man den Verbraucher und die gesamte Branche am Markt dagegen politisch etwas alleine.
So, und nun ein Wort zu den Barriere-Eigenschaften. Dass Biokunststoffe schlechtere Barriere-Eigenschaften haben, kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt bei den Biokunststoffen z.B. sogenannte Drop-In-Lösungen, wie ein biobasiertes Polyethylen, das exakt die chemische Struktur und damit auch gleiche Barriere-Eigenschaften wie normales Polyethylen hat. Neben den Drop-Ins gibt es aber auch neuartige Biokunststoffe, die einfach von der chemischen Struktur her neuartig sind. Und das sind dann auch die, die neue Funktion mitbringen, wie eine gute Wasserdampfdurchlässigkeit oder eine hohe Sperrwirkung gegen Sauerstoff oder auch möglicherweise eine biologische Abbaubarkeit am Ende eines Produktlebens. Also woran es dann hängt, ist nachher ein wirklich maßgeschneiderter Biowerkstoff für Verpackungszwecke mit maßgeschneiderten Eigenschaften.

Ralf Mayer Gibt es überhaupt ausreichend Daten, was die einzelnen Biokunststoffe können?

Prof. Hans-Josef Endres Ja, z.B. in der Campus-Datenbank sind alle technischen Kunststoffe verzeichnet. Und es gab ein vom BMEL gefördertes Projekt, in dem auch die Biokunststoffe mit der Firma M-Base zusammen und dem IfBB in diese Datenbank aufgenommen wurden. Das zeigt, es braucht zumindest in der Anfangsphase eine politische Unterstützung, damit die Produkte der Biokunststoffhersteller den gleichen Stand erreichen wie die petrochemischen Kunststoffe. Ein Vergleichsbeispiel: Chemieunternehmen wie die BASF schicken ihre Materialdaten an die Datenbankbetreiber und bezahlen auch noch Geld für das Einpflegen der Daten. Die Biokunststoffhersteller mussten dagegen in der Vergangenheit oft überzeugt werden, dass die Bereitstellung umfassender und nachvollziehbarer Materialdaten eine absolute Notwendigkeit am Kunststoffmarkt ist. Wenn wir als Forschungsinstitut nachfragen, ob wir den Biokunststoff untersuchen dürfen, um die Daten für diese Datenbank zu generieren, dann besteht vonseiten des Anbieters heute noch manchmal ein großes Misstrauen. Neben den Gebrauchseigenschaften gibt es zudem auch verschiedene, ebenfalls vom BMEL unterstützte Forschungsarbeiten zur Ermittlung von verarbeitungsrelevanten Materialcharakteristika der Biokunststoffe.

Nicole Kalytta Ja, die Datenbank ist sehr interessant, mit Produktbildern für Anregungen. Meiner Ansicht nach gibt es zu wenig Informationen zu den Begrifflichkeiten, z.B. Bioabbaubarkeit, biobasierend usw. Hinzukommt, dass die von unseren Kunden und Mitarbeitern, den Kunststoffformgebern, gemachten schlechten Erfahrungen sich gefestigt haben und sehr schwer zu eliminieren sind.

Katrin Schwede Es gibt bereits viele ausführliche Informationen rund um Biokunststoffe. Worin wir als Verband noch besser werden müssen, und das gebe ich zu, ist, diese Informationen einfach verständlich aufzubereiten, um die allgemeine Öffentlichkeit und die Verbraucher damit besser zu erreichen.

Seite 1 von 3123