„Die ambitionierten Quotenvorgaben sind ein Ansporn für die Branche. Jahrelang sind Investitionen zurückgehalten worden, beispielsweise in bessere Sortier- und Aufbereitungstechnik insbesondere für Kunststoff. In den letzten Monaten ist allein durch die Aussicht auf das Verpackungsgesetz neuer Schwung entstanden. Nun haben wir endlich Planungssicherheit und können das Verpackungsrecycling in Deutschland zielgerichtet weiterentwickeln“, so Michael Wiener, CEO des Grünen Punkts.

Der Grüne Punkt_Sortierung_Nahinfrarottechnik

In modernen Sortieranlagen werden Leichtverpackungen sortenrein und automatisch getrennt. Das neue Verpackungsgesetz wird voraussichtlich Investitionen in diesem Bereich ankurbeln. (BIldquelle: Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH)

Auch der bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung sieht in der Verabschiedung des Verpackungsgesetzes eine richtige Weichenstellung. „Wir sind aber nicht so naiv zu glauben, dass es damit getan ist“, so der bvse-Vizepräsident Herbert Snell, in einem Pressegespräch im Rahmen des 20. Internationalen Altkunststofftages. An Vorschlägen, wie Fortschritte erzielt werden können, mangelt es nicht. Der bvse-Fachverband Kunststoffrecycling will hier vor allem bei den Sortieranlagen ansetzen.

Herbert Snell sieht als bvse-Vizepräsident  vor allem Handlungfsbedarf bei den Sortieranlagen. (BIldquelle: bvse)

Herbert Snell sieht als bvse-Vizepräsident  Handlungfsbedarf vor allem bei den Sortieranlagen. (BIldquelle: bvse)

So wird ein Paradigmenwechsel gefordert. „Wenn bisher die Sortierer häufig Masse statt Klasse abgeliefert haben, muss es zukünftig heißen: Qualität vor Quantität“, forderte er. Die Sortierung sei der erste wichtige Schritt für ein qualitativ hochwertiges Recycling. Doch diese Bedeutung spiegele sich nicht ausreichend in der Wertschöpfungskette wider.

Im Zuge der europäischen Roadmap hatte der bvse-Fachverband Kunststoffrecycling bereits einen Katalog mit sieben Kernforderungen erarbeitet, der sich an die unterschiedlichen Akteure in der Recyclingkette, die Politik, die Verwaltung, die Kommunen und die öffentlich-rechtlichen Entsorger, richtet. Die Forderungen des Fachverbandes zielen zum einen darauf ab, Prozesse in der gesamten Recyclingkette neu zu überdenken und zu optimieren sowie technische, gesetzliche und finanzielle Rahmenbedingungen zu schaffen, um eine Steigerung von Qualität vor Quantität zu erreichen. Darüber hinaus soll die Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung mit Werbe- und Öffentlichkeitskampagnen für die Vorzüge des Recyclings und seiner hochwertigen Produkte sensibilisiert und zur aktiven Steigerung der Erfassungsquoten durch Getrennthaltung animiert werden.

Dr. Dirk Textor vertritt als Vorsitzender des bvse-Fachverband Kunststoffrecycling die Unternehmen, die in der Erfassung, Sortierung, Aufbereitung als auch in der Verwertung von Kunststoffen tätig sind. (Bildquelle: bvse)

Dr. Dirk Textor vertritt als Vorsitzender des bvse-Fachverband Kunststoffrecycling die Unternehmen, die in der Erfassung, Sortierung, Aufbereitung als auch in der Verwertung von Kunststoffen tätig sind. (Bildquelle: bvse)

An die öffentliche Hand geht der Appell zur Trendwende und der verstärkten Berücksichtigung von Recyclingprodukten bei Vergaben, während die Politik aufgerufen wird, das Abfallrecht nicht dem Stoffrecht zu unterwerfen, damit recyclingfähige Ströme nicht in die Verbrennung umgeleitet werden und somit der Kreislaufwirtschaft verloren gehen. Insgesamt müsse wieder mehr für das Kunststoffrecycling geworben werden – auch über Deutschlands Grenzen hinaus, plädierte der Vorsitzender der bvse-Fachverband Kunststoffrecycling Dr. Dirk Textor. Es gehe eben nicht nur um eine europaweite Limitierung von Deponien, sondern vor allem darum, für den Auf- und Ausbau von Strukturen zu werben, die das Sammeln von Abfällen, deren Aufbereitung und das Recycling ermöglichen.

Weltweit etablierte Rücknahmesysteme

Im industriellen und landwirtschaftlichen Umfeld sind hier bereits seit längerem Rücknahmesysteme wie Pamira (Packmittelrücknahme Agrar) etabliert. Das Unternehmen Rigk beispielsweise sorgt mit den System Pamira oder Erde (Erntekunststoffe Recycling Deutschland) für eine sichere Getrenntsammlung und Dokumentation von Verpackungsabfällen für landwirtschaftliche genutzte Produkte, wie Dünger, Saatbeizmittel oder Pflanzenschutzmittel, sowie die Rücknahme von Agrarfolien, Netzen und Garnen.

Rund 120 Teilnehmer aus 19 Ländern nutzten die zweitägige Vortragsveranstaltung zur Information und zum Erfahrungsaustausch. 
(Bildquelle: Rigk)

Rund 120 Teilnehmer aus 19 Ländern nutzten die zweitägige Vortragsveranstaltung zur Information und zum Erfahrungsaustausch.
(Bildquelle: Rigk)

Weil das Thema keineswegs nur national von Bedeutung ist, finden sich international zahlreiche Sammelsysteme. Zu dem Thema lud im April 2017 Rigk in Kooperation mit der European Association of Plastics Recycling & Recovery Organisations (Epro) nach Wiesbaden ein. Am 2nd International Recycling Forum nahmen rund 120 Branchenvertreter aus 19 Ländern teil und nutzen die Möglichkeit, sich auf internationaler Ebene über Erfahrungen und Entwicklungen bezüglich des Recyclings von Agrarkunststoffen auszutauschen. Die in der Landwirtschaft eingesetzten Kunststoffe machten zwar nur 3,3 Prozent des Kunststoffverbrauchs in Europa aus, berichtet Rainer Mantel von BKV. In Summe fallen jedoch rund 1,6 Mio. Tonnen Kunststoffabfälle jedes Jahr in dieser Branche an. Ein Volumen, das es sich zu nutzen lohnt.

Wie dies weltweit geschieht berichteten einige Experten in Vorträgen über unterschiedliche Sammelsysteme. Was Rigk mit Pamira für entleerte Pflanzenschutzmittelverpackungen in Deutschland leistet, wird in Belgien von Agrirecover, in Irland von Irish Farm Films Producers Group, in Kanada von Clean Farms und in Polen durch das Container Management System PSOR durchgeführt. Auch über aktuelle technische Entwicklungen in den Bereichen Zerkleinern, Reinigen und Aufbereiten konnten sich die Teilnehmer in den Vorträgen und in der begleitenden Ausstellung der Maschinenhersteller Herbold Meckesheim, Tecni-Plasper, Erema, Recyouest sowie Adivalor informieren.

Mit einem besseren Image Nachfrage nach Rezyklat steigern

Kunststoffbehälter, Folien, Netze und Garne können in etablierten Systemen gesammelt und dem Recycling zugeführt werden. (BIldquelle: Rigk)

Kunststoffbehälter, Folien, Netze und Garne können in etablierten Systemen gesammelt und dem Recycling zugeführt werden. In diesem Fall ändert sich für die Abfallsbesitzer nichts, weil die Sammelsysteme die neuen gesetzlichen Vorgaben einhalten. (BIldquelle: Rigk)

Der zweite Forumstag stand unter dem Thema Drivers for Recycling, die der Niederländer Anton Emans von Pre lebhaft beschrieb. Sein zentrales Anliegen: Den Einsatz von Rezyklaten offenlegen und dadurch ein positives Image dafür schaffen. Die weitere Präsentationen drehten sich um die Bedeutung einer zielgerichteten Kommunikation sowie ein recyclinggerechtes Auslegungen von Kunststoffprodukten und die Dokumentation des Erfolgs über die Einführung einer dem Energielabel ähnlichen Klassifizierung mit der Bezeichnung Recyclass.

Über Marktrends gab Francis Huysman von Val-I-Pac, Belgien eine Übersicht. Er berichtete über den Export von Kunststoffabfällen nach Asien, die sich im Wandel befindliche Situation der dortigen Recycler, wie steigende Lohnkosten, strengere Auflagen und die zu erwartenden Auswirkungen auf Europa. Beim Thema Chancen und Limitierungen bioabbaubarer Kunststoffe, beispielsweise in Form von Mulchfolien im Agrareinsatz war das Interesse groß. Michael Baxter (RPC, UK) wies in diesem Zusammenhang mit Nachdruck auf die Notwendigkeit hin, konstante und verlässliche Märkte für konventionelle Rezyklate zu schaffen und so den dabei störenden Einsatz der inkompatiblen Biokunststoffe einzuschränken.

Ganz in diesem Sinne präsentierte Herman van Roost von Total, Belgien, schließlich einen Kunststoff auf PE-Basis, der ein besonders gutes Eigenschaftsbild bietet. Als Blendpartner mit Rezyklat ermöglicht er die Produktion eines neuen Werkstoffs, dessen Eigenschaften die herkömmlicher Neuware übertreffen. Damit, so van Roost, böte er ein breites Potenzial, um bestehende Vorbehalte gegen Rezyklate zu eliminieren.

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Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de