Eine Möglichkeit, junge Nachwuchskräfte mit den gewünschten Kompetenzen im Bereich der Kunststoffverarbeitung zu gewinnen, stellt das duale Studium zum/zur Kunststoffingenieur/-in des Beruflichen Schulzentrum Hof, Rehau, und der Hochschule Hof dar. Dieses kombiniert die akademischen Kompetenzen aus dem Hochschulstudium Systemwerkstoffe (Bachelor of Engineering) mit der Berufsausbildung im eigenen Betrieb zum Verfahrensmechaniker/-in für Kunststoff- und Kautschuktechnik. Hierdurch lernen die Studierenden das Unternehmen von innen kennen und haben einen Bezug zur Praxis. Gleichzeitig vermeidet der Arbeitgeber nach Ende der Ausbildung Fehlbesetzungen in den Abteilungen, da er Stärken und Schwächen des Kandidaten bereits kennt.

Zeiteffiziente Doppelausbildung

Durch eine enge Abstimmung der Lehrinhalte zwischen Hoch- und Berufsschule ist es möglich, beide Ausbildungsgänge in nur 4,5 Jahren zu absolvieren. Bisher beanspruchte eine solche Doppelausbildung mangels Kombinationsmöglichkeiten 6,5 Jahre. Nach dem ersten Berufsausbildungsjahr im Betrieb und mit Berufsschulunterricht beginnt der Auszubildende mit dem Studium. Hier lernen die Studierenden neben den Verarbeitungstechnologien Spritzguss und Extrusion auch spezielle Verfahren, wie Veredelung von Kunststoff-Oberflächen oder Rapid Prototyping. Ab diesem Zeitpunkt konzentriert sich der Besuch der Berufsschule auf die Zeit während des Semesters auf einen halben Tag pro Woche. Voraussetzung dafür im Hofer Modell ist eine enge Zusammenarbeit der Dozenten der Hochschule und der Lehrkräfte der Schule, die drei entscheidende Vorteile bietet – auch für nicht oberfränkische Ausbildungsbetriebe:

  • die Verfügbarkeit über den Dualstudierenden während der Semesterferien für den Ausbildungsbetrieb,
  • das Sparen der Fahrt- und Übernachtungskosten, da der Studierende während des Semesters am Studienort Hof wohnt und Unterrichts- und Studienzeiten eng auf einander abgestimmt sind, und
  • die gegenseitige Anrechnung von erbrachten Leistungsnachweisen zur Entlastung des Studierenden.

Nach drei Jahren findet dann die reguläre Abschlussprüfung zum Verfahrensmechaniker bei der IHK statt. Die letzten drei Semester kann sich der Dualstudierende voll seinem Studium bis zum Abschluss widmen.
Die Absolventen sind danach sowohl in theoretischen Sachverhalten geschult als auch in praktischen Belangen sofort einsatzfähig. Dies macht die enge Verzahnung von Praxis- und Studienphasen möglich.

Günstiger als Marktbeschaffung

Auch auf der Kostenseite ist ein duales Studium attraktiver als eine Marktbeschaffung von fertigen Bachelor-Absolventen. An der Nordakademie Elmshorn hat Professor Mainz im Rahmen einer Studie ermittelt, dass die Nettokosten eines dualen Studiums bei rund 91.000 Euro, die Marktbeschaffung und Einarbeitung eines Ingenieurs jedoch bei rund 125.000 Euro liegen. Der von beiden Personen eingebrachte Ertrag bis zum Zeitpunkt, wo sie 100 Prozent leisten, bringt zirka 80.000 Euro. Die Amortisationsdauer liegt bei 2,5 Jahren des dual Studierenden und bei über 5,5 Jahren bei einer Marktbeschaffung. Ein duales Studium lohnt sich also, auch wenn es auf den ersten Blick aufwändiger erscheint. Dies gilt laut Michael von Hertell, Ausbildungsleiter bei Rehau + Co, Rehau, und Mitgestalter des Studiengangs, im Übrigen nicht nur für Großkonzerne: „Auch für kleinere Unternehmen ist zu empfehlen, den eigenen Fach- und Führungsnachwuchs heranzubilden. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Sie lernen den Kandidaten über 4,5 Jahre kennen und können somit den Einsatz nach dem erfolgreichen Bachelorabschluss zielführend planen.”

Marketing für die Kunststoffbranche

Weil diese Ausbildungskombination relativ neu ist und Schüler die Kunststoffbranche nur selten als eine vielseitige, attraktive Branche mit einem spannenden Werkstoff wahrnehmen, interessieren sich bislang nur wenige für diese Studienrichtung. Daher sollten Unternehmen, die dieses duale Studium anbieten, das Ausbildungsangebot öffentlichkeitswirksam nach außen tragen. Dies kann beispielsweise in Form von Präsentationen in Gymnasien und die Teilnahme an für Gymnasiasten relevanten Ausbildungsmessen sein. Hierbei unterstützt das Jobstarter-Projekt „My-Plastics – Deine Zukunft mit Kunststoff” interessierte Unternehmen. My-Plastics ist ein Kooperationsprojekt des Kunststoff-Netzwerk Franken, Bayreuth, und des Betriebswirtschaftlichen Forschungszentrum für Fragen der mittelständischen Wirtschaft an der Universität Bayreuth (BF/M-Bayreuth). Eines der Ziele des Projektes ist es, die Ausbildungsberufe der Kunststoffbranche den Schülern in Nordbayern (Ober-, Mittel-, Unterfranken) bekannt zu machen. Dazu ist My-Plastics gemeinsam mit Kooperationsunternehmen auf Ausbildungsmessen und in Gymnasien sowie Fachoberschulen aktiv und präsentiert den Schülern das duale Studium zum/zur Kunststoffingenieur/-in. Zielgruppengerechte Werbematerialien unterstützen die Ansprache junger Menschen.

Erfahrungsaustausch zwischen den teilnehmenden Firmen

My-Plastics bietet interessierten und bereits teilnehmenden Firmen eine Plattform in Form einer Arbeitsgruppe, in der sie sich zu Themen dieser Ausbildungskombination austauschen können. Diese Gruppe besteht vor allem aus den teilnehmenden Firmen sowie der Hoch- und Berufsschule, Vertretern der IHK und der Agentur für Arbeit. My-Plastics hat diesen Kreis 2009 initiiert und im November 2011 bereits das elfte Treffen organisiert.

 

ERHÖHTE MARKTCHANCEN

 

Win-win-Situation

Der duale Studiengang Systemwerkstoffe bietet Arbeitgebern und Auszubildenden gleichermaßen Vorteile: Die Studierenden erhalten in vergleichsweise kurzer Zeit eine umfassende Ausbildung in Theorie und Praxis, die Unternehmen profitieren von einer günstigen Marktbeschaffung auf monetärer Ebene. Gleichzeitig vermeiden sie Fehlbesetzungen, da sie die Kandidaten mit all ihren Stärken und Schwächen während der Ausbildung kennenlernen.

 

Über den Autor

Paul Dölle