Menschen in höherem Alter haben altersbedingte Einschränkungen in ihrer Kraft, ihrem Tastsinn und ihrer Sehfähigkeit. Sie haben tagtäglich mit Verpackungen zu tun, die einen zu hohen Kraftaufwand erfordern, die zu kleine Flächen haben, auf der die Kraft angebracht werden kann und deren Öffnungsmechanismen kaum zu erkennen sind. So sorgen viele Verpackungen in der Handhabung für Ärger und Unverständnis. Die Professur Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Chemnitz unter Leitung von Prof. Dr. Birgit Spanner-Ulmer führte zu diesem Thema Kundenbefragungen und Nutzertests durch. Dass die Studie genau den Nerv vieler Verbraucher trifft, hat der wissenschaftliche Mitarbeiter Frank Dittrich festgestellt: „Die Resonanz auf unsere Studie war sehr groß. In Zuschriften wurden uns die Probleme beim Öffnen von Verpackungen immer wieder geschildert. Das Thema beschäftigt viele Menschen.”

Zum Auspacken in die Universität

Um Probleme mit der Gebrauchstauglichkeit besser identifizieren zu können, wurde die vermeintlich sensiblere Altersgruppe der Älteren zum Auspacken in die Universität eingeladen. An dem Nutzertest nahmen 21 Probanden im Alter zwischen 62 und 82 Jahren teil. Getestet wurden zehn verschiedene Getränkeverpackungen (Flaschen und Kartons) und deren Verschlussmechanismen. Bei weiteren zwölf Lebensmittelverpackungen, unter anderem Gläser, Dosen und Eingeschweißtes, wurden die Probanden gebeten, sie zu öffnen und den Inhalt zu entnehmen. Darüber hinaus dienten 14 Verpackungen dazu, herauszufinden, ob die Testpersonen in der Lage waren, das Verfallsdatum und die Inhaltsstoffe zu finden und zu lesen. Es wurden nur solche Verpackungen getestet, die ohne Hilfsmittel zu öffnen sind. Drei Verpackungen konnten von allen Probanden geöffnet werden. Bei zehn Verpackungen hatten mindestens 20 Prozent der Probanden solche Probleme, dass die Verpackung gar nicht geöffnet werden konnte. Spitzenreiter war in Folie eingeschweißte Frischhefe (78?% konnten sie nicht öffnen), danach kamen vakuumverpacktes Kaffeepulver (41?%) und eine Kunststoffschale mit Abreißfolie (40?%), wie sie häufig für Käse- und Wurstaufschnitt verwendet wird.
Bei Verpackungen, die die Probanden öffnen konnten, dauerten die Öffnungszeiten bei der Hälfte der Verpackungen im Durchschnitt über eine halben Minute. Die Gründe für die Probleme waren: zu hoher Kraftaufwand, zu kleine Fläche auf der Kraft einwirken kann und mangelnde Sichtbarkeit der Öffnungsmechanismen. Elf Produkte konnten die Probanden gar nicht öffnen, weil sie Probleme mit der Sichtbarkeit der Mechanismen hatten.
In der Vergleichsstudie mit jungen Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren konnte nur ein Produkt – ein Getränkekarton mit Abreißecke – nicht von allen geöffnet werden. Die Jüngeren brauchten dennoch teilweise ähnlich lange Zeiten zum Öffnen wie die Älteren. Die höhere Öffnungsquote liegt unter anderem darin begründet, dass die Jüngeren die Öffnungsmechanismen eher erkennen und mehr Kraft bei kleinerer Fläche aufbringen können.

Alarmierendes Ergebnis

Als besonders alarmierendes Ergebnis für die Hersteller sollte die Diskrepanz zwischen den Kundenrückmeldungen zum Hersteller und der kaufentscheidenden Rolle von Verpackungen beim Konsumenten sein. Keiner der Befragten gab an, das Verkaufspersonal zu informieren beziehungsweise sich beim Hersteller zu beschweren. Allerdings spielt für 40 Prozent die Verpackung, sollte diese benutzerfreundlich sein, eine kaufentscheidende Rolle. Immerhin 31 Prozent geben an, ein anderes Produkt zu kaufen, sollten sie nicht mit der Verpackung zufrieden sein.
Dittrich sieht auch bei den Vorgehensweisen der Verpackungshersteller noch Handlungsbedarf: „Hersteller achten bei der Entwicklung ihrer Produktverpackung oft unzureichend auf die Fähigkeiten und Eigenschaften der verschiedenen Verbraucher. So werden Verpackungen in der Regel von Menschen entwickelt, die mitten im Berufsleben stehen und die keine oder kaum körperliche Einschränkungen haben. Sie können die Probleme Älterer oftmals nicht nachvollziehen. Menschen mit limitierten Fähigkeiten sind nicht im Entwicklungsprozess involviert. Bei der Entwicklung von Verpackungen stehen außerdem andere wichtige Kriterien wie Kosten, Produktionsprozesse und Vorgaben vom Marketing im Vordergrund.” Dabei erfordert eine altersgerechte Verpackung – und damit eine hohe Gebrauchstauglichkeit für alle – kein großes Umdenken, nur muss einigen Punkten ein höherer Stellenwert bei der Entwicklung eingeräumt werden. So sollte der Öffnungsmechanismus gut sichtbar oder leicht ertastbar sein. Die eingeschränkte Fingerfertigkeit und die geringere Kraft in den Händen erfordern leichtgängige Verschlüsse und große Flächen zum Anfassen. Wichtig ist auch eine Beschriftung, die gut lesbar ist. Allen, die im Bereich Produktverpackung tätig sind, rät Dittrich: „Die Hersteller sollten nicht reagieren, sondern agieren und die Gebrauchstauglichkeit von Produktverpackungen als Wettbewerbsfaktor für sich nutzen.”

Erhöhte Marktchancen
Gebrauchstauglichkeit von Verpackungen als Wettbewerbsfaktor

Die Studie der TU Chemnitz macht es deutlich: Ältere Menschen haben große Schwierigkeiten mit Produktverpackungen. Dabei wird eine benutzerunfreundliche Verpackung längst nicht mehr von jedem Konsumenten einfach hingenommen. Die Umfrage zeigt, dass für fast 40 Prozent der Befragten eine gebrauchstaugliche Verpackung eine kaufentscheidende Rolle spielt. Diese wenden sich bei Problemen mit Verpackungen aber nicht an Hersteller oder Verkaufspersonal. Für Hersteller bedeutet das, dass sie bei einem schlecht gelösten, aber kaufentscheidenden Produktmerkmal keine Information erhalten, wie die Verpackung beim Kunden ankommt beziehungsweise von diesem akzeptiert wird.

 

 

Über den Autor

Oliver Lange